Verharmlosung im Rückblick

Kritiker vermissen bis heute offenen Umgang des Spiegel mit seiner braunen Vergangenheit

Der Reichstagsbrand treibt bis heute Historiker und Journalisten um. Erst jüngst ließ Klaus Wiegrefe, Leiter des Spiegel-Ressorts Zeitgeschichte, gerichtlich eine Aussage in einem Beitrag des Bayerischen Rundfunks (BR) über den Reichstagsbrand streichen (M 7 – 8/06). Sie bezog sich unter anderem auf die Rolle eines freien Journalisten namens Paul K. Schmidt bei der Bearbeitung der Spiegel-Serie von Fritz Tobias zum Reichstagsbrand. Sie hatte 1959 / 60 die Alleintäterthese in der deutschen Geschichtsschreibung verankert.

Gegenüber M hatte Wiegrefe erklärt: „Ich habe überhaupt keinen Anlass dazu, die NS-Vergangenheit von Schmidt klein zu reden oder unter den Tisch zu kehren. Nur hat das nichts mit seiner Tätigkeit beim Reichstagsbrand zu tun. Tobias war einfach über das Ergebnis von Schmidts Arbeit so enttäuscht („sachliche Fehler en masse“), da hat man die Aufgabe einem anderen Kollegen übertragen.“
Der Historiker Wigbert Benz zeigte sich jetzt über Wiegrefes Äußerung in der M recht irritiert. Hatte er doch in seiner Studie „Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945“ belegt, dass Schmidt schon fast drei Jahre vor der eigentlichen Reichstagsbrandserie im Spiegel am 16. Januar 1957 die These vom Alleintäter van der Lubbe in der 9. Folge seiner elfteiligen Serie „Ich bin ein Lump, Herr Staatsanwalt!“ vertreten hat. Für Benz ist klar: „Von einer kurzfristigen, marginalen Tätigkeit Schmidt-Carells in Sachen Reichstagsbrand beim Spiegel kann also keine Rede sein.“
Indem Schmidt die Argumente von Tobias‘ späterer Serie vorwegnahm, die unter anderem die Glaubwürdigkeit des ermittelnden Kriminalkommissars Zirpins betrafen, habe er die Alleintäterthese schon Jahre vor Tobias‘ Serie im Spiegel lanciert. Ende 1969 bzw. Anfang 1960 habe er schließlich, wie Fritz Tobias vor dem Amtsgericht Hannover am 6. Juli 1961 aussagte, aus seinen Aufzeichnungen „ein Komprimat hergestellt“.
Darüber berichtete auch Willi Winkler kürzlich in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung, der prompt einige Leserreaktionen hervorrief. Unter anderem kritisierte Hans Mommsen in seinem Leserbrief die „aufgebauschte Rolle, die dem inkriminierten Spiegel-Mitarbeiter Paul Schmidt alias Carell“ bei der Reichstagsbrandserie „unterstellt“ werde. Schmidt habe „mit den inhaltlichen Fragen überhaupt nichts zu tun“ gehabt. Der renommierte Historiker hatte 1964 Tobias‘ Alleintäterthese in den Vierteljahresheften des Instituts für Zeitgeschichte bestätigt. Heute jedoch bezeichnet Institutsdirektor Horst Möller die Täterfrage als „wieder offen“.
Wigbert Benz stellt in seiner Studie auch fest, dass ein Dissens von Tobias mit Schmidt bis März 1958 nicht zu erkennen ist. Er stellt anheim, ob es nicht der durch die NS-Vergangenheit Schmidts verursachte Skandal um die Zeitschrift Kristall im August 1959 war, der knapp drei Monate vor Start der Spiegel-Serie Schmidt als nicht mehr tragbar erscheinen ließ. Vier Kristall-Redakteure hatten gekündigt, nachdem Schmidt dort zum Ressortchef „Politik und Aktuelles“ ernannt worden war. Drei Zeitungen zitierten daraufhin Schmidts „Notiz für Herrn Staatssekretär“ vom 27. Mai 1944 zur auslandspropagandistischen Vorbereitung und Absicherung der Judendeportationen aus Budapest. Zwei Wochen später teilte der Axel-Springer-Verlag mit, Schmidt sei „auf seinen eigenen Wunsch“ von der weiteren Mitarbeit entbunden worden.
Gleichwohl florierte die Zuarbeit auch weiterhin: Gemeinsam mit dem neuen Chefredakteur Horst Mahnke schrieb Schmidt später für den Kristall die Serie „Unternehmen Barbarossa“. Das war kein Zufall: Mahnke war zuvor Ressortleiter beim Spiegel gewesen und war 1960 zum Kristall gewechselt. Er hatte als Redakteur Schmidts Reichstagsbrandserie 1957 verantwortet. 1962 erschien unter Mahnke im Kristall erneut ein Beitrag zum Reichstagsbrand mit gleicher Stoßrichtung – Anlass war das eben erschienene Buch von Fritz Tobias. Für Benz ist es daher „evident“, dass auch dieser Artikel aus Schmidts Feder stammt.
Mahnke selbst war kein unbeschriebenes Blatt: Der Publizist Otto Köhler führte kürzlich in der Jungen Welt aus, dass sich 1956 die beiden Spiegel-Ressortleiter für Internationales und Ausland Horst Mahnke und Georg Wolff schon als SS-Hauptsturmführer im SD des Reichssicherheitshauptamtes kannten: „Die beiden SD- Leute, die nach dem Krieg beim Kaffeehandel im Hamburger Freihafen untergekommen waren, hatten für den Spiegel eine offen antisemitische Serie gegen jüdische DPs (Displaced persons) geschrieben, die Kaffeeschmuggel und Schwarzhandel betrieben.“

 
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