Der mit dem Wort tanzte

Zum Tod des Schriftstellers E. A. Rauter

Als der Schriftsteller, Autodidakt, Sprachkritiker und Kommunist ohne Parteibuch Ernst Alexander (E. A.) Rauter am 8. März 2006 im Alter von 76 Jahren starb, hinterließ er viele tausend Bücher, die er sammelte. Ein gutes Dutzend davon und ungezählte Texte hat er selbst geschrieben.

Wenige Titel wurden in hohen Stückzahlen von Bildungsverantwortlichen des DGB geordert und gehörten lange zur Grundausstattung gewerkschaftlicher Kurse. So verstanden junge Metaller den Weg „Vom Faustkeil zur Fabrik“ und Druckerlehrlinge diskutierten mit GEW-Paukern „Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht“. IG BAU-Mitgliedern machte er Lust, die Bevormundung durch professionelle Schreiber und ihre Erzieher im Selbstversuch zu überwinden: „Bemühung um besseren Stil ist Bemühung um demokratischere Verhältnisse.“
Der in Pflegefamilien und Erziehungsheimen geschulte Autor war ein Radikaler des Wortes. Mit ihm tanzte er, sprengte Konventionen und entfachte Leidenschaften. Besessen von der Aufgabe, „größenwahnsinnig wie ich war, analog zu Marx‘ „Kapital“ ein Werk mit dem Titel „Die Information“ zu verfassen“ (1985 im Interview mit Mathias Altenburg), saugte Rauter Lügenwörter aus den Zeitungen, die sich vor die Wirklichkeit stellen: „Schreiben heißt, sich gegen Wörter stemmen.“
Er stemmte sich mit den richtigen Wörtern gegen eine Bewusstlosigkeit der Sprache und einen Journalismus, der Ideologie produziert statt Aufklärung. Der die Ohnmacht der Leser voraussetzt und befördert, wo das Klasseninteresse vor der Information entschleiert gehört. Scharf richtete er in dem kleinen Buch „Vom Umgang mit Wörtern“ die fruchtlose Achtlosigkeit linker Wortarbeiter, die ihr Handwerkszeug nicht beherrschen. Erst 1992 fragte ihn jemand, warum er, der wütende Kämpfer für demokratische Verhältnisse, noch kein Gewerkschaftsmitglied sei. Der gelernte Schriftsetzer wollte keine Ausrede gelten lassen und trat in den Schriftstellerverband (VS) ein.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Rauter damit, dem Nachwuchs an Journalistenschulen und Verleger-Akademien zu erklären, warum sie so schlecht schreiben. Beinahe jede Woche veröffentlichte er eine medienkritische Kolumne im Internet („Rauter, ärgere dich nicht!“), deren 177. Ausgabe am 6. Februar wenige Wochen vor seinem Tod erschien.
Auf einem Treffen der von Eckart Spoo gegründeten „Bürgerinitiative für Sozialismus“ im März 1990 plädierte E.A. Rauter dafür, das Wort Sozialismus nicht mehr zu verwenden. Besser solle von Produktionsdemokratie gesprochen werden. Weil es das treffende Wort für eine Sache ist, die hoffnungslos diskreditiert und endgültig verloren schien. Das ist dann nicht weiter verfolgt worden. Vom Sozialismus ganz zu schweigen. Ärgere dich nicht, Rauter, tanze!

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