Umdenken auf dem medialen Bildermarkt!

Fotograf*innentag 2021: Teilnehmen war life im Saal oder per Livestream möglich. Foto: Karsten Ziegengeist

Fotograf*innentag 2021 debattierte zukunftsfähige Ansätze und nachhaltige Arbeitsweisen im Fotojournalismus

Der Fotojournalismus ist zukunftsfähig! Dieses positive Signal sendeten Vorträge und Diskussionen beim Fotograf*innentag 2021 am 8. Oktober in Dortmund. Es ging um neue Chancen für das Berufsbild in Zeiten des „digitalen Plattformkapitalismus“, zunehmender Anforderungen durch Auftraggeber und immer schlechterer Bezahlung. „Slow Journalism“, eigene, digitale Veröffentlichungsformate oder besser vernetzte Interessenvertretungen bieten Ansätze.

„Ich bin froh, dass wir nun endlich wieder einen Fotograf*innentag stattfinden lassen“, sagte Monique Hofmann, Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di bei ihrer Begrüßung. Angesichts zunehmender Herausforderungen für Fotojournalist*innen in den vergangenen Jahren, mit „juristischen Attacken und rechtlichen Abmahnungen, die an der Tagesordnung sind, aber auch verbalen Anfeindungen im Netz, die stark zugenommen haben“, sei eine fachliche Verständigung überfällig.

Zum ersten Mal seit 2009 richtete die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di den Aktionstag wieder aus – in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund. Rund 70 Fotojournalist*innen nahmen, entweder in der Aula der Fachhochschule oder per Livestream zugeschaltet, an der Veranstaltung teil.

Kern journalistischer Arbeit

Herausforderungen bietet das Berufsbild aber auch inhaltlich: durch Internet-Plattformen, die eine nie dagewesene Verbreitung und Vervielfältigung von Bildern mit sich bringen. Darauf ging Dr. Felix Koltermann, Mitarbeiter der Abteilung Design und Medien an der Hochschule Hannover, in seinem Vortrag „Fotojournalismus 2.0 – Fotografische und gewerkschaftliche Handlungsstrategien im digitalen Plattformkapitalismus“ ein:

Felix Koltermann bei seinem Einführungsvortrag. Foto: Karsten Ziegengeist

„Nur noch ein kleiner Teil von Fotojournalistinnen und -journalisten kann den eigenen Lebensunterhalt mit seiner Arbeit bestreiten, die Anzahl der Festanstellungen nimmt stark ab, die Honorare für Nutzungsrechte stehen massiv unter Druck“, beschrieb er die düstere Ausgangssituation. „Wir müssen überlegen, ob die Probleme im Fotojournalismus und auf dem journalistischen Bildermarkt, wenn nicht ursächlich, so doch zumindest verstärkt werden durch die Regeln des Plattformkapitalismus und der digitalen Ökonomie“, gab Koltermann zu bedenken.

Ein Umdenken – weg von Masse, hin zu Qualität – „eine Bildökologie im Sinne eines ressourcenschonenden Umgangs mit Bildern“ müssten endlich stattfinden. Auch, so Koltermann, müssten eine sehr klare Trennung zwischen journalistischen und nicht-journalistischen Inhalten erfolgen, Stock- und PR-Fotos aus redaktionellen Inhalten verbannt werden. „Fotografie im Journalismus ist kein billiges Illustrationsmittel, um den Inhalt ‚aufzuhübschen‘ und das Produkt besser zu verkaufen, sondern Kern journalistischer Arbeit“, stellte er heraus. „Und nicht jeder Text, der veröffentlicht wird, benötigt zwangsläufig ein Bild.“

Um den Herausforderungen des modernen Fotojournalismus zu begegnen, sei es wichtig, eigene, digitale Publikationsformate zu entwickeln, ein fotojournalistisches Selbstverständnis aufzubauen, bei dem Fotojournalisten als Journalisten anerkannt würden. Der Fokus sei auch mal weg von den Verwertungsrechten hin zu dem Recht am Bild des Dargestellten zu legen, beschrieb Koltermann einige seiner Lösungsansätze. Ebenso müssten Gewerkschaften, sich „nicht als Besitzstandswahrer, sondern als Debattentreiber“ sehen, sich stärker mit anderen Journalismus- und Foto-Verbänden vernetzen und dabei unterstützen, dass Fotojournalismus als solcher insgesamt sichtbarer und wertgeschätzter werde.

Entschleunigung und Nachhaltigkeit

Die folgende Mittagspause bot die Möglichkeit, sich die Ausstellung „Die Flut in Westdeutschland – 2021“ des Docks-Dokumentarfotograf*innen-Kollektivs anzuschauen und den Austausch mit einigen ihrer Mitglieder zu suchen.

Ein geladener Gast, Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, freute sich ganz besonders, als er in dieser Umgebung aktuell von der Verleihung des Friedensnobelpreises 2021 an Maria Ressa und Dimitri Muratow erfuhr: „Ich kenne beide persönlich und freue mich natürlich sehr, dass zwei Journalisten ausgezeichnet wurden“, sagte Mihr gegenüber M. „Beide stehen für mutigen, unabhängigen Journalismus: Maria Ressa von den Philippinen als Leiterin von ‚Rappler‘, einem digitalen Medium für investigativen Journalismus, und Dimittri Muratow aus Russland als Mitbegründer und Chefredakteur der russischen Zeitung ‚Novaja Gazeta‘.“ Für die beiden Journalisten sei die Auszeichnung großartig, „weil sie besonders mit ihrer Arbeit für die Pressefreiheit stehen“, so Mihr. Die Auszeichnung von zwei Journalisten mit dem Friedensnobelpreis sei „aber auch für die Bedeutung der Pressefreiheit in der Welt ein wichtiges Zeichen.“

„Slow Journalism – Langfristige und nachhaltige Finanzierung von Projekten“, so der Titel des nachfolgenden Vortrags, mit dem der Hamburger Multimedia-Journalist Uwe Martin Einblicke in eine neue und nachhaltige Arbeitsweise gab. Mit den Medien Fotografie, Film, Text und Ton dokumentiert der diplomierte Fotodesigner seit 2007 weltweit die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Landwirtschaft. „LandRush“ heißt sein transmediales Langzeit-Projekt zwischen Journalismus, Kunst und Wissenschaft, für das er mit Bauern in allen Regionen der Welt spricht, „die immer höchstens ein schlechtes Jahr vom Bankrott entfernt leben“, so Martin.

Multimedia-Journalist Uwe Martin gab Einblicke in eine neue und nachhaltige Arbeitsweise. Foto: Karsten Ziegengeist

Für seine Recherchen verbringe er nicht Wochen, sondern Monate oder mittlerweile auch schon mal ein ganzes Jahr an einem Ort. „Ich interessiere mich für die Geschichte hinter der Geschichte“, erklärte er seinen Ansatz. Entstanden sei dieser „Slow Journalism“, so der Hamburger, „weil ich jemand bin, der Zeit braucht, um die Dinge in all ihrer Tiefe zu verstehen“. Mit Fördermitteln und Stipendien, aber auch mit dem mehrfachen Vertrieb seiner Geschichten finanziere er die Projekte, von denen er heute gut leben könne.

„Es ist wichtig, den Journalismus weiterzuentwickeln“, erläuterte Martin. Heute arbeite er nicht mehr nur für ein Medium, sondern für ein Projekt. Nur so bestehe für ihn die Möglichkeit, Geschichten über die großen gesellschaftlichen und politischen Themen zu machen, die aufeinander aufbauten und für die es in gängigen Medienformaten keinen Platz gebe. Auf Langzeitthemen jenseits von Nachrichten zu setzen, „ist der einzige Weg für mich“, so sein Fazit.

Wiederholung wünschenswert

Den Abschluss des anregenden und intensiven Tages in Dortmund bildete eine Diskussionsrunde zur „Berichterstattung von Demonstrationen, Aktionen, Großveranstaltungen im Spannungsfeld zwischen Fotograf*innen/Journalist*innen und Polizist*innen“. Moderiert von Medienjournalist Kai Rüsberg diskutierten der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen Christian Mihr, der Leiter der Direktion Gefahrenabwehr/Einsatz der Polizei Gelsenkirchen Peter Both, die dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann und der freie Fotograf Jannis Große, einer der Kollegen, die auf der IAA von der Polizei festgesetzt wurden und mit ver.di-Hilfe dagegen klagt. Im Mittelpunkt standen einerseits die schlechter werdenden Bedingungen für Foto-/Journalist*innen in Bezug auf die Pressefreiheit in Deutschland, andererseits Vorwürfe der Behinderung von Journalist*innen bei der Ausübung ihrer Arbeit durch Polizeikräfte. Alle Debattenteilnehmer*innen wünschten sich mehr professionellen Austausch, spezialisiertere Aus- und Weiterbildungen von Polizeibeamten sowie mehr geschulte „Medienbeamte“ mit erweiterten Befugnissen.

Während der Abschlussdebatte. Foto: Karsten Ziegengeist

„Es war ein gewinnbringender Tag, der Perspektiven aufzeigt“, resümierte dju-Bundesgeschäftsführerin Monique Hofmann Debatten und die gute Stimmung des Fotograf*innentages. Sie selbst sei inspiriert und sicher, dass auch die Teilnehmer*innen Anregungen für sich und ihre Arbeit mitnehmen könnten. Eine zeitnahe Wiederholung sei wünschenswert.

 

 

 

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