Abseits der Seidenstraße

Diskussion über Medien in Zentralasien im Berliner Haus der Kulturen der Welt

Noch ist die gesellschaftliche Zerreißprobe in den neu entstandenen Staaten Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan zwischen sowjetischem Erbe, Rückbesinnung auf religiöse, ethnische und kulturelle Traditionen und dem Wunsch nach Anschluss an die westliche Moderne nicht abgeschlossen.

Dies zeigte sich auch auf einer Podiumsdiskussion im April in Zusammenarbeit mit der Deutschen Welle zu Presse und Journalismus in Zentralasien mit mehreren aus der Region angereisten Kollegen. Die Veranstaltung war Teil eines überaus vielfältigen Programms „Abseits der Seidenstraße“ des Hauses der Kulturen der Welt von März bis Mitte Mai, das sich mit den Umbrüchen in den ehemaligen zentralasiatischen Republiken nach dem Zerfall der Sowjetunion befasste.

Hoffnungen kaum erfüllt

Zwar war da anfänglich Hoffnung, dass in den neuen Staaten ein freies Presse- und Mediensystem aufgebaut werden könne, doch diese Hoffnungen haben sich nicht oder nur im Ansatz erfüllt. Nach positiven Anfängen wurde die Pressefreiheit sogar wieder eingeschränkt, so sie denn überhaupt vorhanden ist. In Kasachstan und Kirgistan konzentrieren sich die Medien in gemeinsamen Finanzgruppen oder Holdings, hinter denen in der Regel regierungsnahe Personen stehen. Die Zahl unabhängiger Zeitungen oder Sender ist eher rückläufig.

Schmerzlich bemerkbar macht sich ein Mangel an guter journalistischer Ausbildung und folglich der notwendigen Professionalität. Anstelle von sorgfältig recherchierten und objektiven Beiträgen werden oft Sachverhalte subjektiv dargestellt, wodurch sich die Medien zusätzlich angreifbar machen. Eine Fülle von Prozessen gegen Zeitungen und Sender ist die Folge, und manches unabhängige, kritische Organ wurde durch solche Prozesse wegen angeblicher Verleumdung in den Konkurs getrieben.

Bezeichnend der Berufsweg des 47jährigen tadschikischen Chefredakteurs Dododjon Atovulloev. 1991 gründete er die erste private und demokratische Zeitung Tadschikistans „Tscharogi Rus“ (Tageslicht), die zur populärsten Tageszeitung des Landes wurde. Während des Bürgerkriegs von 1992 – 1995 wurde die Zeitung zur wichtigsten Plattform der Exilopposition. Atovulloev geriet ins Visier der tadschikischen Machthaber. Persönlich bedroht, erschien die Zeitung ab 1993 bis zum vergangenen Jahr in seinem Exil in Moskau. Auch nach dem Friedensschluss 1997 durfte sie offiziell nicht wieder im Lande erscheinen. Atovulloev lebt seit dem vergangenen Jahr in Hamburg mit Unterstützung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte. Seine Zeitung mit 20 000 Exemplaren Auflage und einer Website im Internet wird jetzt dort gemacht und nach Tadschikistan hineingetragen. In der Diskussion verwies er auf die Gemeinsamkeit aller Regimes in der Region, das eigene Volk für noch nicht reif für Freiheit und Demokratie zu erklären, nur am persönlichen Machterhalt interessiert zu sein und kritische Journalisten zu fürchten. Überaus hilfreich sei die Unterstützung durch Kollegen aus westlichen Ländern auf der Deutschen Welle. In dem geografisch wie politisch zerrissenen Land, wo die Macht des Präsidenten Rachmonow an den Grenzen der Hauptstadt endet, sind Radio und Fernsehen staatlich. Journalisten leben ähnlich wie Atovulloev gefährlich, wenn sie nicht staatsnah und positiv über die Regierungspolitik berichten. 62 kritische Journalisten verloren unabhängigen Quellen zufolge seit 1992 das Leben.

Aus der Hauptstadt Usbekistans Taschkent war die junge Journalistin Galima Bukharbaeva nach Berlin gekommen. Nach einen Studium der Publizistik an der Universität von Taschkent und Schulungen von Agence France Presse und des Monterey Institute of International Studies arbeitet sie heute für AFP und ist gleichzeitig Leiterin des Taschkenter Büros des Londoner Institute for War and Peace Reporting (IWPR). Zwar sei die Mediensituation in Usbekistan nicht so zugespitzt, aber die Journalisten seien eingeschüchtert, vermieden heikle Themen wie Korruption und würden sich harmlosen Themen zuwenden oder lieber auf die offiziellen Nachrichtenagenturen zurückgreifen, beschreibt Bukharbaeva die Situation.

Das geringe Niveau der professionellen Ausbildung in den zentralasiatischen Ländern durch nationale Einrichtungen beklagte Kabai Karabekow aus der Hauptstadt Kirgistans Bischkek.

Kein Geld für Zeitungen

Der 37 jährige studierte Publizist arbeitete unter anderem für die Stadtzeitung „Wetschernyi Frunse“ und als Chefredakteur der Zeitung „Komsomolez Kirgistana“. Seit zwei Jahren ist der für seine kritischen und furchtlosen Artikel bekannte Journalist Vorsitzender des Komitees für Informationspolitik und Parlamentsabgeordneter und versucht heute den Spagat zwischen Parlamentsarbeit und Interessenvertretung für Journalisten. Erschwerend für die Entwicklung freier Medien sei nicht nur die schlechte Finanzlage der Privaten sondern vor allem auch der überaus niedrige Lebensstandard der Bevölkerung, wo zwei Drittel unter dem Existenzminimum leben und kein Geld für Zeitungen haben. Auch das Internet erfasse leider noch nicht das ganze Land, aber alle regierungskritischen Materialien würden auch im Fernsehen und im Internet veröffentlicht. Radio Liberty sende auf Russisch und Kirgisisch, und ein erweitertes Angebot der Deutschen Welle wäre sehr willkommen.

Ein roter Faden, der sich durch den Diskussionsabend zog, war die Einforderung von Unterstützung durch Medien und Kollegen aus den westlichen Ländern bei der Aus- und Weiterbildung ebenso wie die Ermöglichung eines ungehinderten Zugangs zu objektiven Informationen und die Forderung nach Schaffung einer Informationsvielfalt.

 

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