Gegen den Strom

Cordula Weinke, Journalistin und Ehrenamtliche in der Gewerkschaft

„Organisationsstrukturreformkommission“, allein schon das Wort ist ein Ungetüm und es gehört zur Liste jener Wörter, die Cordula Weinke hasst wie die Pest. In zwanzig Jahren Gewerkschaftsarbeit hat sie so viele interne Reformdebatten erlebt, dass sie mehr als genug davon hat, genug von der internen Nabelschau, genug davon, dass sich gewerkschaftliche Gremien mit sich selbst beschäftigen, statt mit „unserer ureigensten Aufgabe: die Interessen unserer Mitglieder zu vertreten, dafür zu sorgen, dass die Belange der Beschäftigten in den Betrie­ben und der Gesellschaft Gehör finden.“

Cordula Weinke trat der Gewerkschaft in der Übergangsphase von der IG Druck und Papier zur IG Medien bei. Gerade die Pädagogische Hochschule abgeschlossen, entschied sie sich für den Journalismus. Bevor sie in einem Freien-Büro anfing, landete sie schon auf der ersten dju-Sitzung. „Damit Du weißt, was auf Dich zukommt“, nahm ein Kollege sie mit zur Versammlung der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in Schwäbisch Gmünd. Referent war Gerhard Manthey, damals Bundesgeschäftsführer der dju.
Ähnlich schnell wie sie Kontakt fand zur Gewerkschaft, band die Organisation sie in betriebliche und gewerkschaftliche Funktionen ein. 1989 beendete Cordula Weinke ihr Volontariat bei den Zeitungen des SDZ Druck und Medien und wurde als Lokalredakteurin der Schwäbischen Post in Aalen übernommen. 1990 wurde sie in den Betriebsrat gewählt. 1991 wechselte der Betriebsratsvorsitzende des SDZ als Hauptamtlicher zum DGB. Nachfolgerin wurde Cordula Weinke – ein Amt, das sie seither nicht mehr los lässt.
Die Freistellung teilt sie sich mit ihren Kollegen. „Nur“ Betriebsratsarbeit machen, das will sie nicht – aus mehreren Gründen. Einerseits ist ihr wichtig, den Kontakt zum Beruf nicht zu verlieren. Die Entwicklung in den Redaktionen verläuft rasant. Wer längere Zeit draußen ist, kommt nur mit Schwierigkeiten wieder zurück. „Außerdem“, erklärt sie, „kenne ich so die Probleme meiner Kolleginnen und Kollegen besser. Die Gefahr von der Basis abzuheben ist geringer.“ Betriebsratsfürsten sind ihr ähnlich verhasst wie Organisationsstrukturreformkommissionen.

Gesplittete Freistellung

Schließlich bietet die gesplittete Freistellung auch noch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, die Arbeit und Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Das fördert die Kontinuität der Arbeit und demokratische Entscheidungsstrukturen im Gremium. Beteiligung ist ihr wichtig, sich einzumischen, sich in eine Sache voll und ganz einzubringen, das fordert sie und das lebt sie. Für ihren Stellvertreter im Betriebsrat, Hermann Apprich, ist Cordulas Geradlinigkeit das herausragende Charaktermerkmal zusammen mit ihrer Kampfbereitschaft und ihrer Geselligkeit. „Wenn sie sich etwas vornimmt, dann holt sie das auch“, sagt der Rotationsdrucker.
Der Leiter des Landesfachbereichs, jener Gerhard Manthey, dessen Referat der erste Kontakt der angehenden Journalistin mit der dju war, skizziert Cordula Weinke als „Gewerkschaftsfunktionärin wie sie in sozialistischen Romanen beschrieben wird: Geradlinig, klarer politischer Verstand und eine große Beharrlichkeit, die Interessen der ArbeitnehmerInnen weder aus dem Blick zu verlieren noch dem Arbeitgeber etwas zu schenken. Ein Jammer, mit ihr nicht den Sozialismus im Staate praktizieren zu können. Dass sie dabei auch noch gut aussieht, ist dem zu danken, dass sie so lebt wie sie denkt. Solche Frauen haben wir zur Zeit Allendes getroffen, in manchen Kombinaten der DDR und vielleicht hat sie noch ein paar Schwestern in Cuba oder Brasilien. Auf jeden Fall könnten wir noch ein Dutzend ihrer Art gut gebrauchen.“ Und die ver.di-Landesleiterin Sybille Stamm betont Cordulas „Unerschrockenheit, politisch gegen den Strom zu schwimmen“. „Solche Querdenkerinnen sind das Lebenselixier demokratischer Organisationen.“

Wenn schon, denn schon

Cordula war vor der Gründung von ver.di alles andere als eine Freundin des Gewerkschafts-Zusammenschlusses. Doch „wenn schon, denn schon“ brachte sie sich und ihre Vorstellungen in die neue Gewerkschaft ein, als Vorsitzende des baden-württembergischen Landesfachbereichs 8, als Mitglied der Tarifkommissionen Zeitungsverlage und Redaktionen. Am Herzen liegt ihr dabei besonders, dass Jahrzehnte alte Tarifverträge entrümpelt werden. „Allerdings gewiss nicht im Sinne der baden-württembergischen Zeitungsverleger, die jüngst meinten, wenn Azubi-Gehälter um 75 Prozent gekürzt würden, bekämen künftig mehr junge Leute einen Ausbildungsplatz“, betont sie. Heuchelei macht sie wütend. Und mit jungen Leuten kennt sie sich aus.
Im „jugendlichen Alter“ von vierzig Jahren übernahm sie die Leitung der Jugendredaktion der Schwäbischen Post. Zusammen mit jungen Leuten zwischen 14 und Anfang 20 gestaltet sie täglich eine Jugendseite. Eine Aufgabe, die ihr viel lieber ist, als sich mit Paragraphen und Sitzungsprotokollen zu beschäftigten. Wobei sich die ehrenamtliche Arbeitsrichterin mit Paragraphen durchaus auskennt. Das „täg­liche Chaos“, die permanenten Unwägbarkeiten in der Arbeit mit „ihrer“ Jugendredaktion sind immer wieder neue Herausforderungen. Das ist es, was sie reizt. In der Arbeit und im Urlaub. Am Strand liegen ist nicht ihre Welt. Sie braucht Leute und Leben um sich herum, am Besten in der Sonne Brasiliens oder im südlichen Portugal. Aus der Auseinandersetzung mit Land und Leuten zieht sie auch wieder Lehren für ihre hiesigen Tätigkeiten. Sie kennt die Schattenseiten kapitalistischer Politik und weiß wohin neo­liberale Rezepte führen. Solche Politik ist mit ihr nicht zu machen, nicht im Betrieb und nicht in der Gewerkschaft.

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