Filmtipp: Gelbe Briefe

Der neue Film des vielfach ausgezeichneten Regisseurs İlker Çatak spielt zwar in der Türkei, wirft aber auch einen Blick in unsere mögliche Zukunft: Der Berlinale-Preisträger „Gelbe Briefe“ ist in Berlin und Hamburg entstanden. Er betont damit die Universalität des Themas – Proteste gegen ein demokratiefeindliches Regime und die Beschränkung der künstlerischen Freiheit. Die darstellerischen Leistungen des türkischen und türkischstämmigen Ensembles sind herausragend.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Film nicht dort gedreht wird, wo er spielt. In der Regel hat das finanzielle Gründe und wird natürlich kaschiert, um die Illusion aufrechtzuerhalten. İlker Çatak hat für „Gelbe Briefe“ eine andere Methode gewählt. Die leinwandfüllenden knallroten Hinweise „Berlin als Ankara“, „Hamburg als Istanbul“ sind ein Statement: In der Türkei hätte er keine Drehgenehmigung bekommen. Der gebürtige Berliner war zuletzt Autor und Regisseur des für den „Oscar“-nominierten und mit gleich fünf Deutschen Filmpreisen gewürdigten Dramas „Das Lehrerzimmer“ über eine junge Idealistin, die am System Schule scheitert. „Gelbe Briefe“ erzählt eine völlig andere, aber trotzdem vergleichbare Geschichte.

Theater im Theater

Zentrale Figuren des Drehbuchs, das Çatak gemeinsam mit Ehefrau Ayda und dem türkischen Koproduzenten Enis Köstepen verfasst hat, sind Derya und Aziz (Özgü Namal, Tansu Bicer), ein Ehepaar um die fünfzig, das sich nicht mit den herrschenden Verhältnissen abfinden will. Beide stammen aus Istanbul, arbeiten aber als gefeiertes Theaterpaar für ein staatliches Haus in Ankara, er als Autor und Regisseur, sie als Bühnenstar.

Der Film beginnt mit einer Premiere, die das Publikum begeistert. Selbst der örtliche Gouverneur ist angeblich angetan. Als Derya keine Lust auf ein gemeinsames Foto hat, ist dies der Anfang vom Ende: Das Stück wird abgesetzt, Derya wird der Zutritt zum Theater verwehrt, Aziz verliert seine Stelle als Uni-Dozent. Zu allem Überfluss droht ihm ein Prozess: Angeblich soll er den Präsidenten beleidigt haben. Nach einer ersten Anhörung wird die Anklage erweitert: Propaganda für eine terroristischen Vereinigung und Verleumdung des Staates, weil er seine Studierenden zur Teilnahme an einer Friedensdemonstration aufgerufen hat; dort könnten sie Anschauungsunterricht im „Theater des Lebens“ nehmen.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Standard. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Von einem Tag auf den anderen steht das Paar samt Tochter buchstäblich auf der Straße. Aziz’ Mutter nimmt die Familie bei sich auf, aber die Enge in der kleinen Wohnung führt alsbald zu Spannungen, zumal die vierzehnjährige Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) mit typischer Teenager-Aufmüpfigkeit für zusätzliche Unruhe sorgt. Entscheidender ist jedoch die Frage, wie sich das Ehepaar nun verhalten soll. Aziz fährt erst mal Taxi und verfasst nebenbei ein Drama, dem auch der Film seinen Titel verdankt: Deryas Kündigung steckte in einem gelben Umschlag. Während der Proben für das Stück, dessen Premiere in einem kleinen privaten Theater geplant ist, wird der Schauspielerin eine Hauptrolle angeboten: in einer Serie ausgerechnet für jenen Sender, der am meisten gegen das Paar gehetzt hat. Es gibt jedoch eine Bedingung: Sie muss ihre regimekritischen Social-Media-Äußerungen löschen.

Ein Ehepaar im Strudel

Çatak hat „Gelbe Briefe“ ausschließlich in der Heimatsprache seiner Eltern gedreht, und natürlich wirkt die Originalversion authentischer. Allerdings ist der Film vorzüglich synchronisiert worden. Das Ensemble ist bis auf wenige Ausnahmen in kleinen Nebenrollen (Vedat Erincin als regimetreuer Vermieter, Özgür Karadeniz als Taxi-Unternehmer) hierzulande weitgehend unbekannt, aber die darstellerischen Leistungen sind ausgezeichnet.

Gerade die Darbietungen von Özgü Namal und Tansu Bicer sind preiswürdig. Beide profitieren von einem Drehbuch, das überaus nachvollziehbar schildert, wie das Ehepaar in einen Strudel gerät, aus dem es kein Entrinnen gibt. Natürlich ist „Gelbe Briefe“ ein dezidiert politischer Film: „Was bleibt außer Widerstand?“, resümiert ein Freund des Paars die Ereignisse. Aber im Grunde hat Çatak eine moderne Version von Ingmar Bergmans Klassiker „Szenen einer Ehe“ (1973) gedreht. Beziehungstiefpunkt ist eine Auseinandersetzung, als Ezgi nach einem Streit gegen Ende grußlos die Wohnung verlässt und in der Nacht verschwindet. Während die Eltern nach der Tochter suchen, kommt es zu einem lautstarken Streit, der das Fundament ihrer Ehe regelrecht zerschmettert.

Seine besondere Faszination verdankt der Film ausgerechnet der vermeintlichen Paradoxie, dass sich die Handlung in der Türkei zuträgt, aber Çatak und seine bewährte Kamerafrau Judith Kaufmann immer wieder für bewusste Brüche sorgen. Als Aziz das Gerichtsgebäude betritt, dreht er sich noch mal um und schaut auf die demonstrierende Menschenmenge. Im Hintergrund ist unübersehbar jene Gedenktafel zu erkennen, die am Oberlandesgericht Hamburg an die Justizopfer des Nationalsozialismus’ erinnert. Auf diese Weise betont der Regisseur die Universalität des Themas und wirft gleichzeitig einen Blick in unsere eigene mögliche Zukunft.

„Gelbe Briefe“ ist bei der Berlinale als erste deutsche Produktion seit über zwanzig Jahren mit dem Hauptpreis („Goldener Bär“) für den besten Film ausgezeichnet worden.


„Gelbe Briefe“. Deutschland/Frankreich/Türkei 2026. Buch: İlker Çatak, Ayda Meryem Çatak, Enis Köstepen. Regie: İlker Çatak. Kinostart: 5. März 2026

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Leben ohne Thüringer Lokalzeitung 

Ostthüringen ist im Jahr 2023 von der Funke-Mediengruppe zur „Modellregion für die Digitalisierung des ländlichen Raums“ erklärt worden. Der Verlag stellte die Zustellung der Printausgabe der Ostthüringer Zeitung in elf Gemeinden rund um Greiz ein. Thomas Schnedler und Malte Werner vom Netzwerk Recherche haben die Folgen untersucht. Die Ergebnisse finden sich im Abschlussbericht „Lückenfüller –Was kommt, wenn die Lokalzeitung geht?“.
mehr »

Katapult MV: Die Stimme für den Norden

Die kleine Redaktion von Katapult MV stellt im Flächenland mit 1,57 Millionen Einwohner*innen mit einer monatlichen Zeitung und aktuellen Online-Beiträgen ein Gegengewicht in der Berichterstattung dar. Wir sprachen mit Chefredakteur Patrick Hinz über Lokaljournalismus, die anstehenden Landtagswahlen und den journalistischen Umgang mit der AfD.
mehr »

Berichten wo es ungemütlich ist

In autoritär regierten Staaten geraten auch ausländische Medienschaffende zunehmend unter Druck: Einreiseverbote, die Verweigerung von Visa und andere Repressionen erschweren die Arbeit von Korrespondent*innen. In vielen Fällen bleibt ihnen nur noch die Berichterstattung aus dem Ausland ohne direkten Zugang zum Land selbst.
mehr »

Lobbylandkarte: Big Tech mischt mit

Es sind Karten wie die des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie mit dem Titel „Big Tech Lobbylandkarte Deutschland“, die das Bewusstsein dafür ändern können, wie stark Big-Tech-Konzerne in Deutschland tatsächlich längst verankert ist und bis wohin ihr langer Arm reicht.
mehr »