Verengung der Welt

Stephan Russ-Mohl, emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Lugano und Berater des Europäischen Journalismus-Observatoriums (ejo) Foto: Privat

Wir werden in Europa gerade von der zweiten Covid19-Welle erfasst. Es gibt herausragende journalistische Einzelleistungen zur Corona-Berichterstattung, und das unter vielfach erschwerten Home-Office-Arbeitsbedingungen. Im Vergleich zur ersten Welle und zur Schockstarre, in der wir im März und April steckten, ist das Berichterstattungs-Spektrum vielfältiger und breiter geworden. Ist also alles in bester Ordnung, dürfen sich Medienschaffende selbstzufrieden zurücklehnen? Mitnichten.

Im Gegenteil, es gilt aufzuarbeiten, was in der Berichterstattung zur ersten Welle schiefgelaufen ist. Ein Denkanstoss sind die gespaltenen Reaktionen zu einem Gastkommentar zum „Herdentrieb“ im Journalismus (SZ-Printausgabe vom 17.10.20) und zum „Corona-Panikorchester“ der Medien (https://www.sueddeutsche.de vom 19.10.20). Der Beitrag hat ungewöhnlich breite Resonanz ausgelöst.

Zugegeben, meine These war zugespitzt: „Nicht die Regierenden haben die Medien vor sich hergetrieben, wie das Verschwörungstheoretiker so gerne behaupten. Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten.“

Aufmerksamkeitsökonomisch hat diese Zuspitzung funktioniert. Die meisten Journalistinnen und Journalisten machen es nicht anders, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die These ist plausibel, denn Forschungsergebnisse über das Ausmass der Corona-Berichterstattung untermauern sie. Im März und April schoss der Anteil der Corona-News in den beiden Hauptnachrichtensendungen von ARD und ZDF, „Tagesschau“ und „Heute“, schlagartig hoch und bewegte sich wochenlang zwischen 60 und 75 Prozent, so das Institut für Medienforschung in Köln. Selten sei „ein Thema so stark präsent“ gewesen wie die Corona-Pandemie, ergänzt Mark Eisenegger (Universität Zürich) im Blick auf das Nachbarland Schweiz. Auch hier habe sich im ersten Halbjahr 2020 an manchen Tagen bis zu 70 Prozent der gesamten Berichterstattung um dieses Thema gedreht. Zum Vergleich: Der Anteil Beiträge zur Klimadebatte habe „in Spitzenzeiten kaum mehr als 10 Prozent der Gesamtberichterstattung“ erreicht.

Der Overkill an Coronaberichterstattung dürfte sich auch für die Printmedien im deutschsprachigen Raum bestätigen. MediaTenor, ein weiteres Schweizer Forschungsinstitut, das auf Medien-Inhaltsanalysen spezialisiert ist, hatte bereits im März festgestellt, die Corona-Berichterstattung in Deutschland sei inzwischen umfangreicher als insgesamt jene zu den Terrorattacken auf das World Trade Center im Herbst 2001.

Auch Dennis Gräf und Martin Henning (Universität Passau) weisen in ihrer Studie auf die „Verengung der Welt“ hin, welche die Medien in den Wochen vor und während der Schockstarre konstruierten. Sie analysierten allerdings „nur“ die zahlreichen Sondersendungen „ARD Extra“ und „ZDF spezial“ zu Corona. Bis Mitte Juni habe es innerhalb von 15 Wochen 51 ARD Extras und 42 ZDF Spezials gegeben. Damit sei aus dem Konzept von Sondersendungen, die das reguläre Programm verändern, eine „neue Normalität“ entstanden: „Wenn nahezu täglich das Exzeptionelle zum neuen Regelfall stilisiert wird, dann findet damit zwangsläufig eine lebensweltliche und auch ideologische Engführung statt, die einer Ausblendung aller anderen gesellschaftlich relevanten Gemengelagen entspricht“, so Gräf und Hennig. Zum Vergleich, so die beiden Forscher, habe es im gesamten Vorjahr insgesamt 12 ZDF-Spezial-Sendungen gegeben, also weniger als ein Drittel der Angebote, die allein in den zwei Monaten von Mitte März bis Mitte Mai ausgestrahlt wurden.

Die Berichterstattung selbst sei von einer „hyperbolischen Krisenrhetorik“ getragen gewesen. Auch sei Verwirrung gestiftet worden: Experten hätten wiederholt die Effizienz staatlicher Lösungsansätze bezweifelt, gleichzeitig sei „permanent ein Zuwenig der staatlichen Intervention angeprangert und fortlaufend der Wunsch nach klaren Vorgaben konstruiert worden“, resümieren die Forscher.

Erkennbar müssen nicht nur die Politiker, sondern auch die Journalisten noch lernen, angemessen mit einer Pandemie und mit der Echtzeit-Erfolgsmessung umzugehen, welche die digitalen Medien mit der Erfassung von Clicks, Likes und Shares bieten. Denn die Medien bedienen zwar das Publikumsinteresse – allerding eines, das sie mit ihrer coronamonomanen Berichterstattung vermutlich selbst erzeugen, indem sie einen Großteil der Mediennutzer in Angst und Schrecken versetzen.

Ich habe zum SZ-Beitrag und zu Folgeinterviews, zum Beipiel in der Neuen Ruhr Zeitung, zahlreiche Rückmeldungen erhalten. Sie waren aus mehreren Gründen spannend: Erstens habe ich selbst nochmal viel dazulernen dürfen. Zweitens gab es eine Welle erstaunlich weitgehender Zustimmung unter Lesern und Nutzern. Sie hat mich überwältigt: So viel Echo auf einen journalistischen Beitrag habe ich in den letzten 50 Jahren meiner publizistischen Arbeit für deutschsprachige Leitmedien noch nie erhalten. Es waren obendrein erkennbar vernünftige Leute, die sich zu Wort meldeten – also kaum Aluhutträger und „Covidioten“.

Dann gab es noch eine zweite Feedback-Welle. Sie erreichte mich Tage später, nachdem die Süddeutsche Zeitung meinen Beitrag kostenfrei online zugänglich gemacht hatte. Das löste ein Twitter-Wetterleuchten aus, neuerlich mit überwiegend zustimmendem Tenor. Einige Branchendienste berichteten, darunter der Kress-Report. Aber es meldeten sich auch jene Profis zu Wort, mit denen ich fest gerechnet hatte: Medienleute, die nicht genau hingucken, was man zu sagen hat, einem dafür aber hochprofessionell das Wort im Mund verdrehen und – schon weniger professionell – auch vor handfesten Beleidigungen nicht zurückschrecken. – Wer zu erklären versucht, dass Medien mächtig sind und Journalisten leider zu selten zu der Verantwortung stehen, die sie für die Demokratie und das gesellschaftliche Leben nun einmal haben, muss halt mit Abwehrreflexen rechnen.

Ein Spiegel-Redakteur warf mir vor, ich differenziere nicht, ob es bei der großen Zahl an Berichten um das Infektionsgeschehen und andere direkt mit dem Virus verbundene Neuigkeiten gehe, oder zum Beispiel um all die sozialen Konsequenzen. Und: Natürlich werde massiv über diese globale Krise berichtet. „That’s the job“. Soll heissen: Wir machen alles richtig, auch wenn sich unsere Nachrichtenauswahl zeitweise bis hin zum Tunnelblick verengt hat … Und wenn wir, Stichwort: Aufmerksamkeitsökonomie, vor allem die schlechten Corona-News (über die USA, Spanien, Italien usw.) weiterverbreiten, dagegen wenig über jene Länder berichten, bei denen sich möglicherweise im Umgang mit dem Virus konstruktiv etwas lernen liesse (z.B. Schweden, Taiwan. Südkorea).

Ein Mitarbeiter des WDR und DLF meinte, ich liefere „keinen richtigen Beleg“ dafür, dass die Medien Angst gemacht hätten: „Wenn es nur die Menge an Berichterstattung sein soll, wie er behauptet, ist das etwas dünn.“ Dass schiere Quantität in Qualität umschlagen kann, kommt dem Rundfunkjournalisten nicht in den Sinn.

Ein weiterer, sonst geschätzter Kollege rückte mich in AfD-Nähe und warf mir vor – ohne das näher zu begründen – ich trage „eher zur Verwirrung als zur Aufklärung bei“. Von einem vormaligen Zeit-, Stern- und ARD-Redakteur wurde ich schlichtweg als „dumm“ beschimpft, mit dem Lügenbaron Donald Trump verglichen sowie zum „Hofnarren“ erkoren (am Hofe Merkels?).

Das alles belegt: Offenbar habe ich ja einen Nerv getroffen. In Relation zu den Reaktionen all der anderen Leserinnen und Leser und Twitter-User zeigen die Rückmeldungen der Medienprofis auch, dass sie offenbar den Draht zu ihrem Publikum verloren haben, wenn sie ihren eigenen Erfolg nur noch quantitativ an Clicks und Reichweiten messen.

Balsam auf meine Seele war eine E-Mail der Schriftstellerin und brandenburgischen Verfassungsrichterin Juli Zeh, der ich über die Kommentare aus der Journalistenzunft berichtet hatte: „Ich finde es wirklich unglaublich, wie man auf intelligente, kompetente und notwendige Gedanken wie die Ihren mit Empfindlichkeit reagieren kann. Kritik und Selbstkritik, die nicht polemisch vorgebracht werden, sollten doch für jedermann ein Geschenk sein. Abgesehen davon ist die Tatsache, dass Redaktionen sich von Clickzahlen antreiben lassen, weithin bekannt. Was daraus folgt für Zuschnitt und Qualität unserer Medienlandschaft, ist ein bedenkens- und besprechenswertes Thema.“


Lesenswert

Vom Autor herausgegeben, erscheint im November der Band „Streitlust und Streitkunst. Diskurs als Essenz der Demokratie“, Köln: Herbert von Halem Verlag. Passagen des vorliegenden Textes sowie weitere Argumente zur Diskussion um die Corona-Berichterstattung finden sich in der Einleitung zu diesem Buch.

 


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