Trau Dich zu verhandeln!

Pascale Müller, Investigativreporterin Foto: Kay Herschelmann

Konstruktiv mit finanziellen Herausforderungen als Freiberufler umgehen

Pascale Müller recherchiert u.a. zur Arbeitsausbeutung für Print, TV und Radio und erhielt für ihre 2018 bei bei BuzzFeed und Correctiv publizierte Sozialreportage zu sexualisierter Gewalt gegenüber Erntehelferinnen in Spanien, Marokko und Italien den Nannen-Preis. Die freie Investigativjournalistin lud zum Erfahrungsaustausch. Wie können Freie die finanziellen Herausforderungen ihrer Arbeit bewältigen?

Seit zehn Jahren ist Müller Freie und wird oft gefragt, wie sie das macht. Angesichts ihres errechneten Nettoeinkommens von monatlich 1.145 Euro – die Armutsgrenze liegt in Deutschland bei 1.251 Euro für Alleinlebende – sei sie „stolz auf die Ausdauer, das durchzuhalten.“ Privat hat sie ihren Wohnort nach Brandenburg verlegt, der niedrigeren Mieten und Kosten wegen.

Freie Tätigkeit ist nicht einfach zu finanzieren. Davon berichtete auch die Runde in lebhafter Diskussion. Da journalistische Medien – und hier vor allem Print – schlecht bezahlen, geben Freie zusätzlich Seminare, betreiben PR als zweites Standbein (was durchaus zu Interessenkonflikten führen kann), arbeiten in Projekten bis zu 80 Stunden in der Woche oder gründen eigene kleine Unternehmen. Kurz: Sie betreiben weniger Journalismus, um zu überleben. Prekäres Einkommen dränge nicht wenige aus dem Beruf. „Es liegt nicht an euch“, ermutigt Müller, das sei Marktversagen. Andere Finanzierungsmodalitäten für Journalismus als das klassische Verlegermodell würden gebraucht.

Trotzdem gibt es Wege, eine Mischung fürs freiberufliche Arbeiten zu finden. Müller hält eine Checkliste bereit. Freie sollten realistische Erwartungen an den Auftrag haben und Mehrfachverwendungen absprechen. Nebenjobs seien in Erwägung ziehen – die KSK akzeptiere auch 520-Euro-Jobs in anderen Metiers. Corporate Jobs und Vernetzungen seien hilfreich. Und nicht zuletzt Verhandlungs-geschick. „Trau dich, zu verhandeln!“ Oft sei bei Honoraren mehr drin. Es ist gut, dafür Infos – beispielsweise bei den Freischreibern unter www.wasjournalistenverdienen.de – einzuholen. Eine Schmerzgrenze sei zu ziehen, unter der man den Auftrag ablehnt. Dieses Selbstwertgefühl ist wichtig, so Müller. „Sonst machen sie mit dir, was sie wollen.“

Bei größeren Recherchen – auch das bewegte im Workshop – sollte man eine Kostenaufstellung vorlegen. Was wird gebraucht, um das Thema gut zu recherchieren? Worauf gründet sich meine Honorarforderung? Die dju in ver.di hält dafür eine Angebotsbeilage mit allen wesentlichen Kosten bereit, die (Solo)-Unternehmen erwirtschaften müssen. Motto „Transparenz und Fairness schaffen Vertrauen“. (https://dju.verdi.de/)

Unbedingt sollten für Qualitätsjournalismus auch Stipendien wie das der Otto-Brenner-Stiftung für kritische Recherche herangezogen werden. Eine Stipendien-Auflistung ist beim Netzwerk Recherche zu finden. (https://netzwerkrecherche.org). Insgesamt, so konstatierte die Runde, wäre es hilfreich, wenn die freiberufliche Welt besser organisiert wäre.

Eine engere Vernetzung, auch über ver.di, mehr Solidarität und Einsatz wurden angemahnt. Eine Lobby müsse geschaffen werden. Letztlich, so einer der Diskutanten, sei es nicht die Frage, Geld zu verdienen; schwierig sei, wieviel man dafür arbeiten muss. Wieviel Zeit bleibt noch am Tag fürs Leben?

 

 

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