Vom Zuschauerraum in den Alltag „gebeamt“

Dani Levy (l.) mit Kameramann Filip Zumbrunn und der selbst gebauten Helmkamera, mit der das jüngste Jerusalem-Projekt umgesetzt wurde.
Foto: Donschen/ Medea Film

„Glaube, Liebe, Hoffnung, Angst“. Der deutsche Regisseur Dani Levy drehte in Jerusalem in 360-Grad-Technik vier Kurzfilme. Sie sollen dem Publikum einen Rundumblick ins Leben der geteilten Stadt vermitteln. Zugleich transportieren sie die Perspektive der beiden Konfliktparteien. Zwei Geschichten sind aus dem Blickwinkel israelischer und zwei aus der Sicht palästinensischer Protagonisten erzählt. Die Filme werden ab Mai in der großen Jerusalem-Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin zu sehen sein. Zur Berlinale wird es eine Voraufführung geben.

Als der deutsche Regisseur Dani Levy (Alles auf Zucker, Mein Führer) im Dezember 2017 in Jerusalem drehte, stellte er sich ganz verschiedenen Herausforderungen. Mit den vier kurzen Filmen „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Angst“, in 360-Grad- und 3-D-Technologie produziert, will Levy das Publikum quasi in den Jerusalemer Alltag „hineinbeamen“ und zielt zugleich auf ein „sensorischen Erlebnis“. Wir sprachen mit dem Regisseur.

 M | Vier Kurzfilme über den Alltag in Jerusalem – welcher Grundidee folgt das Projekt?

Dani Levy | Die Filme sollen eine intensive Erfahrung Jerusalems ermöglichen. Deshalb tragen sie den Untertitel „A Jerusalem Experience“ – eine Jerusalem-Erfahrung. Wir haben vier Geschichten, jeweils sechs bis sieben Minuten lang, in einer Einstellung, also viermal one take, gedreht. Der Zuschauer wird durch die 360-Grad-Technik förmlich in die Geschichten hinein”gebeamt”, in zweien ist er auch selbst Protagonist, wird also angesprochen, und irgendwo hingeschleppt.

Der Schauspieler und Regisseur Dani Levy
Foto: Michael Hauri

Die Filme werden ab Mai als Videoinstallation in der aktuellen Jerusalem-Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin zu sehen sein. War das eine Auftragsarbeit für die Ausstellung, oder werden die Filme auch anderswo gezeigt?

Der Auftrag des Museums war auf jeden Fall die Initialzündung für das Projekt. Das Museum wollte eigentlich eine Videoinstallation von mir, aber dazu fühlte ich mich zunächst nicht so recht berufen. Doch hatte ich kurz zuvor von meinem Freund, dem Regisseur Wolfgang Becker, zum Geburtstag eine VR-Brille geschenkt bekommen und ausprobiert. Die neue Sehweise hat mich so sehr fasziniert, dass ich dem Museum die 360- Grad-Idee vorgeschlagen habe. Schließlich konnten sie sich dafür begeistern. Die Filme werden aber auch andernorts zu sehen sein, zum Beispiel in der ARTE App oder in speziellen VR-Kinos.

Wie sind sie erzählerisch an das Projekt herangegangen? Bei 360 Grad hat man als Filmemacher ja ganz andere inszenatorische Möglichkeiten und Herausforderungen…

Mich hat es gereizt, klassisch inszenierte Filmszenen in 360 Grad zu drehen. Der Zuschauer wird von der Handlung geführt, kann nicht interaktiv einwirken. Die Szenen sind real gedreht wie im Spielfilm, nicht im Computer generiert. Trotzdem ist es ein völlig neues Seherlebnis. Man kann sich in der Szene umschauen, wie man will, und baut sich dadurch seinen eigenen Schnitt.

Dazu kommt, dass man mit Brille und Kopfhörern von der Umgebung völlig abgeschottet ist, alleine mit sich und dem Film. Das ist nach 100 Jahren Filmgeschichte, die im Kino, im Fernsehen oder im Rechner nie den Zuschauerraum verlassen hat, eine wirklich neue Erfahrung. Insofern ist das sensorische Erlebnis der Hammer. Unser Gehirn ist gar nicht gewöhnt, Geschichten so zu erleben.

Die Technik war eine Herausforderung. Eine andere war sicherlich die Arbeit in einer politisch aufgeladenen Atmosphäre, wie sie in Jerusalem herrscht. Sie mussten auch mit den Behörden klarkommen?

Zwei der vier Geschichten waren bezüglich der Drehgenehmigungen unkompliziert. Die Jerusalemer Stadtverwaltung forciert die Unterstützung von Drehs in der Stadt und will damit weltweit signalisieren, dass man in Jerusalem gut arbeiten kann. Der kommunale Filmbeauftragte hat uns sehr unterstützt.

Bei einem der Drehorte im Zentrum, auf dem Zions-Platz, tritt ein israelkritischer Komödiant auf, der wirklich böse Witze über Israel macht und daraufhin von Israelis angegriffen wird. Das war problemlos zu drehen. Eine andere Geschichte spielt auf den Dächern der Altstadt. Auch problemlos. Die vielen armen Familien, die dort wohnen, freuten sich, dass wir bei ihnen filmten.

Beim Drehort in Ostjerusalem, im arabischen Viertel, direkt an der Mauer, wo wir eine Szene am Checkpoint drehen wollten, gab es Probleme mit der Militärpolizei, vielleicht auch aufgrund mangelnder Vorabinformation. Wir fingen an einzurichten und die kamen und stoppten uns erstmal, konfiszierten unsere Ausrüstung.

Dann warfen Jugendliche von der palästinensischen Seite plötzlich Böller über die Mauer auf die Uniformierten – wahrscheinlich Alltag in der Gegend, aber für mich eine Situation „am Rande des Bürgerkriegs“. Unser Line-Producer hat dann mit der Militärpolizei verhandelt und nach etwa zwei Stunden konnten wir weitermachen.

Gab es behördliche Versuche, in die Handlung, ins Drehbuch einzugreifen?

Nur bei einer Geschichte. Wir wollten in einem Gebäude auf der anderen Seite der Mauer drehen, in Abu Dis, das Ende der 90er Jahre als Parlament für den neuen palästinensischen Staat gebaut wurde, aber durch das Scheitern der Friedensverhandlungen nie fertig gestellt wurde.

Zuvor wollten die palästinensischen Behörden das Drehbuch sehen. Da ging es dann hin und her, auch um den Dialog. Die Handlung war auch tatsächlich heikel für die Palästinenser.

In der Geschichte führen zwei Wächter den Zuschauer in die Bauruine und erzählen ihm die Historie. Überraschend treffen sie dort auf Yassir Arafat, der etwas verwahrlost und im Dunkeln sitzt. Er wartet immer noch auf die Weiterführung der Verhandlungen.

Arafat, der dort als Heldenfigur immer noch sehr präsent ist, so zu zeigen – zudem von einem Juden, wenn auch aus Deutschland – das war für die palästinensische Behörde einfach zu viel. Da war meine Fantasie zu weit gegangen… Doch ansonsten ließ man uns frei agieren.

 Kam es noch zu dem Dreh mit Arafat im Parlamentsgebäude?

Den Schlüssel zum Gebäude hatte der Direktor der al-Quds-Universität. Der war von Anfang an strikt ablehnend. Unser israelischer Produzent, Palästinenser mit israelischem Pass, hat über Wochen alles versucht, ohne Erfolg.

Dann, ein oder zwei Tage vor dem Dreh, bekamen wir die Nachricht, dass ein in der Gegend sehr einflussreicher Bauunternehmer zu unseren Gunsten interveniert hatte und es jetzt doch klappen würde.

Als wir gerade losfahren wollten, war wieder alles anders. Wir sollten ohne Schlüssel hinein, „schwarz“ über die Mauer klettern und illegal drehen. Für uns Deutsche wäre das vielleicht noch okay gewesen, aber für die palästinensische Crew war das keine Option. So mussten wir zu einem alternativen Drehort, den wir in der Hinterhand hatten…

Auf welche filmische Infrastruktur konnten Sie vor Ort zurückgreifen? Wie kam zum Beispiel der Cast zustande?

Wir hatten den Dreh nicht von Ramallah oder der Westbank aus vorbereitet, sondern von Jaffa, dem arabischen Teil Tel Avivs. Durch den israelisch-palästinensischen Line Producer war die Crew gemischt, das war eigentlich super. Trotzdem war es selbst mit einem palästinensischen Casting Director ziemlich schwierig, gute palästinensische Schauspieler zu bekommen.

Es gibt sehr professionelle arabische Darsteller, mit Erfahrungen etwa aus der TV-Produktion Fauda. Aber einige waren wegen der Anti-Normalisierungs-Position der Palästinenser nicht bereit mitzuwirken, wollten nicht mit israelischen Darstellern zusammen drehen und so den Anschein normaler Beziehungen zwischen beiden Gruppen erwecken. Oder sie waren finanziell nicht erschwinglich für unsere Produktion.

Berichte vom Set suggerieren, dass selbst dort noch Konflikte zwischen Ihnen und einzelnen Darstellern um die Umsetzung des Drehbuchs ausgetragen wurden?

Diskussionen gab es bei einer Szene am Checkpoint: In der Geschichte wird eine junge Palästinenserin von einem jungen israelischen Soldaten aus dem Bus heraus in ein Verhör-Zelt gebracht. Was zunächst nach Schikane aussieht, stellt sich dann als eine Art Kontaktaufnahme, als versuchter Flirt heraus. Er lädt sie auf seine Geburtstagsparty ein. Mit Hinweis auf die Situation – er Soldat, sie Verhörte – und auf die politische Lage – die Mauer im Hintergrund – lehnt sie die Einladung rundweg ab.

Ich bat die Schauspielerin, diese Reaktion etwas emphatischer, und nicht zu bitchy, nicht zickig, zu spielen. Aber sie beharrte auf einer ganz klaren, ablehnenden Darstellung, um ihre Position als Palästinenserin ganz deutlich zu machen: „Es gibt keine Normalität unter diesen Umständen.“

In solchen Momenten überdeckt die Politik das Schauspiel, oder die Dreharbeit. Das hat mich sehr berührt. Auch vor dem Hintergrund des vorangegangenen Übergriffs der israelischen Militärpolizei habe ich ihre Anti-Normalisierungs-Position gut nachvollziehen können – sie wollte und konnte nicht abstrahieren. Das habe ich noch nie erlebt.

Läuft man in solch konfrontativer Umgebung als Regisseur nicht Gefahr, von der Politik einfach suspendiert zu werden? Kann man noch frei inszenieren?

Wie gesagt, zwei der vier Geschichten werden aus dem palästinensischen Blickwinkel erzählt, da gehört ihre politische Haltung natürlich dazu. Auch die übergeordnete alltägliche politische Erfahrung in der Stadt sollte ja Teil der Filmgeschichten sein. Das war für mich sogar ein wichtiges energetisches Element.

Zudem hatte ich diese Anti-Normalisierungs-Position bereits beim Dreh von 24h Jerusalem (ARTE-Echtzeitdoku, d.R.) miterlebt. Auch damals bedeutete die Teilnahme der palästinensischen Teams an einem Projekt mit Deutschen und Israelis ein ewiges Hin und Her. Interessant war für mich das Gefühl, wie lächerlich und naiv ich mir in Israel manchmal vorkam, mit meinem mitteleuropäischen Humanismus.


Tipp: Eine presseöffentliche Vor-Aufführung der Filme gibt es während der Berlinale am 18. Februar 2018 von 10 bis 16 Uhr im Jüdischen Museum in Berlin-Kreuzberg (dort Akkreditierung erforderlich).

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