Medienüberblick zu sehr aus bayerischer Sicht

Buchrezension: Medienlandschaft Deutschland

Übersichten und Lexika zur Medienlandschaft gibt es zuhauf, seltener sind schon Bücher, die Zusammenhänge herstellen und im Sinne des neuen Mediums Internet Vernetzung leisten. Ein derart ambitioniertes Unterfangen haben die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit sowie der Jurist und Journalist Wolf­ram Schrag mit „Medienlandschaft Deutschland“ jetzt zum ­Abschluß gebracht.

Das vorliegende 380-Seiten-Buch ist wirklich lesenswert, besonders für branchenfremde Normalbürger. Fachchinesisch wird selbst bei Technikthemen vermieden, große ­Bögen spannen sich von Mitte des letzten Jahrhunderts bis in die Neuzeit. Das ist wirklich verdienstvoll, auch wenn nicht alle ­Details topaktuell sind (Stand 2005).

Ist das noch zu verschmerzen, ärgern doch einige Ungenauigkeiten, um es vorsichtig auszudrücken. So wollten Berlin (SFB) und Brandenburg mit Mecklenburg-Vorpommern zusammen nicht etwa NOR (Nordostdeutscher Rundfunk), sondern NORA bilden (S. 183). Dass mit bis zu zwei Prozent der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühren auch die Landesmedienanstalten finanziert werden, der Betrag aber nun gedeckelt ist, erfährt der Leser nicht, geschweige denn, dass es eine anachronistische Gerätebereithaltungsgebühr gibt. Genau das wird nun in den nächsten 1-2 Jahren abgeschafft, ist aber schon seit Jahren umstritten! Unverständlich sind auch Behauptungen wie die, dass die RTL-Sender durch digital-verschlüsselte Ausstrahlung im Kabel ab 2009 „faktisch zu einem Bezahlsender“ (S. 200) werden oder Fehleinschätzungen, dass im Radio der „UKW-Standard etwa bis zum Jahr 2010 ausgedient“ hat (S. 190). 2001 wurde Multimedia Home Platform (MHP) nicht als einheitlicher Standard eingeführt (S. 189), sondern es gab nur eine Absichtserklärung, die inzwischen obsolet ist.

Völlig unzureichend sind die Besitzstrukturen in der zerklüfteten deutschen Privatradiolandschaft (S. 218/219) dargestellt, da sich inzwischen neue Holdings wie etwa Regiocast gebildet haben. Und warum sich der Autor im Kapitel 6 bei Fernsehformaten nur auf einige spektakuläre beschränkt, statt auch prägende Programme wie TV-Movies, Serien und Eventmehrteiler zu beleuchten, bleibt sein Geheimnis.
Ganz offensichtlich ist aber der Bayern-Touch bei „Medienlandschaft Deutschland“. Das reicht vom Redaktionsbesuch beim „Eichstätter Boten“ über etliche BR-Beispiele, der falschen Bezeichnung von FrankenTV als Ballungsraumfernsehen bis hin zum Sonderweg der Münchner Landesmedienanstalt BLM. Als wäre das duale System in NRW nicht mindestens genau so ein seltsamer Sonderfall! Die einseitige Sicht von der Isar am Fuße der Alpen erreicht bei DVB-T ihren Höhepunkt (S. 188), wo noch nicht mal erwähnt wird, dass der Aufschwung des digitalen Antennenfernsehens in Deutschland wesentlich durch den frühzeitigen Analog-Digital-Umstieg in Berlin-Brandenburg ausgelöst wurde – übrigens weltweit der erste Komplettumstieg! Da fällt es fast schon gar nicht mehr ins Gewicht, dass Autor Schrag ständig die DJV-Mitgliederzeitschrift „journalist“ zitiert, ohne auch nur das medienpolitische Magazin „M“ der dju-Konkurrenz in ver.di zu erwähnen.

 

Wolfram Schrag: Medienlandschaft Deutschland

UVKVerlags­gesellschaft mbH
Konstanz,  2007
19,90 Euro

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