Arbeitswelten

Fotografische Einblicke in einen nichtöffentlichen Bereich

„Es ist die Arbeit, die die Werte schafft.“ Diese eigentlich banale Tatsache, die angesichts von Börsenhype und Finanzkrise in Vergessenheit geraten zu sein scheint, wollen Werner Bachmeier und Udo Achten mit ihrem Bildband Arbeitswelten, Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum buchstäblich wieder ins Blickfeld rücken.

Bilder aus der Arbeitswelt, zumal von ausgewiesen gewerkschaftsnahen Autoren, da denkt man schnell an ölverschmierte schwielige Hände, rußgeschwärzte Gesichter, von der Last der Arbeit gebeugte Körper oder aber an Helden der Arbeit, die mit ihrem sprichwörtlich starken Arm notfalls alle Räder anhalten. Nichts von all dem ist in dem Buch zu sehen. „Die Bildauswahl zeigt Beispiele aus dem normalen Arbeitsalltag. Extreme Verhältnisse, wie sie Günter Wallraff durch seine Reportagen ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat, sind fotografisch schwer zu erfassen. Hinzu kommen rechtliche Vorschriften, die beim Fotografieren und bei der Veröffentlichung zu berücksichtigen sind“, schreibt Udo Achten in der Einleitung.

Aber wozu Fotos aus der Arbeitswelt, wenn man der freundlichen Kassiererin nicht ansieht, wie wenig sie verdient, ob der Montagearbeiter nur einen befristeten Arbeitsvertrag besitzt und dass die Büroangestellte vielleicht mit einem berufsbedingten Bandscheibenschaden zu kämpfen hat? Es ist vor allem das Anliegen und das Verdienst des Buches, das Interesse auf einen schwer zugänglichen, zugleich zentralen Raum unserer Gesellschaft zu lenken und damit ein Stück weit „die Volkswirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße“ zu stellen. Die Auswahl der gezeigten Branchen und Situationen ist breit, sie erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Udo Achten liefert in seinen Zwischentexten die Zahlen und Hintergrundinformationen über Arbeit und Beschäftigung, die aus den Bildern nicht herauszulesen sind.
Was die Fotos von Werner Bachmeier auszeichnet ist, dass Menschen und nicht Maschinen im Mittelpunkt stehen. Zwar fehlt der klassische Hochofenabstich nicht als Motiv, deutlich wird aber, dass Bildschirme auch in der Produktion zunehmend die Welt der Arbeit bestimmen. Die abgebildeten Menschen sind meist konzentriert bei der Sache. Ihre konkreten Tätigkeiten scheinen ein hohes Maß an Geschicklichkeit, Kenntnissen und Erfahrungen zu verlangen. In der Regel steht bei den Bildern der sachliche Informationsgehalt im Vordergrund. Manche Fotos erzählen auch kleine Geschichten, zeigen die persönlichen Seiten der Arbeit oder zeugen von Humor. Da schauen zwei Siemens-Kollegen von hinten betrachtet scheinbar gelangweilt auf ihre Bildschirme, während über ihnen im Stile realsozialistischer Arbeitsparolen die Losung prangt: „unchain your workflow!“. Oder die Arbeiterin in der Klavierfabrik. Sie hat sich aus einem abgesägten Stuhl und einem Rollbrett ihren eigenen beweglichen Arbeitsplatz gezimmert. Der Devisenhändler, der vor einer Wand von Bildschirmen sitzt, könnte jeden Geschäftsbericht schmücken, wenn da nicht im Vordergrund das große Lebkuchenherz hängen würde.

Werner Bachmeier / Udo Achten: Arbeitswelten

Einblicke in einen nichtöffentlichen Raum
224 Seiten Hardcover, Klartext Verlags GmbH Essen, 2010,
ISBN 978-3-8375-0163-6; 24,95 Euro

nach oben

weiterlesen

Buchtipp: Ausbildung mit „blinden Flecken“

Wirtschaftspolitische Berichte spielen eine Schlüsselrolle in den meisten gesellschaftlichen Diskussionen, erklärt Valentin Sagvosdkin in der Studie der Otto-Brenner-Stiftung zur Ausbildung von Wirtschaftsjournalist*innen. Doch mangele es an Pluralität, wichtige Themen wie „Gerechtigkeitsdebatten“ würden kaum aufgegriffen, denn eine einseitige Fokussierung auf neoliberale Wirtschaftstheorien werde schon in der Ausbildung vermittelt. Diese „blinden Flecken“ im Wirtschaftsjournalismus seien spätestens seit der Finanzkrise 2008 offenkundig.
mehr »

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »