Weniger einsame Wölfe

Schlaglichter: Netzwerk Recherche ermuntert zu Selbstkritik und Veränderung

Recherche im gemischten Team löst die des „einsamen Wolfes” ab, die Berichterstattung wird vielfältiger und globaler, das Publikum misstrauischer, die Machteliten blocken. Herausforderungen wie diese diskutierten die rund 700 Teilnehmenden der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche (nr) Anfang Juli beim NDR in Hamburg – in etwa 100 Veranstaltungen unter dem Motto „Schreiben.Zeichnen.Senden. Jetzt erst recht”.

Diskussionsrunde: „Im Visier der Meute“ mit Moritz Tschermak, Claus Weselsky, Kuno Haberbusch und Christian Scherz (v.l.n.r.) Foto: Wulf Rohwedder

Während der zwei Tage veröffentlichten Hamburger Studierende Nestbeschmutzer – ein Blatt, das den selbstkritischen Tenor der Konferenz aufnimmt. Dieser zeigte sich besonders in den gesellschaftspolitischen Debatten – etwa zum „Journalismus in Zeiten von Pegida, Medienbeschimpfung und Ausländerhetze” oder zum „Griechenbashing” in deutschen Medien, das 68 Prozent der Bundesbürger auf Schäuble-Kurs brachte: Die griechische Regierung hat ihre „Hausaufgaben nicht gemacht” und ist schuld am Scheitern der Verhandlungen mit der Eurogruppe. In solchen Narrationen werde die griechische Perspektive vernachlässigt, kritisiert Handelsblatt-Redakteur Norbert Häring – etwa mit Blick auf Brüssel-Korrespondent Rolf-Dieter Krause. „Ein unreflektierter deutscher Nationalismus” stecke hinter der einseitigen, moralisch aufgeladenen Berichterstattung, konstatiert taz-Wirtschaftsredakteurin Ulrike Hermann. „Wir deutsche Steuerzahler müssen für die Griechen zahlen”, wird argumentiert, ohne die ökonomischen Hintergründe differenziert zu beleuchten: „Dass der griechische Staat nicht funktioniert, wird durch Troika-Politik nicht besser!” Marc Beise, Leiter des SZ-Wirtschaftsressorts, widerspricht. Journalisten dürften durchaus ihre – auch regierungskonforme – Meinung artikulieren. Verwerflich seien aber Kampagnen wie in der Bild-Zeitung und einigen Focus-Titeln.

Wie solche Kampagnen auf die Betroffenen wirken, thematisierte die Diskussionsrunde „Im Visier der Meute”. „Man muss abgebrüht sein, wenn man eine Aufgabe übernimmt”, sagt Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, den Medien etwa als „Betonkopf” präsentierten, der „völlig durchdreht” mit seinem „Monsterstreik”. Die persönliche Hetze habe ihn weniger gestört als die fehlende Berichterstattung über Ursachen des Streiks – wie lange Arbeitszeiten, Übermüdung der Lokführer. Ab Januar 2015 seien kritische Journalisten „aber ganz anders unterwegs” gewesen. Wegen der „zeitlichen Nähe zum Tarifeinheitsgesetz”, vermutet er. Während Weselsky das „mediale Stahlbad” noch relativ unbeschadet überstanden habe, seien andere hinterher traumatisiert, berichtet Medienanwalt Christian Schertz. In den vergangenen fünf Jahren häuften sich die Fälle, in denen die Medien den „Volkszorn” aktivierten, um die „Klick- und Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben”. Medienkritiker Moritz Tschermak stellt nach der sensationsheischenden Berichterstattung über den Germanwings-Absturz im März eine Zäsur fest: „Es gab starke Reaktionen aus der Leserschaft, warum man diese Art von Bildern nicht mehr sehen will.”

Kontrovers gestaltete sich die Debatte über „Recherche bei Geheimdiensten” mit Gerhard Schindler, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND). Dem Kanzleramt unterstehend präsentiert er sich als loyaler Beamter: „Ich habe doch keine Meinung, ich habe ein Amt!” Zu Skandalen wie Bespitzelung von Journalisten und Verwendung von NSA-Selektoren sagt er, seine Behörde sei „in vielen Bereichen bei der Gesetzesauslegung hart an die Grenzen gegangen”. Man brauche klarere gesetzliche Grundlagen. Mit fehlenden Rechtsgrundlagen begründet er auch Blockadehaltungen – etwa als Albrecht Ude, der das nr-Projekt „Frag den Dienst” koordiniert, ihn fragt, warum die Behörde Journalisten keine Auskunft darüber gibt, welche Daten über sie gespeichert sind. Elmar Theveßen, stellvertretender ZDF-Chefredakteur, beklagt, dass die parlamentarische Kontrolle der Geheimdienste in Deutschland mit der wachsenden Terrorangst seit 9/11 nicht mehr funktioniert. Georg Mascolo kritisiert, dass die Parlamente wichtige Informationen über die Nachrichtendienste erst von Journalisten erhalten. In „geschlossenen Systemen” wie dem BND könne sich „der Sprengstoff noch beim kleinsten Sachbearbeiter in der Schublade befinden.” Quellenschutz sei da unabdingbar, man müsse aber die Recherchewege und Belege transparent machen.

NDR-Journalistin Julia Stein. Foto: Wulf Rohwedder
NDR-Journalistin Julia Stein. Foto: Wulf Rohwedder

Recherche im Team.

Um Transparenz, aber auch organisatorische Veränderungen der Recherche und Datenjournalismus ging es in vielen praxisorientierten Panels. Früher arbeitete der investigative Journalist als „einsamer Wolf”, heute sind die Geschichten so komplex und global geworden, dass die Informationsmenge nur noch im Team zu bewältigen ist, sagt Marina Walker, stellvertretende Direktorin des International Consortium for Investigative Journalism (ICIJ). In dem Nonprofit-Netzwerk, das 1997 in Washington gegründet wurde, arbeiten mittlerweile etwa 190 investigative Journalistinnen und Journalisten aus 65 Ländern zusammen – an grenzüberschreitenden Themen wie Verbrechen, Korruption, Machtmissbrauch. Das ICIJ, das zu zwei Dritteln stiftungsfinanziert ist, übernimmt die Koordination der Projekte und wertet die Daten aus, erläutert Mar Cabra, Leiterin der Data-Abteilung. Es bilden sich Teams nach Kompetenzen, Empathie, Vertrauen, die sich dann in virtuellen Newsrooms oder bei persönlichen Treffen austauschen. Die Teams bestehen zumeist aus Mitarbeitern der Partnermedien, die auch von diesen bezahlt werden. Selten engagiert das ICIJ selbst Freelancer. Die größten Chancen hätten diese, wenn sie selbst eine eigene Story einbringen. Als einen Meilenstein in der ICIJ-Geschichte nennt Vizechefin Walker das Projekt „OffshoreLeaks”, in dem 2,5 Millionen Dokumente zu Steueroasen in der ganzen Welt ausgewertet wurden. Im April 2013 berichteten dann Medienpartner in 46 Ländern gleichzeitig darüber – in Deutschland waren es damals der NDR und die Süddeutsche Zeitung. Im Februar dieses Jahres landete das ICIJ mit „SwissLeaks” seinen jüngsten Scoop.

Bedenken gab es im Plenum angesichts des ICIJ als „einer kleinen Gruppe, die darüber entscheidet, was in der Welt berichtet wird”. „Wir wollen maximalen Einfluss”, betont Walker, aber es gibt auch Medienorganisationen, die nicht mit uns zusammenarbeiten oder nur bei bestimmten Geschichten. Und es gibt ja auch kleinere „Wolfsrudel”, die kooperieren – wie der deutsche Rechercheverbund von SZ, NDR und WDR, geleitet von Georg Mascolo: „Eine Story wird besser, wenn du sie im Team bearbeitest.” Im gemischten Team, denn: „Investigativ ist auch weiblich”, konstatierten Teilnehmende eines der Panels zum Fokus Frauen.

Netzwerke der Macht.

Kooperationen besonderer Art sind „die Netzwerke der Reichen und Mächtigen”. In ihrem Buch „Cliquenwirtschaft” untersucht die Ökonomieprofessorin Gisela Schmalz die erfolgreichen Strukturen von Goldman Sachs, katholischer Kirche, Google und Mafia, um sie für zivilgesellschaftliche Organisationen und deren Ziele nutzbar zu machen. „Warum scheiterte die Occupy-Bewegung? Warum konnte sie sich nicht als Gegenmacht etablieren?” fragte sie sich zu Beginn ihrer Analyse. Ergebnis: Die Netzwerke der Macht – Cliquen, Gemeinden, Teams und Clans – agieren alle ähnlich, etwa bei der Anwerbung von Mitgliedern und Mitarbeitenden, die ihnen in Karriereweg und Auftreten gleichen. Nicht lose Internetbeziehungen, sondern starke persönliche Kontakte schweißen sie zusammen.

Wie können Journalisten diese Netzwerke der Macht analysieren und darüber berichten? Frederik Obermaier, investigativer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, berichtet aus dem „OffshoreLeaks”-Projekt: „Wir sind bei der Suche nach Briefkastenfirmen erst in der zweiten Reihe fündig geworden, die wir vor allem durch Expertengespräche ermitteln konnten.” In Zimbabwe sei Billy Rautenbach z.B. der „Mann fürs Geld” von Präsident Robert Mugabe gewesen, auf den die Rechercheure durch die NGO Global Witness stießen. „Das Hauptproblem ist, unter den vielen Verbindungen die relevanten zu finden”, erklärt Julian Schmidli vom Daten-Team des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF). Er untersuchte, wer von einem EU-Projekt aus Pharmaindustrie und Universitäten am stärksten profitiert. Datensätze wurden nach Verbindungen überprüft und die Erkenntnisse durch Expertengespräche vertieft. „Am Ende waren nicht das Geld wichtig, sondern die Beziehungen!” Der deutsche Datenjournalist Marco Maas zeigt am Beispiel des ZDF Lobbyradar, wie Verbindungen zwischen Politikern und Lobbyisten mittels einer interaktiven Grafik anschaulich dargestellt werden können.


Neuer Vorstand

Die neue nr-Spitze ist weiblich. NDR-Journalistin Julia Stein (Foto) wurde zur Vorsitzenden und Spiegel-Redakteurin Cordula Meyer zu ihrer Stellvertreterin gewählt. Renate Daum (Stiftung Warentest) ist Schatzmeisterin, Christina Elmer (Spiegel Online) Schriftführerin.
Beisitzer: Markus Grill (correct!v), Bernd Kastner (Süddeutsche Zeitung), Egmont E. Koch (freier Filmemacher) und Gert Monheim (früher WDR, „Die Story“). Der Vorstand kooptierte weitere Mitglieder: Franziska Augstein, Kuno Haberbusch, Vera Linß, Ulrike Maercks-Franzen, Manfred Redelfs, Albrecht Ude, Marc Widmann.

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