Erfahrungsaustausch beim Tarifgipfel in Bern

Wolfgang Grebenhof (DJV), Joachim Kreibich (dju in ver.di), Stephanie Vonarburg (syndicom), Rainer Reichert (DJV), Michael Populorum (Younion), Janine Teissl (impressum) und Andreas Künzi (SSM) (v.l.n.r.) Foto: Blumschein

Gemeinsam streiten für bessere Arbeitsbedingungen

Die Unterschiede im Einzelnen sind groß. Aber die Gesamtsituation gleicht sich frappierend: Hohe Rendite-Erwartungen der Verleger, sinkende Werbeerlöse und Stellenabbau in den Redaktionen prägen das Bild in allen drei Ländern. Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden und Gewerkschaften in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland haben sich beim Tarifgipfel in Bern ausgetauscht und weitere Kontakte vereinbart. In ihrem gemeinsamen Berner Appell wird kritisiert, dass die Arbeitsbedingungen für Journalist_innen sich verschlechtern und es den Medien schwerer gemacht wird, ihre für eine freie Gesellschaft unverzichtbare Aufgabe zu erfüllen.


Wie funktionieren Arbeitnehmervertretungen in den einzelnen Ländern, wie agieren international tätige Verlage? Wie werden Urheberrechte geschützt? Wie sind Honorare und Löhne bemessen? Was ist mit der Aus- und Weiterbildung? In mehreren Themenrunden wurden diese grundlegenden Fragen erörtert. Vieles ist nicht direkt vergleichbar: Wenn da von 67.000 Franken Jahresverdienst für Berufseinsteiger in der Schweiz die Rede ist, kommt das den bundesdeutschen Kolleg_innen erst sehr hoch vor. Aber die Lebenshaltungskosten und Preise im Nachbarland sind andere. Der tatsächlich ermittelte Medianlohn über alle Berufe hinweg beträgt 6.290 Euro pro Monat. Ein Tagessatz von 563 Franken für Freie Journalist_innen in der Westschweiz relativiert sich dann erheblich.
Was in Österreich der Kollektivvertrag und in Deutschland die diversen Tarifverträge ist in der Schweiz der Gesamtarbeitsvertrag. In der Deutschschweiz ist dieser 2004 (!) ausgelaufen und seither kein neuer zustande gekommen. Anders in der französischsprachigen Westschweiz, aber dort akzeptieren die Arbeitgeber nur Impressum als Partner. Die beiden anderen Arbeitnehmerorganisationen Syndicom und das Schweizer Syndikat Medienschaffender drängen bisher vergeblich auf Aufnahme in die Vereinbarung.
Zum Tagungsprogramm gehörte auch ein Besuch bei Tamedia, einem Konzern, der enorme Marktmacht angesammelt hat. Der Einschätzung von Gewerkschaftern zufolge decken die Tamedia-Zeitungen in manchen Landesteilen fast zwei Drittel des Marktes ab. Die Redaktionen von „Der Bund“ und „Berner Zeitung“ sind im selben Haus nur durch ein paar Stockwerke getrennt, aber sie verfolgen eine jeweils eigenständige publizistische Linie. Kooperation bei Anzeigen und Beilagen, identisches Format und Seitenumfang – aber keinerlei Austausch von redaktionellen Inhalten. Die Leser schätzen ihre jeweilige Zeitung, die Abonnenten der „Berner Zeitung“ sind es gewohnt, dass die ersten Seiten für Nachrichten aus der Stadt und der Region reserviert sind und das internationale Geschehen sich erst im hinteren Teil abspielt. Werden beide Redakionen auch in einigen Jahren noch ihre freundschaftliche Rivalität pflegen, oder wird es eine Entwicklung geben wie in Stuttgart, wo Stellen abgebaut werden und die bisher getrennten Redaktionen von „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ Inhalte austauschen sollen?
Die beteiligten Gewerkschaften und Organisationen wollen auch weiterhin engen Kontakt pflegen. Der DJV Hessen hat sich bereit erklärt, den Tarifgipfel 2017 auszurichten – in Salzburg. Andreas Künzi (SSM): „Es wäre gut, wenn wir bis dahin berichten könnten, es gibt wieder einen Gesamtarbeitsvertrag in der Deutschschweiz.“ Ähnliches gilt für die bundesdeutschen Kolleg_innen, die derzeit Verhandlungen mit den Tageszeitungsverlegern über einen neuen Gehaltstarif führen.

Berner Apell

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