Von action, rigging und motion control

Eva Katharina Bühler steht auch beim Berliner Tatort hinter der Kamera
Foto: Arvin Nessehauf

Nein, Sorgen um ihren Job macht sie sich nicht. Eine Medienkrise gebe es zumindest im Filmbereich derzeit nicht: „In Berlin ist der Markt durch Netflix, Amazon Prime, Sky weit eröffnet. Es wird so viel gedreht wie noch nie“, sagt Kamerafrau Eva Katharina Bühler. Beruf und Familie zusammen zu bringen, das sei im Moment mehr ihr Problem. Und die immer noch mangelnde Akzeptanz von Frauen am Filmset.

Am Anfang des Gesprächs geht es noch Hochdeutsch zu. Doch dann kommt Eva Katharina Bühler in Fahrt, oder sollte man gleich „motion“ sagen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt. Die studierte Kamerafrau und Bildgestalterin sorgt dafür, dass alle Positionen und Abläufe beim Dreh möglichst reibungslos funktionieren. Es geht um Farbgebung, Lichtsetzung, Kameraführung. Das „rigging“ der Kamera etwa, also das sichere Befestigen bei einer Autofahrt. Oder eben auf einem Dolly, einem Schienenwagen, für eine wackelfreie Szene. „More haze“ bedeutet mehr künstlicher Theaternebel. „Top shot“ ist die Perspektive von oben. Die „motion control“ garantiert die Wiederholbarkeit  von Aufnahmen bei exakt gleicher Kameraposition. Wenn alles vorbereitet ist, heißt es nicht „Und Bitte“, sondern „Action“! Denglisch ist auch bei deutschen Produktionen die Film-Arbeitssprache.

Noch in der Schule in Achern wollte Eva Katharina Bühler Fotografie studieren, doch das bewegte Bild schien ihr schließlich spannender. Vorbilder sind für sie Roger Deakins, Kameramann der Coen-Brüder. Oder Kino-Kamerafrau Judith Kaufmann. Aus Polen Slawomir Idziak, der die Krzysztof Kieślowski-Filme ins Bild setzte. Ständige Lektüre ist die „American Cinematographica“, um immer auf dem Laufenden zu sein. Das Diplom an der Filmakademie Ludwigsburg war ihre Visitenkarte für größere Produktionen. Schon bald durfte sie erste SoKo-Folgen drehen. Mit 38 Jahren lässt man sie beim RBB über die Produktionsfirma Eikon nun an den Tatort heran. Das Drehbuch von 90 bis 100 Seiten liest sie in drei Stunden, macht sich erste Notizen, entwickelt visuelle Vorstellungen. Rund acht Wochen vor Drehbeginn beginnt die aufwändige Motivsuche.

„Zum Beispiel mussten wir für einen close shot, also eine Nahaufnahme, einen speziellen DDR-Orden nachbauen. Das kostete zwar über Tausend Euro, aber dieses Detail war uns sehr wichtig. Anderes muss aus Kostengründen wegfallen. Einmal sollte ein Hubschrauber am Strand landen. Dann fuhren am Ende doch nur Polizeiautos durch den Sand“, erinnert sich Bühler.

Beim Berliner Tatort sind übrigens Polizei und SEK-Beamte speziell ausgebildete Statisten, verrät die Kamerafrau. Fünf Wochen vor Drehbeginn wird ein wenig luxuriöses Büro eröffnet. Es werden Requisiten beschafft, Motivverträge gefixt, Fahrer und Kostümabteilung organisiert – täglich ist Besprechung. Die Spannung steigt. Dann der erste Drehtag, dem in der Regel 22 weitere folgen, je zehn bis maximal zwölf Stunden lang. „Früher ging das schon mal bis zu 16 Stunden. Aber jetzt halten sich die Produktionsfirmen an den Arbeitsschutz und feste Zeiten“, weiß Bühler.

Sie ist am Set für ein ganzes Team zuständig. Die Kamerafrau ist director of photographie. Sie ist dann Chefin für den Kameraassistenten, der für die Technik sorgt, für den Materialassistenten und den video operator, der die Bildausspielung des gedrehten Materials an das ganze Team überwacht. Der data wrangler sichert das Filmmaterial. Auch die fünfköpfige Beleuchtungscrew folgt ihren Wünschen und Anweisungen. Hinzu kommen noch der Kamerabühnenmensch und sein Assistent für das rigging – die Takelage – der Kamera. Unter den Kollegen gebe es kaum Probleme.

Schwieriger ist schon eher, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Bei drei kleinen Kindern schafft sie zwei große Filme im Jahr, das sind sechs Monate Arbeit. Sie hofft, bald Zeit für drei jährliche Projekte zu haben. Klares Ziel wäre zum Beispiel, eine große Netflix-Serie zu drehen. Wenn es nur nicht die alten Geschlechterrollen geben würde. Kamerafrauen seien auch hierzulande noch die große Ausnahme. Das sollte sich bald ändern, wünscht sich Eva Katharina Bühler: „In Hollywood hat noch nie eine Frau den Kamera-Oscar bekommen, und das in 100 Jahren Filmgeschichte. Mit Rachel Morrison ist in diesem Jahr zum ersten Mal überhaupt eine Frau in der Kategorie Beste Kamera für einen Oscar nominiert worden. Den deutschen Kamerapreis gewann zumindest schon mal eine Frau. Wir vernetzen uns, wir die Cinematographinnen, damit wir bald nicht mehr Exoten am Filmset sind.“

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Unglaubliche Umfragen und trickige Schlüsse

Podcasts boomen, zumindest in den Schlagzeilen. Tun sie das wirklich? Wo sind verlässliche Zahlen, die Podcasts mit anderer Mediennutzung vergleichbar machen? Es gibt sie kaum. Den Markt mit vielen Akteuren, Plattformen, Tools und Diensten zu messen ist schwierig, weil das im klassischen Verbreitungsweg technisch nicht vorgesehen ist. Daher wird der Erfolg von Podcasts gerne über Umfragen ermittelt. Anlässlich der Verleihung des Deutschen Podcast Preises nehmen wir eine solche Umfrage kritisch unter die Lupe.
mehr »

„Katapult“ wird nun auch online gespannt

Mecklenburg-Vorpommern ist flach und dünn besiedelt. Gleiches gilt für die dortige Print-Medienlandschaft. Gerade mal drei Tageszeitungen versorgen die 2,5 Millionen** Einwohner*innen mit News und Unterhaltung. Ein Greifswalder Startup will jetzt für mehr Vielfalt sorgen. Nahezu zeitgleich mit den ersten Urlaubern schnellte Katapult MV, eine digitale Lokalzeitung für Mecklenburg-Vorpommern, seine ersten Botschaften ins ansonsten wenig aufregende mediale Flächengetümmel.
mehr »

Berliner Polizei gerät in Erklärungsnot

Bei den jüngsten Protestaktionen von A 100-Gegner*innen in Berlin-Neukölln und Treptow ist die Berliner und Bundespolizei massiv gegen Journalistinnen und Journalisten vorgegangen, die darüber berichten wollten. Für Renate Gensch, Landesvorsitzende der Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Berlin-Brandenburg, ist es ein “Unding“, dass Journalist*innen teilweise mit polizeilicher Einkesselung an der Berufsausübung gehindert wurden, sie sieht eine „klare Behinderung der Pressefreiheit“.
mehr »

ProQuote: Gegen ein – „Hatten wir schon“

„Lasst uns einfach keine Arschlöcher werden“, wünschte sich taz-Entwicklungsredakteurin Luise Strothmann zu Beginn des digitalen ProQuote Camps am 4. Juni. Unter dem Tagungstitel „We've got the Power – Wohin mit unserer Macht?“ diskutierten ein Mann und viele Frauen aus Medien, Politik und Zivilgesellschaft über einen Journalismus der Zukunft, der sich mehr an den Rezipient*innen orientiert, inklusiver und solidarischer ist, der alte patriarchale Strukturen aufbricht.
mehr »