Qualität versus generative KI?

Im Austausch: Julia Ortner (l.) und Sarah Spiekermann. Foto: Initiative Qualität im Journalismus (IQ)/APA-Fotoservice/Schedl

Nach zwei Jahren Pause wegen der Pandemie trafen sich die Initiativen für Qualität im Journalismus aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wieder in Wien. Nach einem internen Austausch über Rechtspopulismus, Presseanfeindungen und Nachwuchsgewinnung ging es im öffentlichen Teil der Veranstaltung beim Gastgeber APA, der österreichischen Nachrichtenagentur, um Propaganda, Künstliche Intelligenz und Medienethik.

Rund 300 Online-Anmeldungen zum Livestream der drei Panels am 19. Januar zusätzlich zu den in der APA anwesenden Journalistinnen und Journalisten zeigten das große Interesse an der Frage, wie sich Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter behaupten kann. Ist „Human in Control?“ fragte das erste Panel angesichts von Künstlicher Intelligenz (KI), Regulierung und der Arbeit im Newsroom. Katja Schell, stellvertretende Chefredakteurin der APA und speziell mit dem Einsatz von KI befasst, erklärte, das Auftreten von ChatGPT habe einen „unreflektierten Hype“ gegeben, ob es in Zukunft noch Journalist*innen brauche. „In der APA haben wir uns das erst mal in Ruhe angeschaut.“ 

Keine reale Zeitersparnis

In der österreichischen Nachrichtenagentur gebe es keine KI-Produkte, die nicht gekennzeichnet würden. Genutzt würden Lückensysteme beispielsweise in der Wahlberichterstattung als „automatisiertem Journalismus“, in die Einzelergebnisse dann nach genauen Vorgaben durch Datenjournalist*innen maschinell eingesetzt würden. In den APA-Nachrichten sei „noch überhaupt keine generative KI im Einsatz“, so Schell. Sie bezweifelte im Lauf der Diskussion auch, ob das wirklich effizient sei, denn schließlich müsse man wegen der „Halluzinationen“ von KI alles genauestens überprüfen. Zeit, die man vielleicht zu Beginn spare, müsse anschließend aufgewendet werden, so ihr Resümee. 

Außerdem sei Journalismus viel mehr, als nur etwas niederzuschreiben, unterstrich Schell. „Die Vorstellung, dass Journalismus durch ein Sprachmodell ersetzt werden könnte, ist eine Herabwürdigung des Berufs“, sagte Schell und verwies auf die APA-Leitlinien zur KI, die kontinuierlich weiterentwickelt würden und die „Human Control“ als unabdingbares Qualitätskriterium festsetzten: „Anders ist es undenkbar.“ 

Hohe Quote an „Halluzinationen“

Michael Roither, Professor für Digitale Medien und Kommunikation an der FH Burgenland und Vorstandsmitglied bei IQ Österreich, erklärte, dass seine Forschungen eine 20-Prozent-Quote an erfundenen, wenn auch plausibel klingenden Dingen, den „Halluzinationen“, bei ChatGPT nicht bestätigen könne. Nach seinen Ergebnissen sei die Quote sehr viel höher gewesen. Offene Modelle, die ihr „Wissen“ aus allen möglichen Quellen zusammensuchten, schafften keine Exklusivität, keinen eigenen Stil, den die Medienhäuser bräuchten. Deshalb, so Schell, werde die generative KI, mit der die APA als geschlossenem System experimentiere, ausschließlich mit APA-Texten in „österreichischem Deutsch“ gefüttert, auch um das Redaktionsgeheimnis zu wahren. Sie erwarte aber nicht, dass Journalist*innen künftig „große Promptingkenntnisse“, um mit der KI zu interagieren, erwerben müssten. Dafür gebe es eigene Expert*innen bei der APA. Roither warnte sogar davor, eigene Studiengänge zum „Prompting“ zu schaffen. Positive Aspekte sieht Roither für die KI in Übersetzungen, aber KI sei nie kreativ, „es wird nix Neues geschaffen“.  

Eine Diskussion entstand um die Frage der Kennzeichnung von KI-Material. Manfred Protze (dju in ver.di) vom Deutschen Presserat wies darauf hin, dass es im deutschen Presserat strenge Vorgaben zur Kennzeichnung von durch KI erzeugte Fotos gebe. Auch Katja Schell verwies darauf, dass die APA – im Besitz von ORF und zwölf großen Tageszeitungen in Österreich – ihren Kunden gegenüber alles künstlich Erzeugte ausweise und viele Kunden dieses auch weitergäben. Für sie sei eine Pflicht zur Überprüfung aber wichtiger als die Kennzeichnung. Roither plädierte dafür, dass diese Frage besser auf der Ebene der Medienhäuser, nicht der Presseräte, gelöst werde. Denn es sei unklar, wo eine solche Kennzeichnungspflicht beginnen müsse.

Parallelwelten neuer „Alternativmedien“

Ingrid Brodnig   Foto: Initiative Qualität im Journalismus (IQ)/APA-Fotoservice/Schedl

Um „Parallelwelten neuer ‚Alternativmedien‘“ drehte sich die Diskussion im zweiten Panel zu „Verschwörung, Desinformation, Propaganda“. Dabei ging es hauptsächlich um rechtsextreme Publikationen und Online-Formate, die überwiegend in Oberösterreich entstünden. FPÖ und Rechtsextreme seien dort sehr stark, wie Moderatorin Daniela Kraus vom Presseclub Concordia (IQ-Mitglied) erläuterte.

Videoformate, die nicht unter die strenge Regelung der Objektivität für Fernsehsender fielen, sähen in Deutschland ein erklärtes Zielgebiet, betonte Ingrid Brodnig, Autorin zahlreicher Bücher zu Hassreden und anderen Social-Media-Phänomenen. Ob aus „Gründen eines größeren Ganzen“ oder nur wegen der höheren Klickzahlchancen, ließ sie offen. Sie vermeide den Begriff „Alternativmedien“ und nenne Online-Formate wie „Auf1“ (260.000 Abonnent*innen) nur „unjournalistische Medien“. Luis Paulitsch vom Österreichischen Presserat schlug „destruktiver Journalismus“ vor. Mariana Friedrich (DJV) bat, den Begriff „Journalismus“ bei diesen Formaten gar nicht zu verwenden und sie auch nicht „Medien“ zu nennen, sondern lieber Plattformen, damit der Medienbegriff gar nicht mit ihnen verbunden werde im „Wording“ und „Framing“.

Rechtsextreme Medien in Österreich

In Oberösterreich gibt es laut Brodnig eine ganze „Szene rechtsextremistischer Start-Ups“. Diese probiere viel aus, bis es verfange und nur mit Hilfe von Social-Media-Kanälen wie Telegram erfolgreich sein könne. Die Covid-Pandemie habe diese Szene sehr verstärkt. Paulitsch wies daraufhin, dass die rechte Szene dort schon seit 2014, nach der Krim-Annexion, spätestens seit 2015 mit der Migration, gezielt begonnen habe, „rechte Echokammern“ aufzubauen. Nach einem Rückgang in den anschließenden Jahren hätten diese Projekte in der Pandemie neuen Auftrieb bekommen. Für ihn haben diese Medien eine „Scharnierfunktion“: Sie versuchten, konservative Parteien weiter nach rechts zu ziehen. Ob allerdings der Presserat in Österreich für solche Online-Medien ohne Print-Hintergrund zuständig werde solle, sei eine offene Frage. 

Brodnig, selbst in einer der österreichischen Spruchkammern (Senate), seufzte: „Wie viele Senate sollen wir dann noch gründen?“ Wichtiger ist für sie die Berichterstattung über die Hintergründe dieser Formate. So habe auch der Einfluss von „Unzensuriert“, einem FPÖ-nahen Format, begrenzt werden können. „Wir haben leider ein zweites Mediensystem eingeführt, das nicht journalistisch ist“, meinte Brodnig. Länder wie Deutschland könnten froh sein, dass sie nicht die österreichische Form der Presseförderung hätten, die kaum Qualitätskriterien anlege.

„Qualität durch echte Gespräche!“

Julia Ortner vom ORF Foto: Initiative Qualität im Journalismus (IQ)/APA-Fotoservice/Schedl

 

Wie verschiedene Wahrnehmungen von innerhalb und außerhalb der Branche mit Missverständnis und Sprachlosigkeit aufeinanderstoßen können, zeigte das dritte Panel. Julia Ortner vom ORF, Vorsitzende der österreichischen IQ,  sprach mit Sarah Spiekermann, Professorin für Wissenschaftsinformatik und Gesellschaft in Wien, über „Die Tugend im digitalen Zeitalter: Neue Herausforderungen für die Medienethik“.  Spiekermann meinte, die Diskussion über KI sei eine „brillante Medienstrategie“ um von den wirklichen Fragen abzulenken, von den enormen Kosten der Digitalisierung, den ökologischen Auswirkungen und der „Simulationswahrheit“, wenn die KI halluziniere. Qualität in den Medien entstehe nicht durch „das, was Sie online zugespielt bekommen“, sondern durch echte Gespräche mit Menschen. Medienhäuser müssten Journalist*innen wieder den Raum schaffen „rauszugehen in die Realität“, statt sie durch Social Media einzuschränken. 

„Ihr Vortrag ist sehr weit weg von der Realität in den meisten Verlagshäusern im deutschsprachigen Raum“, merkte ein Diskutant im APA-Konferenzsaal an. Man müsse das Humanpotenzial eben anders einsetzen als zum Beobachten des Medienstroms, antwortete Spiekermann. Das sei eine strategische Entscheidung der Medienhäuser. Der Staat müsse die Medien deshalb unterstützen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Dass dabei der Begriff „Staatsmedien“ fiel, brachte die Diskussion auf ein ganz anderes Gleis, wie Protze anmerkte, als von Spiekermann wohl gedacht.

Wer finanziert Qualitätsjournalismus?

Auch der Deutsche Presserat würde schließlich von öffentlichen Geldern unterstützt. Gemeint war wohl eher etwas wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder die in Deutschland diskutierte Gemeinnützigkeit von Medien. In der Diskussion war auch von Crowd-Funding oder Community-Konzepten die Rede. Spiekermann zeigte sich am Ende der Diskussion überrascht, dass so viele glaubten, dass „Medien durch den freien Markt freier sind als die öffentlich-rechtlich finanzierten“. Im Digitalbereich „sind Märkte gar nicht frei“, es gebe keine freie Preisfindung. Eine Beobachtung, die zum Einfluss von Big Tech führte, über die der in Wien in der Diskussion erwähnte Kölner Dozent Martin Andree bei IQ Deutschland kürzlich referiert hatte.

Viele Fragen sind also offen bis zum nächsten Treffen der Initiativen, das Mitte Januar 2025 in Zürich sein wird.


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