Ungehorsam ist Programm

Foto: DOK Leipzig 2015 / Stefan Giessner

Internationales DOK-Festival Leipzig: ver.di-Preis mit neuer Ausrichtung

Unter dem Motto „Disobedience” (Ungehorsam) findet vom 31. Oktober bis 6. November 2016 das 59. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm DOK statt. Das älteste Dokumentarfilm-Festival der Welt steht für permanente Veränderung und Nähe zum Puls der Zeit: Die strikte Trennung zwischen Dokumentar- und Animationsfilm wurde aufgehoben. Auch im Branchenbereich DOK Industrie verschmelzen zunehmend die Genres. So werden sich erstmalig bei der Konferenz „DOK Exchange” Fachleute aus dem transmedialen Bereich mit Animations- und Dokumentarfilmschaffenden vernetzen. Der traditionelle ver.di-Preis wird erstmals im Deutschen Wettbewerb Langfilm vergeben.

Dem rasanten Wandel möchte auch ver.di, seit vielen Jahren Preisstifterin und Förderin des Festivals, Rechnung tragen: Die Zusammensetzung der ver.di-Jury bei DOK Leipzig wird – nach einer viele Jahre konstanten Besetzung – zukünftig alljährlich wechseln. In dem maximal fünf Personen umfassenden Gremium können filmaffine und politisch interessierte ver.di-Mitglieder aus allen Gliederungen unserer Gewerkschaft ehrenamtlich mitarbeiten. Bis zum 10. August lief die Ausschreibung für DOK Nr. 59, die sich reger Beteiligung erfreute. Die Mitglieder der ver.di-Jury 2016 sind: Tobias Baumann, Eventmanager; Nancy Brandt, Filmemacherin; Jan-Markus Holz, Cutter; Cornelia Hudl, Schauspielerin und Ludwig Sporrer, Projektleiter DOK.tour beim DOK.fest München.

Den bislang namenlosen, mit 2.500 Euro dotierten, Preis vergibt ver.di ab 2016 erstmals als „ver.di-Preis für Solidarität, Menschlichkeit und Fairness” an einen Film aus dem Deutschen Wettbewerb (vorher Internationaler Wettbewerb). Damit soll eine bessere Vermittlung gewerkschaftlicher Werte in die Öffentlichkeit sowie engere Anbindung der ver.di-Mitglieder an „ihren Preis” erreicht werden. Für die oftmals unter schwierigsten Bedingungen arbeitenden Dokumentarfilmer_innen ist eine Auszeichnung zudem eine große Hilfe für ihr weiteres Schaffen.

Der ver.di-Preisträgerfilm wird – wie traditionell alle Preisträgerfilme – am letzten DOK-Festivaltag (6. November 2016) nochmals in Leipzig gezeigt. Zu dieser Vorführung werden die Mitglieder aus der Region gesondert eingeladen.

Stärkung der Frauen

Schon bei ihrem „Dienstantritt” im letzten Jahr hatte die neue DOK-Intendantin Lena Pasanen betont, dass Frauen in der Filmbranche besser gefördert und gestärkt werden müssten. Und schon in ihrem zweiten Festivaljahr macht die Finnin Nägel mit Köpfen: 2016 wird in Leipzig der erste Preis vergeben, mit dem das Filmschaffen von Frauen ins Zentrum gerückt wird. Gemeinsam mit dem Europäischen Audiovisuellen Netzwerk für Frauen (EWA) vergibt DOK Leipzig den Preis innerhalb des DOK Co-Pro Market, dem internationalen Koproduktionstreffen. Das beste Dokumentarfilmprojekt einer Regisseurin wird nicht nur ausgezeichnet, sondern erhält auch eine finanzielle Unterstützung sowie einjährige Betreuung bei der Weiterentwicklung. Das begleitende Mentoring ist Chefinnensache: Intendantin Leena Pasanen und die Leiterin von DOK Industry, Brigid O’Shea, übernehmen diese Aufgabe. Der diesjährige DOK Co-Pro Market findet zu Beginn der Festivalwoche statt. Jährlich wählt DOK Leipzig für die Teilnahme am Co-Pro Market 35 Filmprojekte aus, die auf einer internationalen Plattform nach Kofinanzierung suchen.

Tabus brechen und Hip Hop

Das Leitmotiv „Disobedience” („Ungehorsam”) zieht sich als roter Faden durch die Sonderprogramme von DOK 2016. Im Zentrum der Retrospektive steht die Erkundung des stilbildenden polnischen Dokumentarfilms. Welche künstlerischen Strategien Filmschaffende in einem restriktiven Umfeld entwickeln, zeigen die Sonderprogramme mit Dokumentationen u.a. aus Polen, Russland oder der Türkei. Die Retrospektive „Seven Sins According to Polish Documentary” setzt sich filmhistorisch mit Themen wie Nation, Zensur oder Frauen im Dokumentarfilm auseinander. Die Hommage ist der eigenwilligen russischen Filmemacherin Marina Razbezhkina gewidmet. Im diesjährigen Länderfokus Türkei werden die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen vielfältig beleuchtet. Provokativ sind auch die Filme der Reihe „Disobedient Images”, in der Comiczeichner jede Menge Tabus brechen. Eine im letzten Jahr neu geschaffene Programmschiene, die vor allem junges Publikum anspricht, rückt 2016 den Hip Hop ins Zentrum der Filme und interaktiver Arbeiten. Insgesamt laufen während der DOK-Festivalwoche rund 350 Filme aus der ganzen Welt.

Kurator für Animationsfilm

Personell verändert sich in diesem Jahr der Animationsfilmbereich des Festivals. André Eckardt löst Annegret Richter als Kurator für Animationsfilm und als Mitglied der Auswahlkommission ab. Annegret Richter ist seit 2015 Leiterin der Geschäftsstelle der AG Animationsfilm und koordiniert für DOK Leipzig weiterhin Sonderveranstaltungen wie etwa Filmnächte oder Panels.

André Eckardt ist in Leipzig als umtriebiger „Kinobesessener” mit einer Leidenschaft für Animations- und Experimentalfilm bekannt, ist aber auch ein ausgezeichneter Filmhistoriker. „Wo der Dokumentarfilm unmittelbar und realitätsorientiert ist, darf und muss Animation ganz offen manipulieren. Durch ihre Künstlichkeit schafft Animation Distanz und kann sich Themen vollkommen anders nähern”, so Eckardt, der sich auf die kreativ-provozierende Begegnung beider Perspektiven freut.

 

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Krasse Kürzungen bei ARD und ZDF

  Für 58 Cent bekommt man heutzutage beim Bäcker allenfalls ein Brötchen von gestern. Dennoch haben einige Bundesländer ARD und ZDF eine entsprechende Erhöhung der Rundfunkabgabe auf monatlich 18,94 Euro verweigert. Trotz einer Verfassungsbeschwerde der Sender wird der Beitrag erst 2027 steigen, und dann wohl nur um 28 Cent. Vor allem innerhalb der ARD muss daher noch mehr gespart werden. Das schließt auch einen weiteren Stellenabbau mit ein.
mehr »

KI-Resilienz im Journalismus

In der aktuellen KI-Debatte schenkt sich keiner was. Kaum taucht der Verdacht auf, ein Kollege habe ChatGPT oder Claude zum Schreiben mitgenutzt, beginnt vielerorts bereits die öffentlichkeitswirksame KI-Spurensuche.Die aktuelle KI-Debatte zeigt, warum Redaktionen endlich praxistaugliche Leitlinien für einen souveränen Umgang mit der KI brauchen.
mehr »

Bürgermedienplattform vor dem Aus

Die Bürgermedienplattform NRWision an der Technischen Universität (TU) Dortmund steht vor einer ungewissen Zukunft. Die nordrhein-westfälische Medienanstalt stellt Ende 2026 die finanzielle Förderung ein – nach dann fast 18 Jahren. Die Verantwortlichen versuchen, für eine Fortführung andere Geldgeber zu finden.
mehr »

Ein Preis mit hohem Preis

Die Berliner Autorin und Journalistin Marie von Kuck erhält für ihr Lebenswerk den Leipziger Medienpreis. Und kämpft zugleich ums Überleben. Warum sie die Auszeichnung mit gemischten Gefühlen entgegennimmt.
mehr »