Über Politiker-Psyche und Unternehmermacht

Warum die Pressefreiheit nicht mal mehr über den Wolken grenzenlos ist und Politiker immer dreister mit Journalisten umspringen

Keine deutsche Zeitung, sondern der englische „Guardian“ enthüllte als erstes Blatt, dass die Lufthansa nicht nur Probleme mit ihren Piloten, sondern auch mit der Presse hat. Weil dem Flugunternehmen die Berichterstattung der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) über den Pilotenstreik quer kam, reduzierte es selbstherrlich die Bordauflage des Münchner Blatts um über 10000 Exemplare – „aus Gründen der Medienvielfalt“, wie die Kranich-Crew höhnisch verlautbarte.

Welchen Einfluss die Lufthansa als Zeitungs-Großeinkäufer auf deutsche Verlage und Redaktionen hat, konnte die freie Münchner Journalistin Tatjana Meier in einem unfreiwilligen Feldversuch studieren. Bei sechs Redaktionen hatte sie ihr exzellent recherchiertes Manuskript über die Pressionen der Lufthansa auf die Presse angeboten. En detail hatte Tatjana Meier den aktuellen Konflikt zwischen dem Flugunternehmen und der SZ beschrieben: mit lauter Belegen, Fakten und Zitaten. Trotzdem gab es Absagen in Serie.

Der „Stern“ befand, den Leser interessiere dieser Konflikt nicht. „Spiegel“-Wirtschaftschef Gabor Steingart reichte das Meier-Manuskript zurück, weil es nicht den Kriterien des Hamburger Nachrichten-Magazins entspreche. Und der Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“, Jochen Siemens, bat die Autorin um Überarbeitung „aufgrund sachlicher Fehler und Ungereimtheiten“. Was man eben so sagt, wenn man ein lästiges Manuskript loswerden will.

Erst als die SZ selbst ihren Konflikt mit der Lufthansa öffentlich machte, konnten die anderen Blätter den dreisten Eingriff in die Pressefreiheit nicht länger totschweigen.

Einen journalistischen Tapferkeitsorden hat sich dabei der versierte Medien-Kolumnist Michael Jürgs verdient, der seine Kollegen dazu aufrief, solange mit der Bahn zu fahren, „bis die SZ wieder mitfliegen darf“. Jürgs veröffentlichte seinen Boykottaufruf ausgerechnet in der „Woche“, deren schmale Auflage ohne die rund 20000 Lufthansa-Exemplare längst im Sinkflug wäre. Chapeau!

Springer-Urgestein Peter Boenisch („Die Lufthansa hatte einen Kranich. Zur Zeit hat sie einen Vogel“) schrieb sich bei dem Konflikt um Kopf und Kragen. Nachdem Boenisch auf der SZ-Medienseite in 51 Druckzeilen über „Lufthansa und Pressefreiheit“ philosophiert hatte, kündigte ihm der Springer-Verlag postwendend seinen hochdotierten Berater- und Kolumnisten-Vertrag. Immerhin ist die Lufthansa der mit Abstand größte Springer-Kunde. Da liegt es nicht so fern, dass das Verlagshaus dem Flugunternehmen „eine kleine Ergebenheitsadresse apportieren wollte“, wie SZ-Edelfeder Herbert Riehl-Heyse mutmaßt. Nicht mal mehr über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos …

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Warum Politiker mit Journalisten immer dreister und ungenierter umspringen, hat das NDR-Magazin „Panorama“ jetzt in einem bemerkenswerten Beitrag dokumentiert. Unter dem Titel „‚Nutten‘ und ‚Schweine‘ – Was manche Politiker von Journalisten halten“ suchten die Autorinnen Ilka Bracht und Sabine Platzdasch nach Ursachen für die zunehmenden Feindseligkeiten an der Medienfront. Offenbar, mutmaßt „Woche“-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges in dem „Panorama“-Beitrag, habe sich das Verhalten der Journalisten geändert: „Die funktionieren nicht mehr so, wie es die Politiker über viele Jahre gewohnt waren.“ Immer mehr Journalisten hätten ihr „devotes und unterwürfiges“ Verhalten aufgegeben: „Bauch pinseln“, „Karriere begleiten“ und „nach oben schreiben“ sei nicht mehr so angesagt. „Das fasst dann die Psyche des Politikers nicht mehr“, urteilt Jörges, am Ende stehe „bodenlose Enttäuschung und Wut auf Journalisten“.

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Einen PR-trächtigen Rollentausch zwischen Politikern und Journalisten hatte der Berliner Verein „Werkstatt Deutschland“ organisiert. Finanzminister Eichel durfte als „Bild“-Chefredakteur für einen Tag den scharfen Hans markieren und das Spindluder für die Titel seite klarmachen, FDP-Chef Guido Westerwelle verlas bei Sat 1 die nächtlichen Fernsehnachrichten. „Kurzum“, schleimte „Bild“-Graf Mainhardt Nayhauß über die dubiose Aktion, „Politik und Presse kamen sich näher“. Was ja alles andere als wünschenswert ist, wie „Zeit“-Autor Gunter Hoffmann feinsinnig bemerkte: „Diese Veranstaltung ist ein Teil des Problems, das sie beleuchten will.“

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Wenn es einen Preis für mediale Heuchelei gäbe, wäre „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann allererster Anwärter. „Ich bin der Meinung, dass normale Eheprobleme von Politikern, solange es keine politischen Implikationen gibt, kein Thema für unsere Zeitung sind“, tönte Diekmann gegenüber dem „medium magazin“. Und dann trat er nach: „Amüsiert hat mich, das ausgerechnet die ‚Süddeutsche Zeitung‘, sonst das Zentralorgan der Kollegenschelte, die Gerüchte um Joschka Fischers Ehe in allen Einzelheiten und perfiden Formulierungen ausgebreitet hat.“ Hier hat mindestens das Kurzzeitgedächtnis von Diekmann ausgesetzt. Schließlich war es der Berliner „Bild-Hofberichterstatter Graf Nayhauß, der die Gerüchtewelle über die angeblich kriselnde Ehe des Außenministers schlagzeilenträchtig losgetreten hatte. Gegenüber „n-tv“ hatte Nayhauß seine intimen Schnüffeleien später gerechtfertigt: „Meine Redaktion wollte wissen, was da los ist mit der Ehe des Außenministers.“

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Dass Kanzler Gerhard Schröder von den jungen Blattmachern des Springer-Konzerns „plötzlich in der Sänfte über den Kampfplatz getragen wird“ („Die Woche“), liegt wohl im Selbstverständnis einer neuen Journalisten-Generation, die die Beliebigkeit zum Prinzip erhoben hat. „Die neuen angeblich Mächtigen sind Sprösslinge ihrer Zeit, mal so, mal so“, urteilt SZ-Enthüller Hans Leyendecker und charakterisiert Springers Journalisten-Yuppies: „Sie wollen dabei sein, oben natürlich, Karriere machen und gute Geschäfte. Zukunft ist ein Wort aus der Vergangenheit. Selbst ihre Kampagnen betreiben sie spielerisch.“

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Er hat die Radio-Reportage als längst totgesagtes Genre aus dem Abseits geholt: Günther Koch, Deutschlands virtuosester Sportreporter. In einem brillanten Porträt über den „Meistersinger von Nürnberg“ enthüllt Jürgen Schreiber im Berliner „Tagesspiegel“, dass ausgerechnet Koch, der fraglos Beste seines Metiers, bei der kommenden Fußball-WM 2002 nicht zur Stammformation der öffentlich-rechtlichen Reporter-Crew gehören soll. Koch sei offenkundig gescheitert am „Münchner Funkhaus-Klüngel“, dem „Intrigantenstadl“ und jenen „Bürokraten, die sich bei der dürftigen Anmoderation die Zunge brechen“, mutmaßt Schreiber in seiner preiswürdigen Reportage. Kochs letzte Hoffnung ist ein Machtwort des ARD-Chefs. Herr Pleitgen, übernehmen Sie!

 

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