Von Risiken und Druck im Beruf

Symbolbild: M/Petra Dreßler

Journalist*innen in Deutschland sehen sich in einem hohen Maß Stress ausgesetzt. Die Mehrheit hat in letzter Zeit Beleidigungen im Internet und Herabwürdigungen ihrer Arbeit erlebt. Das kam bei einer repräsentativen Befragung heraus, die jetzt im Arbeitspapier „Journalismus in Deutschland 2023: Aktuelle Befunde zu Situation und Wandel“ vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans Bredow-Institut (HBI) veröffentlicht wurde. Mehr als 40 Prozent der Befragten hätten Sorge, dass Angriffe gegen Journalist*innen nicht bestraft werden.

In den vergangenen fünf Jahren haben demnach 58,9 Prozent der Befragten erniedrigende oder hasserfüllte Äußerungen und 62,1 Prozent eine öffentliche Diskreditierung ihrer Arbeit erlebt. Andere Drohungen oder Einschüchterungsversuche sind 26,5 Prozent der Journalist*innen in diesem Zeitraum widerfahren. 16,3 Prozent geben an, dass Dritte ihre persönlichen Daten verbreitet haben. (Anmerkung der Redaktion: Auf der Website www.schutzkodex.de finden Journalist*innen und andere Medienschaffende Unterstützung, wenn sie von Gewalt und Hetze in der realen und virtuellen Welt betroffenen sind.)

Im Zentrum der Untersuchung stand der Umgang von Journalistinnen und Journalisten mit Risiken und Unsicherheiten in einer Medienwelt, die politisch, ökonomisch, technologisch und kulturell von stetigem Wandel geprägt ist. Dabei fokussieren sich die Autor*innen Wiebke Loosen, Anna von Garmissen, Elsa Bartelt und Tim van Olphen auf sieben Schlüsselbereiche: Redaktionelle Autonomie, wahrgenommene Einflüsse auf Journalismus, journalistische Rollen, journalistische Epistemologien, Berufsethik, Sicherheit und journalistische Arbeitsbedingungen. Daneben wurden erstmals seit 2015 wichtige Kennzahlen zum journalistischen Berufsfeld erhoben.

Abgefragt wurde etwa das Rollenverständnis. Demnach sei es den Journalist*innen in Deutschland besonders wichtig, zuverlässige Informationen zu liefern, Desinformation entgegenzuwirken (85,9 Prozent) und Menschen zur Meinungsbildung zu befähigen (87,2 %). Einen hohen Stellenwert würden sie den Aufgaben beimessen, gesellschaftliche Missstände zu beleuchten (76,6 %) und unparteiisch zu beobachten (80,9 %).

Zugleich zeigt die Befragung, dass Journalist*innen in Deutschland überwiegend männlich sind und mehrheitlich einen akademischen Hintergrund haben. Traditionelle Printmedienhäuser sind immer noch die wichtigsten Arbeitgeber.

Befragt wurden 1.221 hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten in Deutschland zwischen September 2022 bis Februar 2023. Die Studie ist Teil des Forschungsverbunds Worlds of Journalism, wobei Teams in mehr als 100 Ländern den Zustand des Journalismus und die wachsenden Komplexitäten untersuchten, denen sich Medienschaffende gegenübersehen. Die Befragung wurde vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos unter Leitung des HBI durchgeführt.


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