Trimedial den rechten Rand beobachten

Vor einen Jahr startete der NDR ein einmaliges Projekt gegen Neonazis redaktionsübergreifend im gesamten Sendegebiet. Wulf Beleites sprach mit Katrin Becker und Kuno Haberbusch von der Projektgruppe „Der Norden schaut hin“.

Kuno Haberbusch und Katrin Becker Foto: Wulf Beleites
Kuno Haberbusch und
Katrin Becker
Foto: Wulf Beleites

Ein Jahr journalistischer Kampf gegen rechts. Allein auf der NDR-Startseite von „Der Norden schaut hin“ finden sich Links zu knapp fünfzig Beiträgen, mindestens einer pro Woche. In Radio und Fernsehen wurde über den rechten Sumpf berichtet. Das ging vom dumpfen Hass gegen Asylantenunterkünfte über neonazistisches Treiben von Burschenschaften bis hin zu den Tiraden des mecklenburg-vorpommerischen NPD-Fraktionsvorsitzenden Udo Pastörs. Gezeigt wurden nicht nur die Umtriebe der Nazis, die Duldung einer wegschauenden Bevölkerung, sondern auch die Gegenwehr von Bürgern und Initiativen. Läuft das Projekt noch?

Kuno Haberbusch | Es läuft jetzt nicht mehr als herausgehobenes Projekt, es ist mehr Regelbetrieb. Das Thema bleibt auf der Agenda.

Katrin Becker | Wir haben die Webseite„Der Norden schaut hin“. Die Online-Kollegen pflegen sie, aktualisieren, setzen neue Themen rein. Der Schwerpunkt liegt jetzt tatsächlich mehr bei Online, denn beim Fernsehen.

Es ist ein trimediales Projekt: Fernsehen, Rundfunk und Online. Die Hamburger Zentrale vereint mit allen Landesfunkhäusern. Was hat sich aus dieser Zusammenarbeit entwickelt?

Haberbusch | Wir haben mehr Sensibilität erzeugt. Für mich war es ein Lernfortschritt, wie die verschiedenen Gewerke arbeiten. Da habe ich viel Neues gelernt. Mir war zum Beispiel unklar, dass die Onliner nichts mit irgendwelchen Stills aus Filmen (einzelnes, eingefrorenes Bild/Frame aus einem laufendem Film, d. Red.) machen können, sondern eigene Fotos benötigen. Es ist ein ganz banales Ding. Und so haben sich viele neue Anforderungen im Laufe des Projekts ergeben, weil wir unterschiedlich arbeiten.

Becker | Was wir geschafft haben, war eine Art Prototyp zu entwickeln – trimedial zu einem Thema arbeiten. Was man am Anfang auch nicht einschätzen konnte, war, wie spannend das Thema für Sendungen ist. Es ist ja kein abseitiges Thema, aber eins, das in dieser überblicksartigen Darstellung selten behandelt wird.

Wie war der Rückfluss, sowohl aus den Initiativen gegen rechts als auch von den Nazis?

Becker | Jeweils moderat. Wir haben keinen wirklichen Shitstorm geerntet. Das war immer unsere Befürchtung, wenn wir es trimedial aufziehen, dass es über Online richtig heftig wird von den Nazis. Das hat sich auf einige Filme konzentriert. Immer da, wo wir sehr speziell waren, also beispielsweise bei Naziläden oder bei einzelnen Gemeinden, da haben sie gezuckt. Es hat nur eine Klage gegeben. Die Initiativen haben das Projekt total begrüßt. Wir konnten sie vorstellen. Das haben wir vor allem mit den kleinen versucht, die vor Ort in Dörfern arbeiten, die kommunal organisiert sind.

Haberbusch | Wenn die Initiativen in ihrem Regionalmagazin mit dem auftauchen, was sie seit Jahren mehr oder weniger unbemerkt von der Öffentlichkeit tun, fühlen sie sich ermutigt. Und das wollten wir auch. Wir haben sie ermutigt.

Wie hat die lokale Politik auf das Projekt reagiert? Gab es viele Beschwerden, Proteste wie etwa in Wolgast, wo über ein neues Asylantenheim berichtet wurde.

Becker | Der Bürgermeister fühlte Wolgast in ein falsches Licht gesetzt. Ansonsten aber haben sich die Bürgermeister, die sich gegen rechts engagieren, gefreut, dass sie überhaupt einmal erwähnt werden. Sie kämpfen teilweise auf total verlorenem Posten.

Haben sich Schwerpunkte in der Berichterstattung über rechts herausgeschält?

Becker | Natürlich ist entscheidend, wonach man guckt. Viele unserer Autoren hatten Zugang zu Onlinethemen, also Nazis im Netz und Nazimusik. Dazu haben wir viel berichtet. Ein zweiter Schwerpunkt waren die Reporterreisen: Vier junge Reporter sind durch Norddeutschland gefahren und haben recherchiert, wie es auf der Straße aussieht. Unter dem Stichwort Alltagsrassismus haben sie eine ganze Menge zusammengetragen. Das war beängstigend, was da in Bussen und auf Bahnhöfen gesprochen wurde.

Haberbusch | Bei der Reporterreise haben wir drauf geachtet, dass verschiedene Sujets vorkommen: Musik, Alltag, Sportverein.

Kommen die Autoren jetzt öfter mit Themen aus diesem Spektrum und ist die Sensibilisierung innerhalb des Senders größer geworden, solche Themen aufzugreifen?

Haberbusch | Das Ziel war, andere zusätzlich zu sensibilisieren, sie zusammenzuführen. Das ist uns in den Redaktionen gelungen. So haben sich auch neue Leute kennen gelernt. Mich hat gefreut, dass das Haus dieses Projekt unterstützt hat, auch finanziell. Ich fand es toll, mit den Autoren zu arbeiten. Es hat sich gelohnt. Es war notwendig.

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