INA: Vergessene Dramen im Meer

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Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) hat wieder ihre „Top Ten der Vergessenen Nachrichten“ präsentiert: Die ersten beiden Plätze haben dabei Themen mit Meeresbezug belegt. Erstens die Verdunkelung der Meere in Küstennähe, welche die Nahrungskette und damit einen großen Teil der Menschheit bedroht. Und zweitens die von ihren Eignern als unrentabel aufgegebenen Schiffe, die samt Besatzung sich selbst überlassen werden und zur Verschmutzung des Meeres beitragen.

Ein „Agenda-Setting gegen das Agenda Cutting“ ist für Marc Bertolaso, Nachrichtenchef beim Deutschlandfunk, dem Kooperationspartner der INA, die Veröffentlichung der Liste der zu wenig beachteten Themen. Gefunden werden die Kandidaten für die Liste der Top Ten mit Hilfe von Vorschlägen aus der Bevölkerung, die dann von angehenden Journalist*innen in Seminaren überprüft werden, sowie durch Ideen aus den Seminaren oder der Mitglieder des Vereins INA. So kamen in diesem Jahr 44 Themen bei der Jury aus Wissenschaft und Journalismus an, aus denen die Top Ten ausgewählt wurden.

„Dramatische Folgen“ habe die Verdunkelung der Meere in Küstennähe, erklärte der INA-Vorsitzende, der Kölner Professor Dr. Hektor Haarkötter, schließlich lebe hier fast die Hälfte der Menschheit. Die Verdunkelung, verursacht durch Abwässer, Dünger, Müll, Ausbaggerungen oder auch Asche und Ruß zum Beispiel nach Waldbränden beeinträchtigt massiv die Küsten, die zu den biologisch reichsten Gebieten der Erde gehören, und den Fischfang der Anwohner. Dennoch würde über diese Gefahr in Deutschland kaum berichtet. Dabei ist die grundlegende Forschung an der Universität Oldenburg mit ihren Standorten in Oldenburg und Wilhelmshaven beheimatet.  Die US-Initiative „Project Censored“, die jedes Jahr eine Liste mit 25 missachteten Themen herausgibt und Vorbild für die INA-Gründung 1997 war, hatte die Verdunkelung der Meere in Küstennähe schon 2021 mit Hinweis auf die deutsche Uni aufgenommen.

113 Hochsee- oder Küstenmotorschiffe wurden 2022 von ihren Eignern als nicht mehr profitabel aufgegeben, Schiffe und Besatzung sich selbst überlassen. Abgesehen von der Not der Seeleute bilden die „Abandoned Ships“ meist auch eine Gefahr für die Umwelt. Ein aktuelles Beispiel bietet SPIEGEL meldet heute, dass die UN sich jetzt um einen seit acht Jahren vor der Küste des Jemens vor sich hin rottenden Tanker kümmern wolle, um eine Ölkatastrophe zu verhindern.

Auf dem dritten Platz der Top Ten landete das Problem, dass es für Menschen mit geistigen Behinderungen nur mangelhafte Angebote für Psychotherapie gebe. Thema Nummer vier: Der Abbau von Lithium auf Kosten von Klima und Bevölkerung in Bolivien, um in den Industriestaaten damit „grüne“ Elektro-Autos oder -Scooter zu bestücken. Als fünftes werde zu wenig auf die Gefahr der synthetischen Droge HHC hingewiesen, die legal „am Kiosk“ gekauft werden könne.

Die HIV-Krise in Russland, wo die Ansteckungsraten überproportional ansteigen, aber von der russischen Regierung verschwiegen werden, landete auf dem sechsten Platz, die sexualisierte Gewalt in der Demokratischen Republik Kongo mit Massenvergewaltigungen auf dem siebten Rang. Nummer 8 ist die hohe Suizidrate im Justizvollzug, die laut INA vor allem in Deutschland, Frankreich und Österreich im ersten Monat der Haft besonders auffällig sei.

Über die Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit in Spanien wird nach Ansicht der INA ebenfalls zu wenig berichtet (Platz 9). „Spanien ist Europameister in der Verhaftung von Künstler*innen“, behauptet die INA und erinnert an die Verhaftung des katalanischen Rappers Pablo Hasél im Frühjahr 2021. Mit Hilfe des Strafgesetzbuchs werde gegen Kritik als „Verherrlichung des Terrorismus“ oder als „Beleidigung staatlicher Institutionen“ vorgegangen.

Den zehnten Platz der Liste der vergessenen Themen reservierte die INA für den zu wenig beachteten „Zusammenhang von Tierquälerei und interpersonaler Gewalt“. Obwohl die Aufmerksamkeit sowohl für Tierquälerei wie für (häusliche) Gewaltentwicklung zunehme, werde dies selten in den Zusammenhang gesetzt, den die Statistik zeige.

Die beiden letzten Themen kamen in der Jury fast auf den gleichen Punktestand, berichtete Filiz Kalmuk, geschäftsführende Vorständin der Initiative. Die ersten drei Themen erreichten ihre Top-Plätze mit großem Abstand zu den anderen.

Ab sofort, so Bertolaso, können alle Nachrichtenbeobachter*innen neue Vorschläge machen, was dringend mehr Berichterstattung wert sein sollte. Dafür gibt es das Formular Thema einreichen. Dass die von der INA vorgeschlagenen Themen nicht gleich zum Hit in den Redaktionen werden, ist Haarkötter bewusst. „Aber manchmal gelingen uns doch Husarenstücke“: 2020 hatte die INA die fehlende Aufmerksamkeit für die Facharzt-Ausbildung für Infektiologie kritisiert. Diese Kritik wurde dann – aus Corona-Gründen – sogar im Bundestag diskutiert.


Schon vormerken: Das 7. Kölner Forum für Journalismuskritik, eine Veranstaltung der Initiative Nachrichtenaufklärung in Kooperation mit dem Deutschlandfunk, ist 2023 am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, geplant. Dabei wird auch der Günter-Wallraff-Preis verliehen.

 

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