Von UKW zu www: Immer mehr Radios gehen online

Der Anfangs-Bastel-Phase folgt nun die Professionalisierung – zum Nutzen der Hörer und User

Journalismus online
Weltweit sind es über 6000, in Deutschland nur ein paar hundert: Radioprogramme im Internet. Die Mehrzahl wird von traditionellen UKW-Stationen als eigenes Webangebot betrieben, doch die Zahl der reinen www-Audio-Angebote, zumeist von branchenfremden Firmen und jungen Start-ups betrieben, wächst.

„Der Trend ist nicht aufzuhalten“, sagt auch Radioexperte Michael Weiland: „Die Zukunft beim Hörfunk liegt in Multimedia-Anwendungen“. Kein Wunder, dass Weiland diesen gnadenlosen Optimismus verbreitet. Er ist schließlich Pressesprecher für erfolgreiche Traditions-Funker wie den Berlin-Brandenburger Marktführer r.s.2, berät und vermarktet mit seiner Agentur Positioning first zugleich reine Online-Radios wie den bundesweiten Shooting-Star www.daswebradio.de.

Eigentlich lässt sich das schon gar nicht mehr trennen. So ist daswebradio.de im Funkhaus Berlin beheimatet, das mit 105,5 Spreeradio und rock star FM zugleich zwei Sender mit eigenständigem Netzauftritt betreibt. Zur Symbiose gibt Funkhaus-Chef Stephan Schwenk, zugleich Chef der Webcast Media Group AG, unumwunden zu: Auch für den Netzdschungel gelte, dass sich ein Angebot rechnen muss: „Um erfolgreich zu sein, muss man sich als Marke etablieren – egal ob bei Hörer oder User“. Das gehe am besten, weil kostensparendsten, durch Crosspromotion, gemeinsame Techniknutzung und kooperative Vermarktung. Er ist mit daswebradio noch einen Schritt weiter gegangen: Noch vor der geplanten Vermarktung über die ARD Sales & Services hat er auch die für Werbekunden buchbare Kombi Webradio-Alliance mit sechs anderen Anbietern gegründet.

Noch rechnen sich nämlich weder die Web- oder Cyberradios noch die Online-Angebote etablierter Sender. Für die 57 öffentlich-rechtlichen Stationen der zehn ARD-Anstalten nebst DeutschlandRadio und Deutschlandfunk ist das kein Problem: Sie haben ein Gebührenpolster. So hat das zuständige Gremium KEF erst unlängst für die nächsten vier Jahre allein der ARD 22 Millionen Mark zusätzlich für Internetaktivitäten bewilligt.

Zugleich befördert aber der mangelnde Gelddruck eine gewisse Experimentierfreudigkeit. So gehört „DasDing“ vom Südwestrundfunk (SWR) – gestartet als Netzradio, inzwischen ebenfalls über UKW als Jugendwelle verbreitet (siehe M 7/99) – zu den innovativsten Programmen. Auch das ORB-SFB-Jugendradio Fritz hat bereits dreimal mit trimedialen Aktionen, die Hörfunk, TV und Internet verknüpfen, Neuland betreten – unterstützt durch EU-Gelder.

Vernetzung

Schwerer haben es da schon die knapp 200 Privatradios, da jede Mark, die sie ins www stecken, erst über UKW verdient sein muss. So ist es nicht verwunderlich, dass nur die großen Landessender, zumeist auch regionale Marktführer, wie R.SH, Antenne Bayern und FFH eigene Online-Angebote haben.

Besonders interessant ist die bundesweite Vernetzung bei www.energy.de, wo man unter einem Dach zu den einzelnen Stationen in München, Hamburg und Berlin gelangt. Im Gegensatz dazu verzichtet das neue FAZ Business Radio, bis vor kurzem berlin aktuell, gleich ganz auf einen eigenen Netzauftritt: Unter der Adresse gelangt man sofort zum neuen Onlineangebot der „Frankfurter Allgemeinen“, die dadurch fast als einzige Zeitung auch einen Audioservice auf ihrer Homepage bieten kann.

Vergleicht man die mehr als 50 kommerziellen Radio-Web-Auftritte und ihre Entwicklung in den letzten vier Jahren, wird schnell klar: Die Anfangs-Bastel-Phase ist vorbei. Das „ich bin drin“ reicht nicht mehr, Kunden gewinnt man heute nur mit Zusatznutzen – oder man blamiert sich und beschädigt den Ruf des Senders. Inzwischen stellen sich die Radios mit ihren Teams und dem Programm nicht einfach nur auf ihrer Homepage vor. Im Zuge der Professionalisierung setzen fast alle auf Interaktivität durch Chatforen oder Abstimmungen über Playlisten. Einzelne Audiodateien zum Anhören sind dem kompletten Live-Stream per Mausklick gewichen.

Wetter, Verkehr und News per Handy

In wettbewerbsintensiven Gebieten wie Berlin-Brandenburg, dem mit 26 Programmen härtesten Radiomarkt Deutschlands, gehören selbst Free-SMS-Buttons für das kostenlose Versenden von Handy-Botschaften zum Standard. Agile Stationen wie BB Radio offerieren bald sogar WAP, also die Möglichkeit, per Handy Wetter, Verkehr und News bei www.bbradio.de abzurufen. Und der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt: Manche Sender-Angebote erlauben per Webcams Einblicke in die Studios, neue Filme sind in Ausschnitten vorab zu sehen, Musiktitel als MP3-Files herunterladbar oder die entsprechende CD kann per Mausklick bestellt werden.

Der Renner sind auch wie bei www.104.6rtl.com das Herunterladen beliebter neuer Spiele wie „Moorhuhn“. Überhaupt setzt das Flaggschiff der deutschsprachigen CLT/Ufa-Radios darauf, über den „Online-Auftritt eine Community zu bilden“, wie RTL-Deutschland-Chef Jürgen Filla sagt. Besonders stolz ist er, dass die Berliner Station extra Webradio-Formate herstellt für den Online-Auftritt der TV-Familie RTLworld. Durch das Experimentieren und die Anbindung an Europas größten audiovisuellen Konzern Europas sammelt Filla mit seinem Team jetzt schon Erfahrungen, um dann bei mobilem Multimedia im sogenannten UMTS-Zeitalter mithalten zu können.

Außer dem Zusatznutzen für Hörer und User hat der Multimedia-Trend im Hörfunk noch einen Nutzen für die in der Branche Beschäftigten: Erstmals wird wieder eingestellt, statt angebaut. Durch die Digitalisierung der Hörfunktechnik wurde der Betrieb oft nur als Selbstfahrerstudio abgewickelt, wo ein Mensch alles macht. In der Online-Bastelphase waren oft webinteressierte Redakteure und kleine Fremdfirmen am Werke. Doch der Professionalisierungsdruck hat selbst bei kostenbewussten Privatradios eigene Onlineabteilungen entstehen lassen. Dort arbeiten zum Beispiel bei Antenne Bayern zehn Leute und BB Radio in Potsdam wird auch zwei Internet-Mitarbeiter beschäftigen.

 

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