„Der lange Weg ans Licht“ von Douglas Wolfsperger

 Ein bisschen wie Rock’n Roll: mitreißend, dynamisch, emotional

Ein Dorf in Tansania. Eine Frau bringt ihr Kind zur Welt – ohne jeden Ton des Schmerzes, ohne schweres Atmen oder gar Stöhnen. Dies würde Schande über ihre Familie bringen. Die Hebamme, die ihr beim Gebären hilft, ist eine Weiße: Edeltraut Hertel kommt aus dem kleinen Städtchen Meerane in Sachsen. In diesen ersten Minuten scheint Douglas Wolfspergers Dokumentarfilm übers Kinderkriegen dem klassischen Muster zu folgen.

Schnitt. Eine Kamerafahrt durch menschenleere Straßen mit verfallenen Gebäuden, stillgelegten Industrieanlagen. In Edeltraud Hertels Heimatstadt scheint die Zeit seit der Wende stehen geblieben. Und auch die Menschen, die über das Leben hier sinnieren, scheinen auf den ersten Blick von vorgestern und wirken unfreiwillig komisch. Nicht schon wieder eine Schmonzette über den Osten! Doch dieser Gedanke verfliegt binnen weniger Minuten wieder, weil Wolfsperger seine Protagonisten zwar augenzwinkernd, aber respektvoll mit der Kamera begleitet.

Die Situation ist deprimierend: Die Einwohner von Meerane altern still, die Jungen wandern in die alten Bundesländer aus. Babys werden hier nicht mehr viele geboren, die Krankenhäuser in der Region buhlen um die wenigen werdenden Mütter. Doch Wolfsperger verharrt nicht im Vorführen der Tristesse: „Hört Rock`n Roll und macht Kinder“, sagen zwei tätowierte junge Männer aus Meerane grinsend. Und was „Der lange Weg ans Licht“ dann zeigt, ist ein bisschen wie Rock‘n Roll: Mitreißend, dynamisch, emotional – Realität, die ergreifend ist und dann wieder ordentlich die Lachmuskeln reizt. Für letzteres sorgen vor allem zwei Klinikärzte, die nie um einen Spruch verlegen sind, in breitestem sächsisch ihre Geburtsabteilung preisen, übers Kinderkriegen philosophieren – komisch, aber absolut authentisch und dadurch liebenswert. Auch die zwei Hebammen von der „Konkurrenz“, einem Geburtshaus, kommen zu Wort und vermitteln die Geburt als natürlichen Vorgang jenseits der Apparatemedizin. Das tut auch die Hauptprotagonistin Edeltraut Hertel, die mehr für den sachlichen Part sorgt, dabei aber immer warm, menschlich, sympathisch bleibt: Sie erzählt aus ihrem bewegten Leben, ihrer Liebe zu Afrika und ihrem lange gehegten Traum, dort leben und arbeiten zu können. Dafür erlernte die ausgebildete Krankenschwester mit Mitte 30 noch den Hebammenberuf und brauchte einige Jahre, um die Angst vor der großen Verantwortung zu verlieren. Ihre ruhige zupackende Art schafft Vertrauen und Respekt, ob in dem provisorischen Krankenhaus in Tansania oder in Deutschland. Doch trotz aller Routine: Für die 56jährige bleibt eine Geburt immer auch ein kleines Wunder.
Übrigens: Männer kommen in Douglas Wolfspergers Dokfilm nicht besonders gut weg. Das findet der Regisseur zwar auch ein bisschen gemein, aber legitim. Dennoch: Ein Film, den auch Männer gut anschauen können.


Der lange Weg ans Licht

Buch und Regie:
Douglas Wolfsperger
Kamera: Igor Luther;
Musik: Gerd Baumann.
Ab 28. Februar in den Kinos
www.der-lange-weg.de

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