Viel Verantwortung, wenig Geld

Volontariat bei einem Anzeigenblatt in der Provinz – Ein Erfahrungsbericht

Journalistin zu werden war mein größter Wunsch. Deshalb ergriff ich meine „Chance“: ein Volontariat bei einem Anzeigenblatt in der Provinz. Zu Beginn war ich eine bessere Schreibkraft, zuständig für das Abtippen eingegangener Pressemeldungen. Außentermine – das hieß: Die Kaninchenzüchtervereine der Region besser kennen lernen. Inzwischen kenne ich alle preisgekrönten Oberrammler beim Namen und habe sie in Artikeln ausführlich beschrieben. So hatte ich mir meine Ausbildung nicht vorgestellt. Was war schief gelaufen?

Den Traum vom Journalismus träumen viele jungen Leute. Dies musste ich schmerzhaft feststellen, als ich mich quer durch die Bundesrepublik um ein Volontariat bewarb. Wer nicht ein gutes Abitur, vorzugsweise ein abgeschlossenes Studium und Erfahrungen in freier Mitarbeit vorzuweisen hat, hat in der Regel kaum eine Chance. Da ich unbedingt Journalistin werden wollte, ließ ich mich von den Absagen der Tageszeitungen nicht beirren und reagierte auf eine Anzeige der lokalen Sonntagszeitung. Schon wenige Tage später wurde ich zu einem Vorstellungstermin eingeladen und hatte nach kurzem Gespräch das Volontariat in der Tasche.

Sicher, es ist ein kleiner Betrieb, mit einer noch kleineren Redaktion. Doch ich sah nur das Volontariat. Ich fing sofort als freie Mitarbeiterin an und überbrückte so die drei Monate bis zum Beginn der Ausbildung. Hierfür wurde ich nach Bayern abgezogen, wo unser Verleger mit einer neuen Zeitung auf den Markt ging.

Schon nach kürzester Zeit merkte ich den großen Unterschied zu einem Volontariat bei der Tageszeitung. Der Chefredakteur, der mir Wissen vermitteln kann, sitzt 35 Kilometer entfernt in der Redaktion und kann mir zumeist nur telefonische Ratschläge geben. Mein direkter Vorgesetzter ist kein gelernter Redakteur, folglich fehlt auch ihm einiges Know-how.

Als er krank wurde, blieb ich acht Wochen allein in der Redaktion. Diese Feuertaufe hatte ich nach drei Monaten Volontariat zu bestehen. Wenig später wurde er gekündigt. Ersatz war nicht etwa ein Ausbildungsredakteur, sondern eine neue Volontärin. Somit wurde ich als „alter Hase“ inoffizielle Redaktionsleiterin. Inzwischen hat die Volontärin nach zwei Monaten das Handtuch geworfen. Ob nach einer neuen überhaupt gesucht wird, weiß ich nicht, meine Nachfragen bleiben unbeantwortet.

Als Ratgeber blieb mir wieder nur der weit entfernte Chefredakteur. Er lässt mich in kompletter Eigenregie die Themen aussuchen und ausarbeiten. Trotz mehr Verantwortung und einem größeren Arbeitsaufwand, bleibt finanziell jedoch alles beim Alten!

Hinzu kommt: Unsere Zeitung ist neu am Markt und wir decken drei Landkreise ab, in denen ich bisher nicht gearbeitet habe. Es gilt nun Kontakte zu knüpfen, Informationsquellen aufzutun und ein Fotoarchiv anzulegen. Auch hier bekomme ich keinerlei Instruktionen oder Tipps, sondern bin auf meine eigenen Ideen angewiesen. Allein diese Vorarbeit ist irrsinnig zeitaufwendig, und nicht selten müssen dafür Wochenenden geopfert werden. Da mich derzeit niemand vertreten kann, ist es auch nicht möglich, diese Überstunden durch Freizeitausgleich abzubauen.

Anzeigenblätter haben einen geringen redaktionellen Teil. Folglich nimmt das eigentliche Texten wenig Zeit in Anspruch. Es sind vielmehr die tausend Kleinigkeiten drum herum, die so zeitraubend sind. Am Montag werden erst einmal die „Kollektivseiten“ besprochen. Dies bedeutet: Auf einer

Seite werden Anzeigen rund um ein spezielles Thema verkauft. Um die passende Redaktion kümmere ich mich, oder wir bekommen sie von einer Agentur. Eine Tatsache, die mich ärgert, da es oft interessante Themen sind, die sich für tolle Geschichten anbieten. Leider fehlt mir die Zeit, sie entsprechend aufzubereiten. Für mich gilt es, Themen für die Regionalseiten zu finden. Oft mache ich dabei eine frustrierende Erfahrung: Interessante, aktuelle Geschehnisse werden von den Tageszeitungen schon so ausgeschlachtet, dass sich für mich kaum ein neuer Aspekt findet, der etliche Tage später noch interessant wäre. Auch hier das Problem: Für vertiefenden Wochenzeitungsjournalismus bleibt keine Zeit.

Frustration

Außerdem bekomme ich von unseren Anzeigenberatern Termine. Dann geht es darum, für Kunden einen PR-Text zu schreiben. In diesem Zusammenhang ist es auch meine Aufgabe, die Fotos zu machen und in enger Zusammenarbeit mit dem Satzstudio eine ansprechende Anzeige zu gestalten. In einem kleinen Betrieb, wie dem unsrigen wird mit einem Minimum an Personal gearbeitet. Daher ist es auch gang und gäbe, dass ich als Kurierfahrer einspringe und Anzeigenvorlagen von Kunden hole. Kurz gesagt: Ich bin nicht als Volontärin angestellt, sondern als Mädchen für alles.

Bei Terminen bin ich „bimedial“ für Fotos und Texte verantwortlich, worunter die Qualität leidet. Sind meine Artikel fertig, gehen sie online zu unserer Schwesterzeitung. Dort redigiert sie der Chefredakteur. Zumeist fällt aber eine lehrreiche Besprechung mangels Zeit aus. Die Resonanz ist dürftig, denn für den Verleger zählen nur die Anzeigen, da sie das Geld bringen. Manchmal habe ich den Eindruck, ich stehe mit meinem redaktionellen Anspruch allein auf weiter Flur. Es ist frustrierend zu merken, der Verleger würde das Blatt auch ausschließlich mit eingegangenen Pressetexten füllen, wie es zu Zeiten meines Vorgängers oft genug der Fall war. Er weiß die Arbeit, die ich mir mit sorgfältiger Recherche mache, überhaupt nicht zu schätzen. Folglich bekomme ich von ihm nur Nachricht, wenn im Anzeigenbereich etwas schief gelaufen ist. Ansonsten kommt das Feed-back nur von Außenstehenden. Auch wenn es keine Fachleute sind, freue ich mich darüber, es hilft mir meinen Enthusiasmus zu behalten.

Und wo bleibt das Positive?

Ich verdiene weniger als die Volontäre einer Tageszeitung, da ein Ausbildungsvertrag im Sinne tariflicher Vereinbarungen bei uns ein Fremdwort ist. Aus diesem Grunde stoße ich mit meiner Forderung, einen Volontärkurs besuchen zu können, bisher auf taube Ohren, sieht doch der Verleger hierfür keine Notwendigkeit. Allerdings wurden mir inzwischen zwei Wochenendseminare zur Erlangung des nötigen Grundwissens zugestanden.

Diese erschwerten Rahmenbedingungen lassen mich manchmal zweifeln und ich stelle mir die Frage, was ich bei dieser Zeitung verloren habe. Dann halte ich mir wieder die positiven Seiten vor Augen: In unserer kleinen Zeitung habe ich alle Freiheit, meine Kreativität in der Seiten- und Anzeigengestaltung umzusetzen. Als Anzeigenblatt sind wir nicht an die strengen Regeln einer Tageszeitung gebunden. Ich baue die Seiten, wie ich es für richtig halte und bearbeite sie am Samstag gemeinsam mit unserem Satzstudio, ehe sie in die Druckerei übertragen werden. Ich bin also in den kompletten Ablauf der Zeitungsproduktion integriert, kann frei über die Themenauswahl bestimmen und meine große Leidenschaft, das Fotografieren, weiter ausbauen. Ferner habe ich die Chance, immer für alle Ressorts zu schreiben. Überregionale Themen und mein persönliches Steckenpferd, die Reiseseite, gehören ebenfalls dazu. Auch richtig tolle Termine, die sonst dem Chefredakteur vorbehalten bleiben, fallen jetzt in mein Aufgabengebiet. Im Februar bekam ich so die Chance, einen Leitartikel über den traditionellen Karnevalsempfang von Bundeskanzler Schröder zu schreiben. Wann hat man als Volontär schon mal Gelegenheit, live aus dem Bundeskanzleramt zu berichten?

Eigenverantwortlichkeit

Diese Eigenverantwortlichkeit bringt mich weiter. Vorbei sind die Zeiten, in denen ich ausschließlich über das Vereinsleben in Bayern berichten durfte, oder meine Zeit mit dem Abschreiben von Pressemeldungen vergeudete.

Um den journalistischen Feinschliff muss ich mich selber kümmern. Ich zehre noch von den Grundregeln, die ich während meiner Zeit als freie Mitarbeiterin und spätere Praktikantin bei einer Tageszeitung gelernt habe. Außerdem studiere ich in Eigenregie die Zeitungen genau auf Inhalt und Form. Damit auch gewährleistet ist, dass ich was lerne, arbeite ich in meiner knapp bemessenen Freizeit noch als freie Mitarbeiterin für eine Tageszeitung. Dort werden meine Artikel redigiert und besprochen, wie es die Aufgabe meines nicht vorhandenen Ausbildungsredakteurs wäre.

Ein beschwerlicher Weg, den ich mit dem Fernziel, freie Journalistin zu werden auf mich nehme. Schließlich heißt es nicht umsonst: Nur wer Träume hat, hat auch Kraft dafür zu kämpfen.

 

 

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