Versiegelte Zeit

Onlinefilmer aus Wiesbaden mit dem Zufall als Markenzeichen

Einer hat Bildschirmpräsenz, der andere ist höchstens mal als Stimme aus dem Off zu hören. Als Team aber gehören die Wiesbadener Onlinefilmer Jörg Buschka (37) und Jan Vogel (27) unbedingt zusammen. Nur in dieser Konstellation funktioniert ihr Projekt: Eine Stadt, ein Tag, ein Film – das einer Nominierung für den Goldenen Prometheus des Medien­magazins V.i.S.d.P. in der Kategorie Onlinejournalismus für würdig befunden wurde.

Dass Jörg dem als StandUp Reportage angelegten Internetformat „Buschka entdeckt Deutschland“ das Gesicht gibt und die Publicity abschöpft, stört Jan nicht im Mindesten. „Was wir machen, entspricht unseren Charakterstärken. Ich bin der ­Ruhige, bleib gern hinter der Kamera, beobachte. Jörg ist spontan und direkt. Wir ziehen uns gegenseitig rauf und runter.“
An vielen Samstagen steigen der freie TV-Journalist, Autor und Filmemacher Buschka und der bei einer Digital-Agentur fest angestellte Medienwirt Vogel in aller Herrgottsfrühe ins Auto, schauen sich an und fragen: Wohin fahren wir heute? Nichts ist zuvor abgesprochen, schwören beide. Bedingung: Die Stadt muss in einem Tag zu bewältigen sein – Hinfahrt, Drehen, Rückfahrt. Es gibt kein Konzept, außer dieses: Sie zeichnen auf, was passiert. Der Zufall leitet sie. Die beiden fangen am Stadtrand an, dort „wo nichts los ist.“ „Aber irgendwas ist immer los. Im ­banalen Alltag sind die Geschichten zu finden. Stell dich sieben Stunden auf eine grüne Wiese und das Leben kommt vorbei.“ Heiteres steckt im Ernsten und umgekehrt. „Versiegelte Zeit“, nennt es Buschka etwas pathetisch nach dem sowjetischen Filmemacher Andrej Tarkowski. „Ich bin ­fasziniert vom Mythos des Lebens, will Momente der Realität festhalten und den Blick auf Lebenswirklich­keit lenken.“

Scheibchen vom Leben

In der Ende Januar aktuellen 20. Episode „Kaiserslautern“ entdecken die beiden auf dem Gelände einer Hauptschule beispielsweise eine „Sauna“, die gleichzeitig Busunterstand ist. Der Hausmeister lässt Dampf ab, eine Lehrerin berichtet über ihre Erfahrungen mit der Jugend von heute. Buschka spricht mit einer Rollstuhlfahrerin, die zeigt, wie sich trotz Multipler Sklerose Lebenslust bewahren lässt.
Erfahrungen mit spontanem Drauf­zugehen sammelte Buschka schon als Zivi in Münster. Dort zog er mit einer Video­kamera los und stellte den Leuten auf der Straße absurde Fragen. Als Designstudent an der FH Wiesbaden – an der er auch das Schreiben von Story-Boards und Dreh­büchern lernte – erkundete er in Frankfurt / Main, wie nach dem Tsunami die Leute Silvester feierten.
Immer macht Buschka mit, rappt vor dem Berliner Reichstag, tanzt auf dem Weinmarkt in Oberwesel, singt in Stuttgart „sehr textunsicher“ mit Sängerin Inga Rumpf. Meist stellt er ganz naive Fragen – und gerade die veranlassen die Leute zum Erzählen. „Ich muss nicht cool oder wissend erscheinen.“ Jedes Mal gibt Buschka etwas von sich preis. Das macht ihm nichts aus. „Ich tue nicht so, als wär ich weg.“
Manchmal braucht Buschka eine halbe Stunde, um Passanten zu überzeugen, sich auf ihn ­einzulassen. Dann hält Vogel die Hand­kamera im Anschlag. Wenn Buschka vorwärtsstrebt, geht der Kameramann rück­wärts – und vertraut darauf, dass er vor ­Laternenmasten oder Bäumen im Rücken gewarnt wird. „Anders als bei klassischen TV Magazin-Beiträgen inszenie­ren wir nichts und wiederholen nichts.“ Auf ihre Arbeitsweise hingegen würde sich wohl keine Sende­anstalt einlassen.
Was herauskommt sind „Scheibchen vom Leben“. Aus etwa sieben Stunden ­gedrehtem Material schneidet Buschka 30 – 45minütige Streifen fürs Internet, die Jan technisch konfektioniert. Über 350.000 Besucher haben ihre unkonventionellen Stadterkundungen bereits angeklickt, die Fangemeinde – vorrangig technikaffine Junge, die Älteren kommen nach und nach dazu – wächst. Ein längeres Format funktioniert auch im Internet. Vogel – schon im Studium vom frei verfügbaren weltweiten Netz, der dahintersteckenden Philosophie und dem kreativen Umgang mit Technologien fasziniert – behielt Recht, als er beim gemeinsamen Inlineskaten am Rheinufer von Buschkas Idee hörte und vorschlug: Wir machen keinen Promotion-Trailer für off­line-TV-Sender, sondern gehen als eigener Sender online. Ohne Beschränkung stellen wir unsere Filme als Video-Podcast ins Netz. Vogel ließ die Domain „Buschka-entdeckt“ registrieren und schenkte sie seinem Partner. Am 5. August 2006 ging es los mit Bad Kissingen.

Auf Partnersuche

Bis Jahresende 2007 waren die Stadt­episoden auf der Plattform von seven load zu sehen. Ein geringes Honorar gab es über einen Sponsor auch. Buschka und Vogel sind nun wieder auf Partnersuche für ihr Projekt, das sie allein mit Hilfe ­einiger Freunde stemmen, die u.a. das Equipment leihen. Irgendwann würden sie gern etwas daran verdienen. Ein großes Medienhaus bot Dumpinghonorare für Exklusivrechte an, andere winkten ab. Derzeit führen die Filmemacher hoffnungsträchtige Gespräche, aber Genaueres steht noch aus. Beim Dreh in Dresden – hier mussten sie sich festlegen – wird die Deutsche Welle sie begleiten, später sind sie beim MDR zu ­einer neuen Studiosendung eingeladen. Ihr Konzept, davon sind sie überzeugt, wird sich nicht totlaufen, „es war die richtige Idee zur richtigen Zeit.“ Auch technisch seien die Möglichkeiten wie Internetfernsehen über T-Home oder die Filme auf Handy oder iPod anzusehen, nur noch eine Frage der Zeit.
Die Auszeichnung haben sie nicht bekommen, aber gefeiert wurde trotzdem im U3 Bahnhof unter dem Potsdamer Platz in Berlin.

www.buschka-entdeckt.de 

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