Journalistische Nachlese

Der G8 Gipfel und die Verantwortung der Medien

Beim G8-Gipfel in Heiligendamm herrschte im vergangenen Juni Ausnahmezustand, auch für die Medien. Prophylaktische Polizeikontrollen, Behinderungen für Journalisten durch eine fragwürdige Informationspolitik der Behörden, aber auch journalistische Fehlleistungen. Vertreter von Medien, Wissenschaftler und Globalisierungskritiker zogen Ende August in Berlin auf Einladung der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten Union (dju) eine Zwischenbilanz.

Michael Haller, Journalistikprofessor an der Uni Leipzig, beobachtet bei so genannten „Katastrophen“-Einsätzen neuerdings ein konzertiertes Vorgehen staatlicher Behörden. Von langer Hand sei durch eine zielgerichtete PR-Strategie des Staates darauf hin gearbeitet worden, den G8-Gipfel in Heiligendamm „ruhig zu stellen“. Der zivilbürgerliche Ungehorsam habe „eingedämmt“ werden sollen. Haller erinnerte an Wohnungsdurchsuchungen und andere Eingriffe in die Privatsphäre „potentieller Störer“ schon vor dem Gipfel. Immer unter dem vagen Vorwand, es gebe Hinweise auf geplante Gewaltakte. Das Thema Gewalt sei von Politik und Polizei gezielt in die Debatte gegeben und von den Medien – allen voran Boulevardpresse und Fernsehen – begierig aufgegriffen worden. „Die Normabweichung definiert den Nachrichtenwert“, konstatierte Haller. Eine Falle, in die Journalisten zu gern tappen, sind sie doch „darauf trainiert, Nachrichten entsprechend hoch zu featuren und hoch zu jazzen“.
Wobei die Recherche gelegentlich auf der Strecke bleibt, wie Michael Backlund, Vorstandsmitglied der dju in München, eindrucksvoll belegte. Er ist Mitarbeiter eines medienpolitischen Arbeitskreises, der die Medienberichterstattung während des G8-Gipfels untersucht und die Ergebnisse dokumentieren wird. Gemäß seiner Darstellung übernahmen beispielsweise viele Medien eine Polizeimeldung, in der nach einer Demonstration von 433 verletzten Polizisten, darunter 32 Schwerverletzten, die Rede war. Tatsächlich waren 158 Beamte behandelt worden, zwei davon stationär – die meisten offenbar verletzt durch ihr eigenes CS-Gas. Backlunds Vorwurf richtete sich an zwei Adressen: An die Polizeisondereinheit Kavala, die mit „gezielten Falschmeldungen“ zur „Desinformation einer weltweiten Öffentlichkeit“ beigetragen habe. Und auch an die Medien selbst, die solche unbestätigten Faktenmeldungen häufig ohne Quellenangaben weiter gegeben haben.

Konformitätsdruck

Joachim Widmann, Chefredakteur des ddp, nahm die speziell kritisierten Nachrichtenagenturen in Schutz. Unter so hohem Aktualitätsdruck, wie er in Rostock geherrscht habe, ließen sich Aussagen zunächst nur kolportieren, nachrecherchieren, eventuell korrigieren. Der Anspruch an die Agenturen, „ein umfassendes Bild zu geben, was dann auch noch einem politisch korrekten Meinungsbild zu entsprechen habe“ sei schlechterdings nicht einlösbar. In erster Linie gehe es um die schnelle, korrekte Wiedergabe der Fakten. Was bei dpa auch einmal schief ging. Die angesehene Deutsche Presse-Agentur brachte es fertig, ein Zitat des alternativen Nobelpreisträgers Walden Bello falsch zu übersetzen. Die Meldung, der Globalisierungskritiker habe dazu aufgefordert, den Krieg in die Demonstration zu tragen, lief dann durch die Medien. Eine Korrektur des Fehlers erfolgte erst nach drei Tagen. Es gab auch anders lautende Stimmen. Ein Vertreter von attac berichtete, die politischen Inhalte der Globalisierungskritiker seien bei diesem Gipfel wesentlich ausführlicher und fairer als bei früheren Gelegenheiten in den Medien abgebildet worden.
Der Berliner taz-Redakteur Felix Lee, einer von 20 Journalisten, die sich die Akkreditierung für Heiligendamm juristisch erkämpfen mussten, sah sich vor Ort bei der Berichterstattung vor ganz spezielle Hürden gestellt. Als er trotz anders lautender Agenturmeldungen keine gewalttätigen Auseinandersetzungen sah und meldete, wähnte seine Berliner Zentrale ihn „am falschen Ort“. Die Heimatredaktion schenkte offenbar den von Polizeipressestellen kolportierten und von Agenturen teilweise nicht hinterfragten Meldungen über angebliche Randale mehr Vertrauen als ihrem eigenen Reporter vor Ort. Lee führt dies auf eine Art „Konformitätsdruck“ zurück, dem viele Redaktionen unterliegen würden. Nach dem Motto: Was dpa oder Spiegel Online bringen, könne doch nicht falsch sein.
Eine fatale Tendenz, findet auch dju-Mann Michael Backlund. Die Fehlleistungen vieler Medien hängen für ihn nicht zuletzt mit „beträchtlich verschlechterten Arbeitsbedingungen“ zusammen. Aufgrund des „massiven Stellenabbaus“ würden in vielen Redaktionen diese „Sekundärquellen immer wichtiger“. Ausgedünnte Redaktionen könnten vielfach nicht mehr selbst recherchieren. „Auf diese Weise multiplizieren sich die Fehler“.
Mit der Münchener Dokumentation, die im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll, will die Mediengewerkschaft die Diskussion über die Qualität journalistischer Berichterstattung und die Notwendigkeit einer professionellen Ausbildung und Ausstattung der Redaktionen weiter vorantreiben. Wo der Rotstift regiert, so das Zwischenfazit, bleibt seriöser Journalismus auf der Strecke.

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