Zeitungseinerlei

Hamburg braucht eine neue Tageszeitung, meinen Journalisten

„Hamburg braucht eine neue Tagezeitung!“ So provokant der Titel auch war – so sehr wurde die These Ende vergangenen Jahres auf einer offenen Diskussionsveranstaltung der Hamburger dju in ver.di bestätigt.

Gut 150 Journalistinnen und Journalisten waren gekommen und unter der Moderation vom Hamburger dju-Sprecher Fritz Gleiß kamen fast dreißig von ihnen zu Wort. Dietrich Rusche, medienpolitischer Sprecher der CDU, überraschte die Anwesenden: „Eine neue Zeitung in Hamburg“, stellte der Altonaer Bürgerschaftsabgeordnete fest, „würde jedem in der Stadt zugute kommen“. Warum, hatten einleitend Prof. Hans Kleinsteuber wissenschaftlich und Vorstandsmitglied Wulf Beleites ironisch deutlich gemacht. Die Konzentration der Medien in einer Hand, sprich: bei der Axel Springer AG, ist in kaum einer deutschen Stadt so hoch wie in Hamburg. Beleites: „Es herrscht ein tägliches Zeitungs-Einerlei: Da haben wir ein bisschen rechter die Bild, ein bisschen konservativer die Welt, ein bisschen aufgeschlossener die Morgenpost ein bisschen betulicher das Abendblatt und ein bisschen kleiner die taz. Ein Zeitungs-Brei, der sich nur geringfügig unterscheidet.“

Peggy Parnass, Grande Dame der freiberuflichen Gerichtsreporter und manchen Anwesenden ein Vorbild, konstatierte nüchtern: „Ich werde meine Themen nicht mehr los.“ Allein schon deshalb würde sie eine neue Zeitung begrüßen. In diese Kerbe schlug fast jede und jeder an diesem Abend. Parnass auch war es, die den Gedanken aufgriff, bestehende Zeitungen aufzupäppeln, wie z. B. die taz, oder sich für einen gut wahrnehmbaren Hamburg-Teil in der Süddeutschen Zeitung einzusetzen. Günter Beling, verantwortlicher Redakteur für die Hamburg- Seite des Berliner Tagesspiegels vor der letzten Bürgerschaftswahl, musste dämpfen: „Das war ein begrenzter Versuch. Das hat Spaß gemacht und die Resonanz war groß. Berlin ist beeindruckt, scheut aber die Kosten, diesen Versuch auszubauen.“ SPD-Mediensprecher Uwe Grund, der vor einem Besuch der Veranstaltung mehrfach gewarnt worden war und jede „Kritik an Springer“ für nahezu „tödlich“ erklärte, blies ins gleiche Horn: Es müsse gelingen, ein Qualitätsblatt nach Hamburg zu holen und den Abonnenten-Bedarf dafür zu mobilisieren. „Eine neue Zeitung muss aus einer sozialen Bewegung entstehen“, so der Schauspieler Rolf Becker. „Und die muss erstmal angeschoben werden.“ Hamburgs ver.di- Vorsitzender Wolfgang Rose stieß ins selbe Horn: „In Hamburg steht der Großteil der Bevölkerung außerhalb der medialen Aufmerksamkeit. Ein neues Medium müsste diesen Menschen ein Gesicht geben.“

Wer eine neue Qualitäts-Zeitung für Hamburg allerdings finanzieren könne, blieb die offene Frage des Abends. Jan Philip Reemtsma war der Einladung nicht gefolgt. CDU-Mann Dietrich Rusche überraschte die Runde einmal mehr mit Gedanken, die man Mitgliedern seiner Partei so nicht zuordnet: In Göttingen habe sich just eine Lokalzeitung als Genossenschaft gegründet, wusste er. Dies sei doch auch für Hamburg ein gehbares Modell.

Als weitere konkrete Möglichkeit wurde diskutiert, eine Tageszeitung im Internet zu präsentieren. „Jede Art von Gegenöffentlichkeit nützt!“, pflichtete die Medienwissenschaftlerin und Ex-dju-Vorständlerin Ulli Gröttrup bei, die sich wie viele im Raum um ein Vierteljahrhundert zurückversetzt fühlte. Die Diskussion gleiche aufs Haar derjenigen vor Gründung der Hamburger Rundschau.

Während die alte Garde der Hamburger Journalisten sich also den Gründungskopf zerbrach, konnte die Junge Presse Hamburg, Dachverband der Schüler- und AzuBi-Zeitungen, schon Erfolg vermelden: Sie gibt ab Februar ihr Hamburger Monatsmagazin Freihafen heraus. Startauflage: respektable 20.000 Exemplare.

Die Hamburger dju wird die Debatte mit einer Folgeveranstaltung im Frühjahr fortsetzen. Vielleicht gesellen sich jene zwei Kollegen, die wegen der aufgeworfenen Diskussion aus der dju austraten, dann wieder dazu.

 

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