Und Action!

Ein Mann, der für Film-Kollegen durchs Feuer springt

Sönke Korries, Stuntman: Für seine Kollegen am Set springt er durchs Feuer oder brettert mit quietschenden Reifen gegen die Wand, für seine Stuntkollegen geht er den beschwerlichen Gewerkschaftsweg durch Dick und Dünn und gründet die Berufsgruppe Stunt in der ver.di FilmUnion.

Eine Lagerhalle in der Blomeschen Wildnis, eine Gemeinde bei Glückstadt an der Unterelbe. Vor der Halle: Ausgebrannte Autowracks mit verkohlten Leichen, ein halber Polizeiwagen mit rotierendem Blaulicht, eine verkohlte Hauswand, in der das Fenster fehlt. Gleich soll es eingesetzt werden, damit Dave, Moderator und Hauptdarsteller eines Werbefilms für eine Kamera, kopfüber durch die dann berstende Scheibe springen kann, um danach in den Splittern auf einer Matte zu landen.

Sönke Korries, Stuntman foto: Mathias thurm
Sönke Korries, Stuntman
foto: Mathias thurm

Stuntman Sönke Korries hat die Filmcrew neben der Matte um sich versammelt. Heute macht er selbst keinen Stunt, sondern hat den Drehort, das Equipment, Komparsen, seine jahrelange Erfahrung, der Werbeproduktion zur Verfügung gestellt – sein Stunt-Knowhow vermietet.
Wind ist aufgezogen und das beunruhigt ihn, immerhin geht es um den Einbau einer Fensterscheibe aus Spezialglas: „Es muss jetzt jeder wissen, was passiert. Das Risiko, das wir haben, ist diese Scheibe, dass diese Scheibe da heil reinkommt, bevor die in sich selber zerspringt. Denn das ist wie ein rohes Ei, dieses Ding. Das heißt, wir werden alle Kameras einrichten und alle Mitwirkenden auf Position stellen und dann werden wir die Scheibe einbauen. Dann kriegen wir von jeder Kamera ein OK. Dann gebe ich Dave das GO und ACTION. Alle auf Position.“
Wohl jeder hat Korries schon einmal gesehen. Etwa im Kino in Filmen wie „Inglourious Basterds“, „Soul Kitchen“ oder „Gegen die Wand“. Oder im Fernsehen im „Großstadtrevier“, „Tatort“ oder „Alarm für Cobra 11“. Doch erkannt wird er meist nie, denn er doubelt Schauspieler wie Götz George, Heinz Hönig oder Armin Rohde in den gefährlichen Parts. Angefangen hat alles bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Als 14jähriger machte Korries dort ein Praktikum als Pyrotechniker. Seit nunmehr über zwanzig Jahren ist er Stuntman. Früher war es besser in diesem ungeschütztem Beruf – jeder darf sich Stuntman nennen: „Die Gagen sind verfallen. Wir haben Buyout-Verträge.“
Gagen zwischen 250 – 350 Euro pro Tag sind keine Ausnahme. Was auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aussieht, gewinnt aber vor der Realität des Arbeitsalltags der Stuntleute eine andere Dimension: Sie werden nicht für die gesamte Dauer einer Film- oder TV-Produktion verpflichtet, sondern nur ein, zwei, drei oder vier Tage. Dann kommt lange wieder nichts. Und gedreht wird meistens nur im Sommer. Obendrein können Stuntmen und -women in der Regel wie Spitzensportler nur bis zum Alter von 35–40 Jahren ihren Beruf aktiv ausüben. Dann ist Schluss und fürs Alter meist kein Geld mehr da.
Sönke Korries klares Ziel: „Wir müssen die Gagen wieder auf Vordermann bringen.“ Nicht alleine, sondern zusammen mit den anderen Filmschaffenden, „die,“ so die ver.di FilmUnion, „als Selbstständige, auf Produktionsdauer oder unständig Beschäftigte und Angestellte in der Film- und Fernsehproduktion arbeiten.“ 2005 wurde er ver.di-Mitglied und trat in die FilmUnion ein.
Etwa 4.000 Film- und Kulturschaffende sind hier organisiert – das geht von den Aufnahmeleitern, über Cutter, Darsteller, Kameraleute, Maskenbildner, Produktionsfahrer oder Regisseure bis hin zum Tonmeister. Und natürlich sind die Special Effect Men dabei. Und wie immer in der Gewerkschaft: Wer sich engagiert, macht auch schnell ehrenamtlich Karriere. 2008 wird Sönke Korries Mitglied im Regionalvorstand Hamburg, 2010 wird er in den Bundesvorstand gewählt. Seit 2012 ist er Mitglied im Tarifausschuss:
„Ich bin auch in der Arbeitsgruppe Urheberrecht, wo wir sehr gute Fortschritte machen und ich auch zum ersten Mal für die Stuntleute aktiv werden kann.“ Bei Wiederholungen werden Stuntmen finanziell nicht bedacht. Früher einmal gab es Tantiemen, doch die guten Zeiten sind durch Knebelverträge mit den Produktionsfirmen längst passé. Seit 28 Monaten verhandelt die Tarifkommission mit den Produzenten um einen Urhebertarifvertrag. Nächster Termin ist der 11. Oktober (nach Redaktionsschluss). Und Sönke ist dabei, nicht nur für seine Stuntkollegen: „Ich setze mich in dieser ehrenamtlichen Aufgabe für alle Film- und Fernsehschaffenden ein, hoffe dennoch für die Stuntbranche da sein zu können.“
Und er tingelte durch die Filmstädte München, Köln, Berlin und Hamburg und warb ohne Tricks und doppelten Boden für eine bundesweite, gewerkschaftliche Interessensvertretung der Stuntleute. Anfang August war es dann soweit: Die Berufsgruppe Stunt in der ver.di FilmUnion wurde gegründet. Standesgemäß gab es einen ganz besonderen Auftakt der gemeinsamen Arbeit: Ein „High Fall Training“ für Neumitglieder und Vorständler der FilmUnion bei Korries in der Blomeschen Wildnis.
Zurück an den Set der Werbeproduktion: Dave ist durch das Fenster gesprungen und liegt auf der Matte. Sönke Korries untersucht ihn auf mögliche Verletzungen. Nichts. Korries richtet sich auf und beklatscht den gelungenen Stunt, die Crew macht es ihm nach. Denn nicht nur in der Gewerkschaft, sondern auch am Set gilt uneingeschränkte Solidarität.

 

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