Republik der Wichtigtuer

Selbstdarsteller auf der Bühne Berlin-Mitte

Wer erwartet hatte, dass die Politik in Berlin näher an die soziale Realität heranrücke und das Bonner „Raumschiff“ verlasse, sieht sich gründlich getäuscht. Das konstatiert Tissy Bruns, seit 1991 politische Korrespondentin, zuerst in Bonn, jetzt als Leiterin des Parlamenstbüros des Tagesspiegels in Berlin.

Politiker und Journalisten begrenzten ihre Wahrnehmung auf die „Bühne Berlin-Mitte“, obwohl die Hauptstadt als Anschauungsobjekt für die künftige Entwicklung der Gesellschaft dienen könnte, denn hier prallen die Probleme aus demografischer Entwicklung, Veränderung der Arbeitswelt und Migration schon mit voller Wucht aufeinander. Tissy Bruns wirft den Berliner Korrespondenten vor, noch weniger Bodenhaftung zu haben als die Politiker, die sich zumindest im Wahlkreis den Auswirkungen ihres Tuns stellen müssen.

Selbstdarstellung in den Medien sei für viele Politiker wichtiger geworden als konkrete Politik. Vor allem junge Politiker seien mehr mit Blogs, Interviews für die rasant gestiegene Zahl an Medien und mit SMS an die Redaktionen beschäftigt, als mit mühsamer Gremienarbeit oder, wie Bruns es unter Berufung auf Max Weber nennt, „mit dem langsamen Bohren harter Bretter“. In Berlin sind die Korrespondenten vielfach von Beobachtern zu Darstellern geworden, die ihre bekannten Köpfe in Talkshows präsentieren: „Berlin-Mitte ist das Zentrum des politikverdrossenen Deutschland. Politiker und Medien beleuchten und beklatschen sich auf dieser Bühne gegenseitig, als Darsteller, Publikum und Kritiker. Von den Bürgern werden sie als eine selbstbezogene Kaste wahrgenommen, die in einem Boot sitzt, durch eine gleichartige Lebensweise verbunden und jenseits der Risiken, die sie in Ausübung ihrer öffentlichen Macht den Bürgern zumuten.“
Was rät die erfahrene Parlamentskorrespondentin den Kolleginnen und Kollegen als Heilmittel: Erstens „Entschleunigung“, Selbstreflexion und weniger Eitelkeit. Zweitens weniger Sabine Christiansen, Paris Hilton und Eisbär Knut, mehr Sozialreportagen und Hintergrundberichte. Durch das Senken des Niveaus seien noch nie neue Leser oder Zuschauer für journalistische Produkte gewonnen worden, aber die politisch interessierte Schicht werde sich „geistig unterernährt“ abwenden, warnt die Autorin. „Die politisch-publizistische Klasse ist betriebsblind geworden, weil sie sich zu viel im eigenen Getriebe bewegt. Hinaus in die Wirklichkeit, mehr direkte Kommunikation mit den Menschen, für die wir schreiben oder senden: Das ist der dritte Schritt zur Besserung.“

Tissy Bruns: Republik der Wichtigtuer

Ein Bericht aus Berlin
Herder 2007, 224 Seiten
19,90 €

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Buchtipp: Startklar in Deutschland

Kriege und Krisen zwingen immer mehr Journalist*innen, ihr Heimatland zu verlassen. Sie können mit ihrer Berufserfahrung, spezifischem Wissen und neuen Perspektiven frischen Wind in deutsche Medien bringen, wenn sie hier Arbeitsmöglichkeiten finden. Eine neue Publikation bietet ihnen nun die notwenigen Informationen für den Berufseinstieg – mit einem Überblick über das deutsche Mediensystem, Praxis-Tipps zur journalistischen Arbeit und zum Umgang mit Diskriminierungen.
mehr »

Buchtipp: Täglich grüßt die Tagesschau

Beim älteren Teil des ARD-Publikums gilt das vermutlich heute noch: Anrufe zwischen 20.00 und 20.15 Uhr sind nicht erwünscht, denn dann kommt die Tagesschau im linearen Fernsehen. Das Bonmot des früheren RTL-Chefs Helmut Thoma, die Tagesschau könne ohne Reichweitenverlust auch in Latein verlesen werden, hat zwar nicht mehr die einstige Gültigkeit, doch eine Institution ist die Sendung nach wie vor. Am 26. Dezember 1952 ging die Tagesschau das erste Mal auf Sendung. Ein Sammelband ergründet das Phänomen.
mehr »

Ist Medienkritik reaktionär?

Wer kritisiert Medien und Medienschaffende und warum? Der  Soziologe und Philosoph Lukas Meisner fordert in seiner Essaysammlung „Medienkritik ist links“ mehr Kritik an Kapitalismus, Massenmedien und Online-Plattformen und eine medienkritische Öffentlichkeit, die im Sinne der Demokratie agiert. Im Interview mit M begründet er seine Forderung nach mehr Pluralismus und weniger Moralisierung in den Medien. Meisner ist Fellow am Sonderforschungsbereich „Strukturwandel des Eigentums“ und lehrt aktuell an Hochschulen in Berlin, Jena sowie Lüneburg.
mehr »

RIP Presseförderung

Es war ein Begräbnis mit Ansage. Seit der „Haushaltsbereinigungssitzung“ des Bundestags in der vergangenen Woche ist das Aus für die von den Zeitungsverlagen erhoffte staatliche Presseförderung besiegelt. Nachdem das Bundesverfassungsgericht den von der Ampel-Regierung gebastelten Klima- und Transformationsfonds als Verstoß gegen die Schuldenbremse für nichtig erklärte, war der finanzielle Spielraum für eine großzügige Zustellförderung von Presseprodukten erschöpft.
mehr »