Steigen wir auf Türme …

Treffen des Bundesfrauenvorstandes vom Fachbereich 8 am Wannsee

Wie wollen Frauen heute leben? Es geht um Zeitwohlstand und individuelle Lebenskonzepte. Es geht um gerecht verteilte, ordentlich bezahlte Arbeit, deren Stundenzahl nicht zu-, sondern im Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft, abnehmen muss. Und den Kampf dafür.

Das stand auf der Tagesordnung des Bundesfrauenvorstandes des ver.di Fachbereichs Medien, Kunst und Industrie (FB8). Am 26. September diskutierten die aus ganz Deutschland angereisten Gewerkschafterinnen im ver.di Bildungs- und Begegnungszentrum „Clara Sahlberg“ am Berliner Wannsee darüber mit Detlef Hensche. Der Rechtsanwalt und ehemalige Vorsitzende der IG Medien bietet als analytischer Tarifexperte Denksport.
Hensche, bekannt dafür, Dinge auf den Kopf zu stellen, um sie dann zu zerpflücken, führte aus der Zukunft in die Gegenwart: „Was denkt wohl ein Mensch, der in 200 Jahren zurück auf unsere Wirtschafts- und Sozialpolitik blickt? Die sind nicht ganz normal!“ Drastisch gefolgert angesichts politisch suggerierter „Wahrheiten“, dass Reichtum an der Börse entstehe, fünf Millionen Arbeitslose und zehntausende Jugendliche ohne Perspektive genauso unausweichlich seien wie verlängerte Arbeitszeiten und Rente mit 67… Diesen „Notwendigkeiten“ widerspricht rasanter Produktivitätsfortschritt: Brauchte 1960 die westdeutsche Erwerbsbevölkerung 54 Mrd. Stunden für die Erwirtschaftung des Sozialproduktes, so waren es 2001 für ein dreifach höheres nur noch 37 Mrd. Stunden. Und: „Arbeit ist auch Mühsal, der Mensch träumt von mehr freier Zeit, ohne die weder Bildung noch Kultur möglich sind.“ 80% davon seien für Arbeitslose allerdings „zwangsfrei“, so Hensche: „Rationalisierung und Arbeitslosigkeit führen so zur Perversion eines erstrebten Zeitwohlstandes.“ Logisch wäre, dass alle kürzer arbeiten. Doch im europäischen Vergleich arbeiten die Deutschen mit 41 Wochenstunden am längsten. Obwohl „dringend geboten“, werde Arbeitszeitverkürzung „als sperriges Thema“ seit den 90er Jahren nicht bewegt. Dass Kollegen lieber um Jahresleistungen und Urlaubsgeld ringen statt um kürzere Arbeitszeiten, zeige, „dass das Geld nicht stimmt“. Während die Einkommensentwicklung in den USA bei plus 18% liegt, in Schweden bei 25%, fiel sie in Deutschland um 0,8% ins Minus. Dazu kommt die Angst vor der Arbeitslosigkeit – „tief eingefressene Mechanismen“.

Angst und Macht

Doch der Kampf um Arbeitszeitverkürzung muss wieder beginnen. Noch immer dominiere das männliche Normalarbeitsmodell anstatt geschlechterdemokratischer Verteilung von Arbeitszeit. „Darum müssen sich Gewerkschaften kümmern, die Frauen gewinnen und Fantasie walten lassen“, appellierte Hensche. „So könnten kürzeres Arbeiten prämiiert und längeres mit Abschlägen belegt werden.“ Auch darüber, was mit freier Zeit anzufangen ist, welche Angebote es gibt, sollten Gewerkschaften Diskussionen entfachen, gab Hensche weitere Denkanstöße.
Wie freie Zeit zu gewinnen und zu füllen sei, bedürfe nicht nur der Kultur, sondern eines anderen Bewusstseins, meinte Barbara Tedeski, freie Schauspielerin und Autorin aus München. Angst sei ein wiederkehrendes Stichwort. Wie kann man unter Druck stehende Beschäftigte zur Gegenwehr bringen, fragte Ingeborg Robert aus Kassel. „Wir müssen den Menschen das Gefühl geben, ihr kämpft um etwas, wovon ihr etwas habt“, so Christine Glaser, zuständig für Frauen- und Gleichstellungspolitik im FB 8 von ver.di.
Bei Angst gehe es auch um Macht, gab Hensche zu bedenken. „Die Machtverteilung hat sich zugunsten der Unternehmer und zu Lasten von Gewerkschaften und Betriebsräten verschoben.“ In Deutschland wird im europäischen Vergleich zu wenig gestreikt. Doch jüngste Arbeitskämpfe seien erstmalig auf öffentliche positive Resonanz gestoßen. „Dieser Bewusstseinswandel ist ein Signal. Angst ist überwindbar.“
Diskussionen um Arbeitszeitpolitik seien bei ver.di kümmerlich, kritisierte Constanze Lindemann aus Berlin. So sei das 2005 im Landesbezirk angeschobene Thema Arbeitszeitverkürzung „ausgebremst“ worden. Da es noch immer nicht Inhalt gewerkschaftlicher Politik sei, sollten wir „Frauen mit unseren Gremien die Initiative ergreifen.“ Veränderungen in der Arbeitswelt dürften nicht außer Acht gelassen werden, so Bettina Hoffmann, Korrektorin aus Cuxhaven. „In den Druckereien sind die Vorstufen mit starker gewerkschaftlicher Organisation weggefallen, Leiharbeiter erreichen wir gar nicht mehr.“ Mutlosigkeit muss überwunden werden. „Hinterfragen wir Erkanntes“, schlug Barbara Tedeski vor, „unternehmen wir was Spektakuläres, steigen wir auf Türme…“
Oder sachlicher gefasst im Fazit des Vorstandes: Lasst uns einen gesellschaftspolitischen Diskussionsprozess in Gang setzen, denn Arbeitszeit(verkürzung) ist nicht allein Thema von Gewerkschaften! „Obwohl Zeitwohlstand ein wichtiges Gut in der Gesellschaft ist, geistert in den Köpfen von Erwerbstätigen der Mythos, dass es richtig ist, durch Produktionsfortschritt gewonnene Zeit rein kapitalistisch zu nutzen“, schätzen die Gewerkschafterinnen ein. So gäben zwar viele Tarifverträge kürzere Arbeitszeiten vor, doch Beschäftigte würden durch betriebliche Regelungen zur Überschreitung „verdonnert“. Mit Drohung erzeugtes Angstempfinden lähme im Hinblick auf die Arbeitszeit den Widerstand – auch den gewerkschaftlichen. „Gewerkschaften“, so der Appell der Frauen vom FB 8, „haben die Aufgabe, den Menschen die Angst zu nehmen und ihnen durch Erfolgserlebnisse zu neuem Mut zu verhelfen.“ Beim gemeinsamen Engagement für Zeitwohlstand soll ver.di eine Vorreiterrolle einnehmen.

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