Strippenzieher in gefährlicher Nähe

Wer zieht die Strippen, wenn es um Themen und Bewertung von Ereignissen in den Medien geht? Wer nimmt Einfluss auf journalistische Schwerpunktsetzung und Kommentierung? Mit Agenda-Setting – Machen wir das? Oder wer? befasste sich der 25. Journalistentag der dju in ver.di am 26. November 2011 in Berlin.

Fast 150 Teilnehmer – Praktiker, Gewerkschafter, Wissenschaftler, Interessierte – suchten nach Antworten zu einem „berufspolitischen Thema, das im journalistischen Alltag eine Rolle spielt, wie kaum ein anderes“, so der dju-Vorsitzende Ulrich Janßen zur Eröffnung.
Dass Berufspolitik kein Randthema in der Gewerkschaft sei, sondern „eng verknüpft mit dem Kampf um gute Arbeitsbedingungen für feste und freie Kolleginnen und Kollegen“, erklärte Janßen und benannte knappes Personal, erhöhtes Tempo, verdichtete Arbeit, Aufgabenzuwachs, Überstunden und zunehmende Entgrenzung von Erwerbsarbeit und Privatleben als „Hürden“ auf dem Weg zu journalistischer Qualität. Solche Hürden behinderten im Produktionsdruck des Alltags oft auch die notwendige kritische und selbstkritische Reflexion. Etwa ein Nachdenken über die Frage, unter dem Einfluss welcher Kräfte dort agiert werde, ob Journalisten „ständig interessengesteuerten Fremdeinflüssen ausgesetzt“ oder ihnen gar „ausgeliefert“ sind.

1 Politik

Von „gefährlicher Nähe“ und dem Einfluss lokaler Wirtschafts- und Finanzbosse oder von Kommunalpolitikern im Lokaljournalismus berichtete Kurt-Peter Christophersen, ehemaliger Lokalchef des Stader Tageblatts und später landespolitischer Chefkorrespondent der Redaktionsgemeinschaft Nordsee, an exemplarischen Konflikten aus dem eigenem Arbeitsleben. Dass Journalisten „jeden Tag unter erheblichem Einfluss stünden“, sei „nicht zu beklagen, sondern zu analysieren“, meinte Christophersen und wandte sich Methoden solcher Einflussnahme zu. Die reichten von materieller Belohnung, etwa durch die Bereitstellung von Testwagen durch die Automobilindustrie, über „subtilere“ Wege der Zulieferung kostenfreien Hintergrundmaterials, kaum versteckter PR-Beiträge oder der Zusage von Exklusiv-Interviews bis zur „Hammer-Methode“ des Anzeigenentzugs bei nicht genehmer Berichterstattung. Wichtig sei, „ob Journalisten mental und materiell so ausgestattet sind, dass sie trotz solcher Einflüsse ihre Aufgabe erfüllen: Kritische Öffentlichkeit herstellen, auch wenn es den Interessenträgern nicht passt.“ Zur professionellen Ausrüstung gehöre auch, die ökonomische Kraft der Verlage gegen Anfechtungen aus Wirtschaft und Politik einzusetzen. Gesetzliche Schutzmechanismen stünden ebenso zu Gebote wie die strikte Orientierung am Leserinteresse und der Aufgabe kritischer, unabhängiger Berichterstattung. „Innere Pressefreiheit“ und Redaktionsstatute seien dabei hilfreich. Nötig sei aber auch das subjektive Vermögen, sich „nicht einlullen zu lassen“, sich „selbst an die Kandare zu nehmen“, Konflikten nicht aus Bequemlichkeit aus dem Weg zu gehen. „Der Kampf gegen die gefährliche Nähe fängt mit der eigenen Fähigkeit zu kritischer Distanz an“, so der Referent.

Schwarzbrot der Demokratie

Zum selben Punkt kam Josef-Otto Freudenreich, bis 2010 Chefreporter der Stuttgarter Zeitung, am Ende seines Referats über politische Einflussnahme bei der Berichterstattung über Stuttgart 21: „Die objektiven Verhältnisse für Berichterstattung sind auch wichtig“, sagte er. „Entscheidend aber ist, was in unseren Köpfen drin ist – ob die Zivilcourage und der Mut fehlen, das durchgedrückte Kreuz, die Kampfbereitschaft, unbequem zu sein und gegen den Mainstream anzuschwimmen.“ Das uneingeschränkte Lob, die unverblümte Hofberichterstattung gegenüber dem „alternativlosen Jahrhundertprojekt“, auf das sich eine „Loge der Macht“ aus Landespolitik, Wirtschaft und Chefredakteuren lange Zeit eingeschworen hatte, kam nach Freudenreichs Wahrnehmung erst am 30. September 2010 endgültig ins Wanken, nachdem die Wasserwerfer, die überregionale Berichterstattung und die „lokale Medienkonkurrenz im Netz“ eine Fortsetzung nicht mehr zuließen. Seitdem erhielt auch der Widerstand Raum in der Zeitung. Zuvor hatte es zur Durchsetzung einer imaginären Blattlinie pro Bahnprojekt Druck von Vorgesetzten und Einflussagenturen gegeben, der bis in laufende Schreibprozesse reichte, sich aber auch in der Unterdrückung von Nachrichten äußerte. Es habe sich bestätigt: „Wer das Falsche kritisiert, ist besonders beweispflichtig. Wer das Richtige lobt, kriegt eine Gehaltserhöhung.“
Die Masse der Redakteurinnen und Redakteure habe zu wenig Sensibilität und Durchsetzungskraft an den Tag gelegt, Vorgaben einfach mitgetragen und sich dadurch viel zu weit von der Realität und den Menschen auf der Straße entfernt. Wenn eine „funktionierende kritische Presse als tägliches Brot der Demokratie“ nicht mehr existiert, dann laufe etwas ganz gewaltig schief, könne von vierter Gewalt oder Kontroll- und Wächterpflichten der Medien keine Rede sein. Auch das habe sich bei Stuttgart 21 erwiesen, meinte der „Reporter des Jahres“ von 2008, der seinen Job bei der Stuttgarter Zeitung inzwischen quittiert hat und das Thema nun als Redaktionsleiter der Internet-Wochenzeitung Kontext weiter begleitet.

2 Wirtschaft

Wie Forschung als Instrument zur Manipulation von Medien und Öffentlichkeit eingesetzt werden kann, war Thema von Günter Bartsch, freier Journalist aus Berlin und Geschäftsführer des Netzwerk Recherche. „Nicht jede Schlagzeile ist eine“, gab der studierte Politologe, der bei der Allgäuer Zeitung und der Augsburger Allgemeinen gearbeitet hat, zu bedenken. „Journalisten dürfen nicht aus der Verantwortung gelassen werden.“ Zeit für Gegenrecherche muss sein, nach Signalen für Beeinflussung müsse man nicht lange fahnden. Bartsch verdeutlichte am Beispiel vermeintlich seriöser „wissenschaftlicher“ Information aus der Pharma- und der Lebensmittelindustrie dubiose Imagepflege. Die Behauptung, dass in der Massentierhaltung Antibiotika nur therapeutisch und nur unter tierärztlicher Aufsicht verabreicht würden, ließe sich mit ein paar Klicks im Internet widerlegen.
Sehr genau müsse man hinsehen, woher Informationen stammen. Studie ist nicht gleich Studie und Experte nicht gleich Experte. Hinter der Schlagzeile „Walnüsse senken stressabhängigen Blutdruck“ verbirgt sich beispielsweise die Studie eines Direktvermarkters. „Bezahlte Wissenschaftler im Auftrag des kalifornischen Walnussverbandes“, so Bartsch.
Selten hinterfragt würden auch die Informationen der von Tagesschau bis Regionalzeitung allzeit präsenten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Ihr Anspruch „aufzuklären, wie das Wirtschaftssystem funktioniert und das im Kontext gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Reformthemen in die Schulen zu tragen“ sei, so Bartsch, „höchst problematisch“, denn dahinter stehen BDA und BDI. Ein Blick auf die Homepage bringt Klarheit: Das Institut der Deutschen Wirtschaft versteht sich als „Think Tank“ für Mitglieder und Kunden – also für Lobbyisten.

Wer instrumentalisiert uns?

Um Lobbyisten auf die Schliche zu kommen, empfiehlt es sich, mehr Sorgfalt und Zeit auf die Recherche von Vernetzungen und Hintergründen zu verwenden. Die gern genutzte Informationsquelle Wikipedia beispielsweise bietet die Möglichkeit, Versionen des eingestellten Beitrages zu vergleichen – „oft höchst aufschlussreich, was gestrichen wurde“, wie Bartsch meinte. Suchen sollte man nach unabhängigen Informationsangeboten zum Gegenprüfen.

Cornelia Haß, die neue Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, stellte sich mit einem Rückblick auf die Karstadt-Rettung 2010 vor. PR-Profis und „eine gefühlte Armada von Spindoktoren“ lieferten sich damals einen verbissenen Kampf um den geeigneten Investor, die Medien waren voll mit „Zerrbildern der tatsächlichen Hintergründe“, zwischendurch glitt die Berichterstattung in ein mediales Schmierentheater über das Partyleben von Nicolas Berggruen ab. „Versierte Wirtschaftsjournalisten“, erinnerte sich Haß, „mit denen wir eine langjährige Zusammenarbeit pflegen, beklagten sich, dass es in diesem Bereich ein spindoctoring solchen Ausmaßes noch nicht gegeben habe.“
Mit offensiver und seriöser Öffentlichkeitsarbeit habe ver.di entscheidend zur Weichenstellung im Übernahmeprozess beigetragen, der das Unternehmen aus der Insolvenz führte. „Es ging immer ums Ganze, die Existenz von Karstadt mit seinen rund 30.000 Beschäftigten“, sagte Haß. ver.di kam aus „der Deckung“ und bekannte sich in „mehr oder weniger offener Opposition“ zum Investor Nicolas Berggruen, der als einziger potenzieller Geldgeber nicht die Beschäftigten erneut zur Kasse bitten wollte. „Dass am Ende nicht die Goldman-Sachs- und Ackermänner die gesamte Deutungshoheit für sich eroberten“, sei, so Haß, auch MedienvertreterInnen zu verdanken, die sich der Flut an PR-Informationen entzogen und ihre Urteilsfähigkeit bewahrten. Sie widerstanden der Versuchung, ihr Handwerkszeug über Bord zu werfen und den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Informationen, die scheinbar auf dem Silbertablett dargeboten werden, seien zu hinterfragen. Aber: „Kolleginnen und Kollegen müssen Zeit haben, vertrauenswürdige Quellen aufzuspüren, Informationen zu vergleichen und zu gewichten.“ ver.di stehe als solche Quelle zur Verfügung.

3 Öffentlichkeit

Noch ist bei so manchem alten journalistischen Hasen Berührungsangst das dominierende Gefühl, wenn es um Social Media geht. Dabei bieten die Entwicklungen in der Blogosphäre und auf Facebook, Twitter und Co. gerade der Medienbranche viele Chancen der Informationsbeschaffung, -vermittlung und des Austauschs. Nicht zuletzt lässt sich damit eine Gegenöffentlichkeit zu den Wahrheiten schaffen, die von Politik und Wirtschaft verbreitet werden. Wie das gelingen kann, demonstrierten die beiden Referenten des Tagungsblocks „Öffentlichkeit“.
Volker Gaßner ist Kommunikationsstratege bei Greenpeace Deutschland. Die verstärkte Aktivität der Umweltorganisation im Bereich der Social Media-Kommunikation beruhe auf der Erkenntnis, dass die Reichweiten der klassischen Medien – vor allem Tageszeitungen und Fernsehen – zurückgehen. „In zehn Jahren werden sich die meisten Leute ihre Informationen über das Internet beschaffen“, prognostizierte Gaßner, „in Amerika ist das bei den 18- bis 29-Jährigen schon jetzt der Fall.“
Die Webpräsenz von Greenpeace Deutschland findet große Resonanz: Bis November 2011 hätten insgesamt ca. 3,5 Millionen Menschen die Greenpeace-Website aufgerufen, so Gaßner. Die Greenpeace-Videoclips auf YouTube seien bisher rund 2,3 Millionen mal angeklickt worden, inzwischen stehe die Organisation über ihre Social Media-Aktivitäten mit rund 110.000 Menschen in direktem Kontakt. Bei Twitter habe man 35.000 Follower, auf Facebook 51.000 Freunde. „Facebook ist wichtig bei der Informationsverbreitung“, betonte der Kommunikationsexperte. Allerdings würden die Zahlen wenig aussagen, solange diese „Freunde“ nicht aktiv sind.
Ausführlich stellte Gaßner die offene Kampagnen-Community GreenAction vor: Das vorwiegend junge Publikum – 60 Prozent gehören zur Altersgruppe bis zu 30 Jahren – kann dort eigene Initiativen posten. Großen Zuspruch fand etwa eine Sticker-Aktion gegen den Einwegmüll der „Coffee to go“-Ketten. Die Besucher informieren sich über Kampagnen von Greenpeace, entwickeln sie weiter und beteiligen sich aktiv. Die Umweltorganisation macht dort gegen das sogenannte Greenwashing großer Konzerne mobil: Sie antwortet auf PR-Initiativen von Vattenfall, EON und RWE, die damit das Image der Atomkraft fördern wollen, sie kämpft gegen Palmölplantagen in Indonesien, für die Nestlé den Regenwald roden lässt, sie positioniert sich gegen den Automobilkonzern VW, der von seinem Bekenntnis zum Energiesparen immer weiter abrückt. Gemeinsam ist all diesen Aktionen die phantasievolle und witzige Machart, mit der das Publikum angesprochen wird, etwa bei der Persiflage auf den „Energieriesen RWE“ in einem Videoclip.
Über Social Media könne Greenpeace viele interessante Menschen erreichen und zum Mitmachen gewinnen, so Gaßners Fazit. „Allerdings“, so der Kommunikationsstratege, „rettet Social Media die Welt nicht und ersetzt klassische Medien nicht.“ Online-Aktionen müssen mit „Aktionen auf der Straße“ verbunden werden. Reine Online-Kampagnen seien nicht erfolgversprechend: „Sie sind nach zwei Wochen tot.“
Thomas Wiegold arbeitet heute – nach vielen Jahren der Festanstellung bei Nachrichtenagenturen und beim Focus – als freier Journalist. Das Bloggen ist zu einem wichtigen Bestandteil seiner Arbeit geworden. Er betreibt den viel beachteten und gelobten Blog „augengeradeaus.net“ zu den Themen Verteidigung und Sicherheitspolitik aus deutscher Sicht. Darin schaut der Kriegsdienstverweigerer hinter die Kulissen des Verteidigungsministeriums und guckt Bundeswehrgenerälen bei ihren Einsätzen auf die Finger. 10.000 bis 20.000 Menschen besuchen nach Wiegolds Bekunden täglich seine Website, viele lesen seinen Blog und diskutieren die Inhalte.
Wiegold ist auf vielen Social Media-Kanälen präsent, er nutzt Facebook, Twitter, Flickr, audioBoo, YouTube und seit neuestem auch Google+. Die Plattformen durchdringen sich gegenseitig: „Was in meinem Blog steht, wird bei Facebook gespiegelt.“ Zum Recherchieren nutze er die gleichen Quellen wie andere Journalisten, ist auch schon mal bei Manövern der Bundeswehr und bei Einsätzen in Afghanistan oder im Kosovo live dabei. Darüber hinaus hätten sich soziale Netzwerker als nützlich für die Informationsbeschaffung erwiesen: Er sei stets über die Veröffentlichungen der Bundeswehr informiert und könne sogar den „Krieg der Worte“ verfolgen, den sich ISAF und Taliban auf Twitter liefern. „Wenn in Kabul oder in Kundus etwas passiert, weiß ich das lange, bevor andere Medien davon Wind bekommen.“
Auch Verantwortliche der Streitkräfte zollen Wiegold Respekt: KFOR-Kommandeur Erhard Bühler habe ihm in einem Fall seine Sicht der Dinge schriftlich übermittelt. Nach einem telefonischen Check auf die Echtheit, konnte Bühlers Kommentar auf seiner Website veröffentlicht werden. Finanzielle Anerkennung erhält der Journalist für seinen Blog bisher kaum: „Ich muss mich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten, mit Beiträgen etwa für den Spiegel, den NDR oder Fachmedien“, so Wiegold. Sein Ziel sei es, eines Tages den Lebensunterhalt über das „Prinzip Straßenmusik“ zu sichern: Denjenigen, die seine Plattform nutzen, stellt er die Frage „Was ist Ihnen dieser Blog wert?“ Er wolle gar nicht viel, so Wiegold, mit fünf Euro monatlich von regelmäßigen Usern wäre er zufrieden. Bisher kommen dieser Bitte 40 Leute nach – erbärmlich wenig angesichts von 20.000 Aufrufen im Monat.

4 Arbeitsbedingungen

Medienwissenschaftler Prof. Vinzenz Wyss aus Winterthur von der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften analysierte anhand aktueller Studien die Arbeitsbedingungen von Journalisten in der Schweiz. Im Nachbarland laufen große Debatten zu Medienqualität und Zukunft der Presse. Politiker kritisieren die Tendenz zu „softer“, unkritischer Berichterstattung, vermissen leistungsorientierten Journalismus.
Die aus Journalistenbefragungen der Hochschule zu ziehenden Analogien zu Deutschland sind unübersehbar. Abnehmende Arbeitsplatzsicherheit, stagnierendes Einkommen und wenig Gelegenheit zur Weiterbildung seien nicht dazu geeignet, „die Fähigkeit zu fördern, sich selbst und die eigene Tätigkeit kritisch zu reflektieren“. Die von Wyss erhobenen Daten aus zwölf Redaktionen zeugen vom Unmut der Journalistinnen und Journalisten. Sie konstatieren stagnierende Einkommen, unzureichende Recherchezeiten, mangelnde Weiterbildungsangebote, zu wenig Raum für Qualitätsdiskussionen. Nur noch 68 Prozent würden ihren Beruf weiterempfehlen, früher waren es 77 Prozent. Kompetenz, Selbstreflektion, gesellschaftliche Relevanz, Unabhängigkeit, Perspektivenvielfalt, Aktualität, Transparenz – alles wichtige Stichworte für effiziente Themenfindung und journalistische Qualität. Oft aber herrsche die Mentalität „man heult mit den anderen Wölfen, man dreht eine Geschichte mit einigen anderen Aspekten aufs eigene lokale Niveau, anstatt selbst zu recherchieren“, stellte Wyss fest.
Um erhöhte Anforderungen an Qualität und Professionalität zu erfüllen, sei eine „Trennung von Redaktion und Ressourcenbeschaffung“ unerlässlich. Medienorganisationen sollten selbstkritisch schauen, woher das Kapital stammt. Gebraucht werden eine „etablierte Verantwortungskultur und Verfahren der Qualitätsprüfung“. Beim Wahrnehmen dieser Verantwortung gebe es große Unterschiede. In Medienhäusern, die vor allem auf Profitmaximierung setzten, würde wenig in journalistische Qualität investiert. Über neue Modelle nachzudenken, wie Journalismus langfristig finanzierbar wird, sei eine Gemeinschaftsaufgabe, folgert Wyss. „Wir brauchen die Entfesselung des Journalismus von ökonomischen Zwängen.“

Zwei Resolutionen gegen Tarifflucht vieler Medienunternehmen verabschiedet

Auf dem Journalistentag wurden zwei Resolutionen gegen die Tarifflucht vieler Medienunternehmen – wie jüngst beim Südkurier in Konstanz – verabschiedet. Der eingeschlagene Kurs gefährde „jedweden Qualitätsjournalismus, der für das demokratische Gemeinwesen von unverzichtbarer Bedeutung ist“. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fordern die Arbeitgeber auf „die zwischen dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und den Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge anzuerkennen“.

Aus der Diskussion

Extreme | „Ich weiß nicht, was ich gefährlicher finde: Als Freier ist man nie richtig und länger an einer Sache dran. Das andere Extrem: Bleibt man im Lokalressort zu lange zu fest in einem bestimmten Bereich, könnte es dazu führen, zum politischen Establishment zu gehören.“ (Rüdiger Lühr, Freier)

Korruptionsschutz | „Es geht ja bei journalistischer Arbeit auch um eine Art ‚Korruptionsschutz’. Wodurch gewinnt man den? Durch vorgeschriebene Rotation, auf einem Posten nicht länger als fünf Jahre zu sitzen? Durch ein ‚Privathausbau-Verbot’, wie wir das mal vor zwanzig Jahren diskutiert haben? Ich denke, vor allem durch Qualifikation. Es wäre ein gutes Thema für Volontärskurse, gemeinsam zu reflektieren, wie man sich von Einflüssen freihalten, wie man sie überhaupt erkennen kann.“ (Inez Kühn, ver.di-Bereichsleiterin Medien und Tagungsmoderatorin)

Autorisierungswut | „Die Autorisierungswut, das Freigeben von Zitaten, ist ein Problem. Trotz Aufnahme eines Gesprächs behaupten Interviewte hinterher, sie hätten etwas nicht gesagt. Verweigert man eine Korrektur, hinterlässt man verbrannte Erde.“ (Wolfgang Stieler, Heise Zeitschriften Verlag)
Größe | „Dass eine Verlagslinie Redaktionsthemen bestimmt, ist ein subtiler Mechanismus. So platt läuft das nicht. Einflussnahme ist eher über bestimmte Vorgaben zu spüren, wie groß über ein Ereignis berichtet werden soll.“ (Norbert Freund, Saarbrücker Zeitung)

Occupy-Berichterstattung | „Bei der Berichterstattung über die Occupy-Demonstration hat man abends im Fernsehen harmlose Bilder von ein paar Leuten gezeigt. Vom massiven Polizeieinsatz, bei dem Tausende von der Wiese vor dem Reichstag weggeprügelt wurden, war nichts zu sehen. Dass man in Deutschland so auf Friede, Freude, Eierkuchen macht, regt mich tierisch auf.“
(Lutz Bohn, ver.di-Erwerbslose)

Mittendrin | „Das persönliche Gespräch kommt zu kurz. Trotz aller Zwänge, die Redakteure an den Sitzplatz schrauben: Rausgehen, mittendrin sein ist wichtig.“ (Klaus Schrage, Nürnberger Nachrichten)

Öffentliche Meinung | „Aus Stuttgart 21 kann man Lehren ziehen: Medien allein bestimmen nicht die Meinung. Medien müssen sich auch öffentlicher Meinung anpassen. Und wir sollten institutionelle Vorkehrungen dafür treffen, dass Journalisten auch mutig sein können.“ (Ulrich Schreyer, Stuttgarter Zeitung)

Zivilcourage | „Zivilcourage, der Begriff brennt mir auf der Seele. Sie ist wichtig für Journalisten. Was aber, wenn die persönliche Existenz dadurch bedroht wird? Als ich als Fernsehredakteur das Thema Korruptionsverdacht gegen einen Ministerpräsidenten aufgriff, war ich nach einem halben Jahr weg vom Sender.“ (Stefan Jalowyi, DemokratieSpiegel Berlin)

Berechenbar | „Die Pharmaindustrie ist öffentlich kaum zu sehen. Und wenn sie sich meldet, kommt immer wieder dasselbe Ergebnis raus.“ (Georg Escher, Nürnberger Nachrichten)

Einladung | „Beeinflussungsversuche transparent zu machen, ist wichtig. Als Freier habe ich einst ein Medientagebuch über eine Informationsveranstaltung der Dresdner Bank im Hotel Adlon geschrieben. Das war auch Kollegen-Bashing, von denen sich manche davon beeinflussen ließen, dort zwei Tage lang verpflegt worden zu sein. Es war sehr wirkungsvoll. Von der Dresdner Bank wurde ich nie wieder eingeladen.“ (Friedrich Siekmeier, Hannover)

Gefahr | „Greenpeace muss immer wahnsinnig originell und witzig sein. Besteht darin nicht auch die Gefahr, dass es irgendwann langweilig wird?“ (Thomas Klatt, freier Journalist)

Meinung | Auf die Frage von Prof. Vinzenz Wyss, ZHAW Winterthur, inwieweit Blogs zur Demokratisierung der Kommunikation beitragen können, antwortete Thomas Wiegold: „Meine Leser haben eine Stimme, jeder kann sich einbringen. Jeder kann im Blog seine Meinung sagen und Fakten beitragen.“

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