Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Aussschnitt aus "Lovemobil". Screenshot: https://lovemobil-film.com

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte – ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die „Fake-Doku“ zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.

„Lovemobil“ handelt von Prostituierten, die am Rande von Bundesstraßen in Wohnmobils ihre Sexdienste anbieten. Für seine Nähe zu den Protagonist*innen wurde der Film vielfach prämiert. In Fernseh-Dokumentationen ist es heute gängig, Szenen nachzustellen, meist dienen die fiktionalen Szenen der konsumgerechten Vermittlung von Wissen. An einen künstlerischen Dokumentarfilm erheben Redaktionen und Preisjurys allerdings den Anspruch, „authentisch“ zu sein. „Lovemobil“ wurde als solcher fürs Kino gefördert und vom Fernsehen kofinanziert. In der Presse machte sich nun schnell Empörung breit, „Bild“ titelte „Star-Autorin ‚fälscht‘ NDR-Film“ und „Die Welt“ stellte die Frage, wieviel Relotius in dem Film stecke. Elke Lehrenkrauss gab den Deutschen Dokumentarfilmpreis 2020 zurück und entschuldigte sich. Sie wolle laut SWR auch der Dokumentarfilm-Branche durch diesen Film nicht weiter schaden.

Hybrid ist en vogue

Die Sorge um möglichen Schaden trieb auch Mitglieder von AG Dok und DAfF um. Am 1. April diskutierten Filmschaffende sowie die SWR-Redakteurin Gudrun El Ghomri und Daniel Sponsel, Festivalleiter vom DOK.fest München, über die Wirkung und Aufgabe eines langen Dokumentarfilms. Die Runde war sich einig – teilweise inszenierte, also hybride Formen des Dokumentarfilms sind zurzeit en vogue.

Dies habe sich seit den Zehnerjahren vor allem an den Festivalprogrammen und Filmstarts im Kino gezeigt, beispielhaft sei das Doku-Drama „Honeyland“ (2019) von Tamara Kotevska über eine Bienenzüchterin zu nennen. Obwohl der Film sehr stark inszeniert und narrativ sei, so Sponsel, habe er ihn dennoch bewusst in München gezeigt. Sponsel ist ein Fan von offenen, beobachtenden Dokumentarfilmen, nehme jedoch zugänglichere Formate ins Programm, um jüngere Zuschauer zu gewinnen. Auch die Filmemacherin Viviane Blumenschein bekennt sich klar zum hybriden Dok-Film. In „Mittsommernachtstango“ (2013) schickte sie drei gecastete argentinische Musiker auf die Reise nach Finnland, um Aki Kaurismäkis Behauptung zu widerlegen, dass der Tango aus Finnland stamme. „Storytelling kommt beim Publikum an“, sagt Blumenschein, „aber ich habe immer gesagt, dass es ein inszenierter Dok-Film sei“. Lehrenkrauss habe den Fehler begangen, eben nicht kenntlich zu machen, mit welchen Mitteln sie gearbeitet hat. Jan Tenhaven – Regisseur und Vorstand Sektion Dokumentarfilm Deutsche Akademie für Fernsehen –  meint, die Autorin habe deshalb einen Pakt mit dem Zuschauer gebrochen. Ihn ärgere besonders, dass Lehrenkrauss in einer Masterclass auch noch die Authentizität ihrer Arbeit beschworen habe. Von einer Regulierung im Sinne eines Authentizitätsnachweises für den Dokumentarfilm wollen die Panelteilnehmer*innen jedoch absehen.

Einfluss der Redaktionen?

Sabine Rollberg betreute als Professorin den Diplomfilm von Lehrenkrauss. Sie äußerte sich jüngst in „Übermedien“, Dokumentarfilme müssten heute vorab zu stark durchgescriptet werden und die Macher*innen müssten im Exposé festlegen, wie der Film am Ende aussehen soll. Gudrun El-Ghomri konnte sich dies nicht vorstellen: Wenn sie für einen künstlerischen Dokumentarfilm Dialoge vorgelegt bekäme, würde sie dies als Redakteurin eher abschrecken. Allerdings wären die Zeiten vorbei, bei denen man eine Kamera aufstellt und nur beobachtet. El-Ghomri sieht es positiv, dass sich der Dok-Film beim Spielfilm dramaturgisch etwas abgeguckt habe, so werde er für ein größeres Publikum attraktiver.

Ulrike Franke, Filmemacherin und Professorin für Autoren-Dokumentarfilm, bricht eine Lanze für den Langzeitdokumentarfilm: „Ich fange an bei einer Reise, die ins Offene geht und dann woanders abbiegt, als ich gedacht habe – weil mich die Realität lenkt.“ Der jüngst vergebene Silberne Bär an „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth dürfte ihr Recht geben. Joshua Kantara, junger Kameramann am Beginn seiner Karriere, erinnert an die schlechten Produktionsbedingungen für Dok-Filmer*innen: „Die Sender sollen mehr Geld in die Hand nehmen, damit eine gute Recherche und eine authentische Inszenierung machbar ist.“


Die AG Dok hat auf einer Webseite verschiedene Meinungsäußerungen zur Problematik zusammengestellt. “Wir alle haben uns in der vergangenen Woche intensiv mit der Debatte um ‘Lovemobil’ beschäftigt”, heißt es dort. Kontroversen dieser Art seien “branchenintern geläufig, aber selten hat die Öffentlichkeit an Diskussionen zum Dokumentarfilm und seiner gesellschaftlichen wie künstlerischen Bedeutung teilgenommen”.

 

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