Unterstützer für marktkritisches Filmprojekt gesucht

Leslie Franke (r.) und Herdolor Lorenz werben für ihr Projekt. Foto. Mathias Thurm

Wie in ihren früheren Filmen „Bahn unterm Hammer“, Water makes Money“ und „Wer rettet wen?“ beschäftigen sich Leslie Franke und Herdolor Lorenz erneut mit den desaströsen Folgen der neoliberalen Deregulierungspolitik, die seit der rot-grünen Bundesregierung Schröder/Fischer so richtig Fahrt aufgenommen hat. Die beiden Filmemacher wollen komplexe wirtschaftliche und politische Zusammenhänge allgemeinverständlich darstellen. Das gilt auch für ihr neues Projekt „Der marktgerechte Mensch“. Für den Film von unten werden noch Unterstützer gesucht.

Für die Bundesregierung ist Deutschland der wirtschaftspolitische Musterknabe in Europa. Als Exportweltmeister mit sprudelnden Steuereinnahmen, Haushaltsüberschüssen und einer vergleichsweise moderaten Arbeitslosenquote empfiehlt die große Koalition das Land als Vorbild für andere, besonders für die südeuropäischen EU-Mitglieder. Doch was ist der Preis für diese scheinbar glänzende Bilanz? In ihrem neuen Film „Der marktgerechte Mensch“ richten die Hamburger Dokumentarfilmer Leslie Franke und Herdolor Lorenz den Blick auf die Kehrseite der Medaille. Lohndumping, unbezahlte Praktika, befristete Aushilfsjobs, Leiharbeit, Scheinselbständigkeit, Internet-Crowdworking bestimmen den Alltag von immer mehr Beschäftigten. Da ist die freie Lektorin, die für 7,90 Euro Stundenlohn das Buch für den Verlag prüft, oder der Handwerker, der seine Arbeitskraft auf der Internetplattform „My Hammer“ versteigert. Folge dieses ruinösen Wettbewerbs um den Arbeitsplatz oder Auftrag sind massive Reallohnverluste, wachsende soziale Unsicherheit und Dauerstress. „Vor 20 Jahren hatten in Deutschland 67,7 Prozent der Beschäftigten einen Vollzeitjob mit Sozialversicherungspflicht. Heute sind es nur noch 39 Prozent“, rechnen die Dokumentarfilmer vor. Doch abstrakte Zahlen werden bei ihnen auf die individuelle Ebene heruntergebrochen und erhalten am Beispiel betroffener Menschen ein Gesicht. „Jedem inhaltlichen Block folgt eine Phase, die an das Erzählte optisch und akustisch anknüpft. Das schafft Zeit und Raum für die geistige und emotionale Verarbeitung der dargestellten Zusammenhänge“, erklärt Herdolor Lorenz das Konzept.

Zu Wort kommen nicht nur zahlreiche Betroffene, denen die Kamera an den Arbeitsplatz und nach Hause folgt, Betriebsräte, Experten und Wissenschaftler, sondern auch Protagonisten der Deregulierung der Arbeit werden ins rechte Licht gerückt. Wie rot-grüne Regierungspolitiker, die sich rühmen, den Spitzensteuersatz und die Unternehmenssteuern radikal gesenkt zu haben oder Rechtsanwälte, die Praxisleitfäden vertreiben, in denen Tricks verraten werden, wie man Betriebsräte, Schwangere, Behinderte und andere unkündbare Mitarbeiter los wird. Doch man sieht auch Menschen, die versuchen, aus der neoliberalen Zwangsjacke auszubrechen: Food-Sharing-Initiativen und Umsonst-Läden, die die Abkoppelung von der Geldwirtschaft im Kleinen proben oder Betriebe mit Gemeinwohlbilanz und Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Zur herrschenden Logik der privatwirtschaftlichen Gewinnmaximierung gehört auch, das kritische Filme wie „Der marktgerechte Mensch“ nur schwer Investoren finden. Denn Geld verdienen lässt sich damit nicht, wissen die Macher. Deshalb soll der Film, ebenso wie seine Vorgänger, als Crowdfunding-Projekt durch die realisiert werden, die ihn sehen und zeigen wollen. 180.000 Euro sollen auf diese Weise durch Förderung von unten zusammenkommen. „Wenn das geschafft ist, besteht die Hoffnung, dass sich auch Stiftungen, TV-Sender und Einrichtungen der öffentlichen Filmförderung beteiligen“, so Franke. „Der Film entsteht auf jeden Fall, je nach Stand der erreichten Finanzierung unter Umständen jedoch in reduziertem Umfang oder auf Basis der Selbstausbeutung der am Film Beteiligten“, ergänzt Lorenz. Kosten könnten auch durch verschiedene Formen der solidarischen Unterstützung erheblich reduziert werden, ist die Erfahrung aus früheren Projekten. Dadurch, dass Förderinnen und Förderer das Drehteam am Drehort bei sich untergebracht, Menschen mit Sprachkenntnissen Interviewtexte übersetzt oder Menschen mit Kameraerfahrung in ihren Heimatländern aktuelle Ereignisse gefilmt hätten, seien bei „Water makes Money“ und „Wer rettet wen?“ viele 10.000 Euro eingespart worden. Die im Finanzplan veranschlagten 370.000 Euro entstünden, wenn alle Beteiligten nach Tarif bezahlt werden.

Ab einer Spende von 20 Euro erhält man eine DVD-Kopie mit der Lizenz zur nichtkommerziellen Vorführung. Ab 100 Euro erhalten die Förderer und Förderinnen die Auszeichnung Goldförderer/in. Auf Wunsch werden sie im Abspann genannt. Ab 1.000 Euro werden Unterstützer und Unterstützerinnen zur Premiere eingeladen. Im Frühjahr 2017 will das Filmteam mit den Dreharbeiten beginnen, im Herbst 2018 soll er vorgeführt werden. „Helfen Sie mit, dass ein Film entsteht, der zeigt, wie Solidarität verloren geht und wir alle Gefahr laufen, in Konkurrenz zueinander zu versinken, während Reiche immer reicher werden“, heißt es im Aufruf.

Spenden und weitere Informationen: www.der-marktgerechte-mensch.org

nach oben

weiterlesen

Crowdworker sollten aktiv mitbestimmen

Mechanical Turk, Upwork oder in Deutschland Content.de, Testbirds, Crowd Guru: Crowdworking-Plattformen sind Teil der sogenannten Plattform-Ökonomie. Von der Arbeit auf Uber, Airbnb oder bei Lieferdiensten wie Foodora grenze sich Crowdworking dadurch ab, dass die Abwicklung des Auftrags komplett online erfolge und ein digitales Ergebnis habe, definierte Prof. Dr. Hans Pongratz von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf einer Tagung von ver.di und IG Metall in Berlin.
mehr »

Erste Hilfe gegen den Hass im Netz

Nicht zufällig am 10. Dezember 2018, dem 70. Jahrestag der Erklärung der Menschenrechte, starteten die Neuen deutschen Medienmacher eine Erste-Hilfe-Seite gegen Hassrede im Netz. Der Online-Helpdesk zum richtigen Umgang mit Hate Speech hat Erfahrungen von Fachleuten und Aktivist_innen aufgenommen und für die Praxis aufbereitet, um Medienschaffende im Kampf gegen Hass und Hetze im Netz zu unterstützen. Akuten Rat gibt es zielgerichtet: Vorher. Jetzt. Danach - das sind die obersten Menüpunkte des Helpdesk.
mehr »

Nah am Geschehen

Er mag seinen Job sehr. Das merkt man am Enthusiasmus, mit dem Caspar Sachsse über ihn spricht: „Es gibt immer Abwechslung, ich reise viel, halte mich dabei selten länger an einem Fleck auf und ich sehe unübliche Orte. Ich war schon mal in einer Ketchup-Fabrik, wer kann das schon von sich sagen?“ Das merkt man aber auch am Eifer, mit dem er über das Drumherum spricht: „Ich erwarte mehr Verständnis von Politik und Behörden, dass unser Status endlich als solcher akzeptiert wird und die Rahmenbedingungen sich ändern!“
mehr »

Spiel mit den Worten

„Voller Aufregung ob des nahenden Abenteuers erreichte ich den Hafen. Der Kapitän war noch nicht eingetroffen, also genoss ich die kühle Luft an Deck.“ So beginnt die Reise eines Entdeckers im Computerspiel „The Curious Expedition“, in dem man als illustre Figur der Geschichte fremde Regionen entdeckt und allerlei Abenteuer erlebt. Das Spiel des Entwicklers Maschinen-Mensch erschien vor zwei Jahren zuerst in englischer Sprache. Dafür gesorgt, dass auch deutschsprachige Spielende in Entdeckerlaune kommen, hat Iris Schäfer.
mehr »