Filmrezension: Rhythm is it!

Rhythm is it!

Es ist ein hartes Geschäft, Jugendliche im Techno-Zeitalter für die Klassik zu begeistern. Zumal die meisten Teenies den Musikunterricht ohnehin gar nicht ernst nehmen und weghören. Demzufolge haben viele Lehrer jegliche Motivation verloren, dem Widerstand ihrer Schüler etwas entgegenzusetzen oder sind angesichts vehementer Disziplinprobleme überfordert. Da drängt sich leicht die Frage auf, was es eigentlich bringt, junge Generationen mit klassischer Musik in Berührung zu bringen.

Der großartige Dokumentarfilm „Rhythm is it!“, von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch über das außergewöhnliche erste Education-Projekt der Berliner Philharmoniker gibt darauf eine Antwort. Im Herbst 2003 trafen sich in Berlin 250 Schüler und Studierende aus 25 Nationen verschiedenster sozialer Schichten ohne Bühnenerfahrung, um – begleitet von dem Weltspitzenorchester – in der Treptower Arena Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ zu tanzen.

Der Film zeigt, dass es dabei um viel mehr geht als nur darum, das Interesse für Strawinskys Musik zu wecken. Vielmehr wollen Rattle und der pädagogisch erfahrene Choreograph Roystoon Maldoon vermitteln, was Musik für Menschen tun könne: Angst bewältigen, das eigene Ego und Selbstbewusstsein stärken, einen respektvollen Umgang zu anderen und eine stärkere Beziehung zum eigenen Körper zu entwickeln.

Um das alles überzeugend zu vermitteln, bedarf es großer Frustrationstoleranz und eines ausgeprägten Charismas. Roystoon Maldoom, dem seine Erfahrungen als Streetworker zugute kommen, verkörpert einen solchen engagierten neuen Pädagogentypus. Er versteht es, eine Bande von Demotivierten zu packen, auch wenn die Anfänge schwer waren. Er hilft ihnen zu sehen, dass Erfolg ohne Disziplin, Neugier und große Einsatzbereitschaft nicht möglich ist.

Und Simon Rattle? Auch er hat eine Mission: „Die Philharmonie gehört nicht nur einer privilegierten Elite“, sagt er, sie müsse für alle da sein. Eine solche Denkweise revolutioniert das Bild eines Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Zumindest wäre ein solches Projekt und gar ein Film mit persönlichen Bekenntnissen noch bei Claudio Abbado, dem verschlossenen kontaktscheuen Ex-Chef des berühmten Klangkörpers, undenkbar gewesen.

Rattle dagegen bringt sich mit großer Natürlichkeit in den Film ein. Wie sein Landsmann Maldoon war auch er in seiner eigenen Kindheit und Jugend ein Außenseiter und fand durch musikalische Schlüsselerlebnisse zu sich selbst.

Grube und Lansch ist mit „Rhythm is it“ nicht nur ein überzeugendes Plädoyer für Musikprojekte dieser Art gelungen. Durch den dramaturgisch gezielten Einsatz der kraftvollen Musik gewinnt die Dokumentation eine besondere Dynamik, die auch den Zuschauer in den Sog des engagierten Projekts hineinzieht. Jetzt muss sich nur noch in der Politik herumsprechen, dass Kunst und Musik kein Luxus ist, wie Rattle bemerkt, „sondern lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen“.

 


„Rhythm is it!“

Ein Dokumentarfilm von Thomas Grube und Enrique Sánchez Lansch
Kinostart: 16. September ’04

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