Wächterpreis für Hartnäckigkeit

Ein Kollege über Angela Böhm: „Die wird mal die Miss Marple der bayerischen Politik“

Am 18. Januar 2007, es war ein Donnerstag, ist Edmund Stoiber gestürzt – oder gestürzt worden – je nach Lesart. An diesem Tag fand die monatelange Krise in der CSU ihren Höhepunkt. Und eine Münchner Journalistin konnte sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen, als sie in der Früh die Münchner Zeitungen überflog: Angela Böhm. Die Landtagsreporterin der Abendzeitung hatte als einzige vermeldet, dass sich die CSU-Granden im verschneiten Wildbad Kreuth auf eine Nachfolge verständigt hätten. Während sich die Kollegen am Vorabend bei dem Parteitreffen die Beine in den Bauch standen, war Böhm nach München gefahren und telefonierte lieber im Minutentakt mit ihren CSU-Kontakten.
Penetranz, die sich auszahlte. Auf der Seite Eins der Abendzeitung stand an diesem Tag groß zu lesen: „Einigung über Stoiber – Nachfolge-Beckstein: Geheimtreff mit Huber“. Die Süddeutsche Zeitung dagegen hatte die Nachricht verpasst: „Landtagsfraktion verschiebt Entscheidung über Stoibers Zukunft – Ratlosigkeit in der CSU“ hatte Deutschlands Leitmedium getitelt. „Es war eine harte Morgenkonferenz“, erinnert sich Angela Böhm, während sie in ihrem Latte Macchiato rührt. „Keiner hatte diese Nachricht, außer uns. Alle in der Abendzeitung zweifelten, nur der stellvertretende Chefredakteur Thorsten Fricke hielt zu mir.“ Doch nachmittags um zwei bestätigt schließlich Bayerns Ministerpräsident höchst selbst blass und schmallippig seinen Rücktritt.
Und Angela Böhm hatte wieder einmal recht gehabt. So wie einen Monat zuvor, als ihre Aufmachergeschichten rund um den Bespitzelungsfall der „schönen Landrätin“ Gaby Pauli den vorletzten Akt von Stoibers Machtverfall ausgelöst hatten. In den Tagen vor Weihnachten hatte Angela Böhm ein ums andere Mal die Vorwürfe der Landrätin aufgeschrieben. „Sex, Alkohol und Staatskanzlei – Schöne Landrätin: So wurde ich bespitzelt“, lautete eine der Stories. Die Staatskanzlei dementierte. Schließlich schrieb Böhm den Namen des Spitzels auf, der schmieriges Material über die CSU-Querulantin Pauli zu sammeln versuchte. Und dem Ministerpräsidenten blieb nichts anderes als den Mann – seinen Büroleiter – zu versetzen. Für die Hartnäckigkeit in dem Fall wurde Angela Böhm am 7. Mai im Frankfurter Römer der zweite Preis beim „Wächterpreis der Tagespresse“ verliehen.
Knapp zwanzig Jahre zuvor hatte die heute 52jährige ähnliches erlebt, am eigenen Leib. „Deswegen war ich so elektrisiert, als die Pauli über Bespitzelung geklagt hat.“ 1989 hatte Angela Böhm die erste CSU-Schmiererei aufgedeckt, damals noch als Rathausreporterin. Mehr zufällig stieß sie auf ein Münchner Grundstück, das sich der damalige CSU-Ministerpräsident Max Streibl unter den Nagel gerissen hatte – obwohl dort ein Seniorenheim entstehen sollte und obwohl er den Grund gar nicht bezahlt hatte. „Nachdem ich das geschrieben hatte, wurde mir berichtet, dass die CSU Anrufe macht, um etwas gegen mich zu finden“, erinnert sich Böhm. Doch die CSU scheiterte mit ihren zwielichtigen Recherchen, auch dank der Verlegerfamilie Friedmann. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, sagten Friedmanns zu mir, das rechne ich ihnen hoch an“, erinnert sich Böhm. Schon damals erhielt Böhm den Wächterpreis – und viele Angebote großer Magazine. Aber die studierte Politik- und Rechtswissenschaftlerin blieb ihrer Zeitung treu, für die sie seit einem Praktikum 1980 schreibt. Zum einen, weil auch ihr Mann in München arbeitete. Und zum anderen, weil sie für Stern und Spiegel nicht arbeiten wollte. „Ich brauche Tageszeitung, es kommt doch auf jeden Tag an!“ Da wäre dann in München nur ein Wechsel zur Süddeutschen in Frage gekommen. „Die hatte aber Michael Stiller, die brauchten mich nicht.“
In der Tat war der investigative Journalist Michael Stiller Anfang der 90er publizistisch so etwas wie die bayerische „Ein-Mann-Opposition“ – bis die freche Angela Böhm zur Landtagsreporterin aufstieg. Eine „äußerst liebenswerte Kollegin mit großem Stehvermögen“ nennt Stiller seine Kollegin inzwischen und prophezeit ihr eine Zukunft „als Miss Marple der bayerischen Politik – aber erst in vierzig Jahren“. Immer sei Böhm eine knallharte Einzelkämpferin gewesen, berichtet Stiller. „Da wo sich bei uns fünf oder sechs Leute mit einer Geschichte beschäftigen, kämpft sie sich alleine durch.“ Und dann schaffe sie es auch noch, schwierige Sachverhalte anstatt auf 300 Zeilen auf 20, 30 Zeilen aufzuschreiben.
Wenn man Böhm selbst fragt, wie sie in den letzten zwanzig Jahren an ihre Geschichten gekommen ist, dann spricht sie von Verlässlichkeit – und von Distanz. „Ich bin mit niemandem per Du, habe mir mit niemandem aus der Politik Freundschaften aufgebaut.“ Gleichzeitig wüssten ihre Gesprächspartner, dass sie nicht unfair sei. „Damit habe ich mir Vertrauen erarbeitet.“ Vertrauen, das ihr offenbar auch als Betriebsrätin der Abendzeitung entgegen gebracht wird.
Und so ist man inzwischen sogar in der CSU zu einem Kommentar über Angela Böhm bereit. „Scharfzüngig, aber trotzdem charmant“ sei Böhm, formuliert Generalsekretärin Christine Haderthauer gegenüber M. „Das Netzwerk, das sie im Laufe der Jahre geknüpft hat, macht sie zu einer der bestinformierten Landtagsjournalistinnen“, meint Haderthauer anerkennend. Ein Lob, das Böhm – mit dem ihr eigenen Schmunzeln – zurückgeben kann: „Die CSU sichert meinen Arbeitsplatz – aber ich bin überzeugt, dass wir das, was wir über die CSU schreiben, über jede Partei schreiben könnten, die so lange an der Macht ist.“

nach oben

weiterlesen

Journalismus jenseits von Profit

Liegt die Zukunft des Journalismus jenseits von Profit? Noch ist spendenfinanzierter Journalismus in Deutschland die Ausnahme. Ein wesentlicher Grund: Bislang fehlen dafür die gesetzlichen Grundlagen. Nicht nur Aktivisten wollen, dass sich das ändert. Lässt sich die Politik im Bundestagswahlkampf dahin bewegen? Diese und andere Fragen stellten wir Oliver Moldenhauer, einem der Vorsitzenden des Forums Gemeinnütziger Journalismus, das Non-Profit-Organisationen im Medienbereich vereint.
mehr »

Mehr Sichtbarkeit für Frauen beim SWR

Der Südwestrundfunk (SWR) will den Frauenanteil in Radio, Fernsehen und Internet erhöhen und Frauen in allen Programmen sichtbarer machen. Daher stellt sich der Sender als erste Landesrundfunkanstalt der ARD der sogenannten 50:50-Challenge. Nach dem Vorbild der britischen BBC sollen alle Redaktionen ein Jahr lang freiwillig auf ein möglichst ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in ihrem Programm achten. Das Mitmachen in den Redaktionen ist freiwillig.
mehr »

Sie haben Post! – Ein neuer Newsletter

Altbacken, langweilig und viel zu viele: Newsletter galten lange Zeit als überholt. Doch das hat sich geändert. Aus den USA kommt der Trend, dass auch einzelne Journalistinnen und Journalisten ihre Inhalte im Abo direkt an ihre zahlende Leserschaft ausschließlich mailen. Sie stehen weder im Netz noch in gedruckten Medien. Wer Insider-Infos für zahlungsbereite Kundschaft liefert, kann damit sogar Geld verdienen. Einfach ist das allerdings nicht.
mehr »

RBB-Freie: „Ohne uns wird‘s langweilig“

Am Tag der Arbeit demonstrierten mehr als 300 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Berliner Masurenallee vor dem Sendezentrum des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). Denn sie wollen ihre Arbeit behalten, sie wollen Bestandsschutz, faire Honorare und Respekt für ihren qualifizierten Beitrag zum Programm der Zwei-Länder-Anstalt, die mal wieder den Rotstift ansetzt. Ganze Sendeformate sollen wegfallen. 75 Freien der Sendung „ZiBB“ wurde bereits das Ende ihrer Mitarbeit angekündigt.
mehr »