Verantwortung für das Thema Flüchtlinge

Christian Hoffmann, Roman Mölling, Christina Kreutz, Björn Siebke Frauke Engel, Canan Topçu, Matthias Büschking (v.l.n.r.) Foto: Julius Matuschik

„Migration. Integration. Kommunikation.“ war der Titel einer gemeinsamen Veranstaltung des Bundesverbands Deutscher Pressesprecher (BdP), der PR-Studierenden der Hochschule Hannover (PRSH) und der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten Union (dju) Niedersachsen/Bremen. Profis aus Politik und Kommunikation beschäftigten sich mit der Frage: „Haben Journalisten und Pressesprecher eine Verantwortung für das Thema Flüchtlinge? Müssen sie gemeinsam dafür sorgen, dass die Stimmung nicht weiter kippt?“ Etwa 70 Zuhörer interessierten sich für die von Hendrik de Boer (FB8/dju) eröffnete Veranstaltung in Hannover.

Cornelia Rundt, Niedersächsische Sozialministerin Foto: Julius Matuschik
Cornelia Rundt, Niedersächsische Sozialministerin
Foto: Julius Matuschik

Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt forderte in ihrer Keynote eine gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung ein: „Wir alle – Medien, Politik, die Gesellschaft – tragen Verantwortung dafür, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, anstatt übereinander zu reden.“ Nur so könnten sich Meinungen bilden, bevor Vorurteile sich festsetzen.
Andere beharrten auf der konsequenten Trennung zwischen den Beteiligten. Roman Mölling (Pressesprecher Landesverkehrswacht Niedersachsen) spitzte mit der Aussage zu, er als Pressesprecher habe die gleiche Verantwortung für das Thema wie Zugbegleiter und Verkäufer, aber keine spezielle aufgrund seiner Tätigkeit. Der Journalist Björn Siebke (NDR) legte großen Wert auf die Trennung der beiden Bereiche. Während PR-Menschen zielorientiert im Interesse ihres Auftragebers arbeiten könnten, stünden Journalist_innen in der Pflicht, ausgewogen zu informieren und alle relevanten Fakten aufzuzeigen. Pressesprecher nehme er dabei vor allem als Dienstleister war.
Johanniter-Pressesprecherin Frauke Engel sah die Verantwortung sehr wohl, machte das am Beispiel der Flüchtlingsunterkunft in Sarstedt fest. Die Kommunikation für die in einem ehemaligen Logistikzentrum untergebrachte Einrichtung sei eine Herausforderung gewesen. Die Johanniter hätten sich für maximale Transparenz entschieden – anders als andere Betreiber. Christina Kreuz legt Wert darauf, dass sich alle bei diesem Thema große Mühe geben müssten. Pressesprecher hätten ihren Teil, Journalisten einen anderen Teil zu erledigen. Ob sie politischen Druck empfangen habe? „Nein, in der Region Hannover gehen Politik und die Kommunikatoren an beiden Seiten des Schreibtisches professionell mit einer großen Herausforderung um“, so die Pressechefin.
Canan Topçu von den Neuen deutschen Medienmachern stellte ihre Verein vor, der Menschen mit Migrationshintergrund beim beruflichen Einstieg helfen und mit Lobbyarbeit flankieren soll. Sie plädierte für ethisch sauberen Journalismus: „Die Nationalität zu nennen, ist weder formal noch moralisch sinnvoll“, betonte sie.
„Worte sind mächtig. Worte erzeugen Bilder. Worte können dazu beitragen, ob das Fremde fremd bleibt oder ob sich eine gemeinsame Perspektive, ein gesellschaftlicher Zusammenhalt entwickeln kann“, brachte Rundt ihre Vorstellung von medialer Verantwortung auf den Punkt.

Unter den Gästen Adolf Bauer, Landesvorsitzender des Sozialverbands Deutschland (SoVD): Er sieht vor allem Politik in der Pflicht – und solche Pressesprecher, zu deren Aufgaben auch das politische Lobbying gehöre.
Gerade bei dem so sensiblen Thema Flüchtlinge komme es darauf an, mit viel Zeit und Sorgfalt zu arbeiten, sagte Matthias Büschking, der gemeinsam mit Christian Hoffmann von der Gewerkschaft der Polizei die Diskussion moderierte. „Wir wissen doch alle, dass unsere Kollegen diese Zeit oft nicht mehr haben“, so dju-Landessprecher Büschking. Jobabbau und Arbeitsverdichtung seien Gegner von Qualitätsjournalismus. Hier nachzubessern, das bleibe die Forderung von ver.di an die Verleger – gerade in der laufenden Tarifrunde. Mölling unterstützte das: Noch vor 20 Jahren habe ihm sein PR-Ausbilder Sonderlob versprochen, wenn eine Pressemitteilung unverändert abgedruckt würde – das sei dennoch nicht einmal passiert. Heute geschehe das sehr häufig; immer mehr Redaktionen – vor allem im Web und im Bereich Anzeigenblatt – arbeiten so.
„Haben wir denn nun eine Verantwortung für das Thema?“ fragte Büschking am Ende in das Publikum und ließ per Handzeichen abstimmen. Die meisten stimmten dafür.

 

nach oben

weiterlesen

Warnung vor „medialer Paralleljustiz“

Der renommierte Bremer Strafverteidiger und Menschenrechtler Bernhard Docke, der vor allem als Anwalt des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz bekannt wurde, hat den Medien die Leviten gelesen: Kriminal-Berichterstattung wirke oft wie eine „mediale Paralleljustiz“ und drohe „die Rechtskultur zu verrohen“, sagte Docke jetzt bei einem Vortrag. Am Rande der Veranstaltung warnte er auch vor vorverurteilenden Begriffen wie „sich vor Gericht verantworten müssen“.
mehr »

„Starker Einsatz“ für starke Frauen

Regisseurin Barbara Rohm und Kamerafrau Birgit Gudjonsdottir sind am Freitagabend bei der feierlichen Gala des Deutschen Schauspielpreises mit dem ver.di-Preis „Starker Einsatz“ ausgezeichnet worden. Die ZDF/Arte-Serie „Bad Banks“ räumte in den Kategorien „Schauspielerin in einer Hauptrolle“ und „Schauspieler in einer Hauptrolle“ gleich zwei Mal ab. Gut lief es auch für die ARD-Produktionen „Gladbeck“ und „Babylon Berlin“. Am meisten Beachtung fanden die klaren Worte eines jungen Ausnahmetalents zur Spaltung und zum Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft.
mehr »

Vom kleinen Klüngel auf die große Bühne

Egal, ob Talkshows oder Titelstorys: Die Neue Rechte setzt die Themen, bestimmt die Begriffe. „Vom kleinen Klüngel wurde sie auf die ganz große politische Bühne gespült“, sagt der Journalist Hanning Voigts von der „Frankfurter Rundschau“. Den Mainstream-Medien wird vorgeworfen, dabei mitgeholfen zu haben. Mit ihrer Berichterstattung rückten sie rechte Themen stark in den Fokus. Die Frage: Warum machen sie das und was lässt sich dagegen tun? stand beim „Runden Tisch für Interkulturellen Mediendialog“ zur Medienarbeit der Neuen Rechten in Frankfurt am Main im Mittelpunkt.
mehr »

Postfach im Darknet

Auf Basis der Software SecureDrop haben Medien wie die New York Times, die Washington Post und der britische Guardian abhörsichere Postfächer im Darknet installiert. Das schützt auch Whistleblower ohne größere IT-Kenntnisse vor Enttarnung. Er wusste, was er tat: Als Edward Snow­den im Jahr 2013 mit dem Journalisten Gleen Greenwald Kontakt aufnahm, befand er sich noch in dem Land, dessen Behörden ihn bald als Staatsfeind jagen würden. Anonymisierungstechnologien, die er virtuos beherrschte, ermöglichten ihm, selbst zu bestimmen, ob und wann er seine Identität offenbart.
mehr »