Außerhalb der Einflussnahme

Mexikos meistgelesenes Magazin Proceso behauptet seine Unabhängigkeit

Mexikos Mediensektor liegt konzentriert in den Händen weniger großer Unternehmen und auch die Regierung versucht, über das Anzeigengeschäft Einfluss zu nehmen. Das Nachrichtenmagazin Proceso verteidigt jedoch seit dreißig Jahren erfolgreich seine Unabhängigkeit.

Salvador Corro Foto: Knut Henkel

Auf die Fahnen vor dem Redaktionsgebäude und auf die Leuchtreklame verzichtet Salvador Corro nur zu gern. „Wir wollen durch unsere Arbeit glänzen und nicht durch unser Äußeres”, sagt er und lässt ein süffisantes Lächeln um die Lippen spielen. Corro ist der stellvertretende Redaktionsleiter von Mexikos meistgelesenem Nachrichtenmagazin Proceso und alles andere als ein Schaumschläger. Spaß an der Recherche, Hartnäckigkeit und saubere Arbeit verlangt er von seiner Mannschaft, die aus knapp fünfzig Redakteuren und Korrespondenten besteht. Hinzu kommen noch vier Fotografen, die für die ungewöhnliche Bildsprache sorgen, die das Magazin auszeichnet und so manche Debatte in Mexiko angestoßen hat. So zum Beispiel der Abdruck von Fotos, die zeigen, was landesweit ungern gesehen wird: die Brutalität, mit der die Drogenkartelle vorgehen. Leichen, die mit Warnhinweisen weithin sichtbar an Brücken aufgeknüpft hängen, vom Rumpf abgetrennte Köpfe zeugen davon genauso wie mit Gold und Edelsteinen verzierte Mordwerkzeuge aller Kaliber und Klingenstärken. Konfrontation und das Bekenntnis zur kritischen Berichterstattung, zur investigativen Recherche und zur Unparteilichkeit zeichnet das wöchentlich erscheinende Magazin mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren aus.
Die liegen manchmal ganz oben beim Zeitungskiosk, manchmal ganz unten und es ist schon vorgekommen, dass die Auflage in Städten wie Veracruz, Puebla oder Nuevo Leon aufgekauft wurde – vermutlich von Drogenkartellen. Denen ist die Berichterstattung der im Stadtteil Colonia del Valle von Mexiko Stadt ansässigen Redaktion alles andere als genehm. Das gilt auch für die Regierung, die Kirche, die politischen Parteien, die allesamt schon mit Proceso im Clinch lagen. Das Magazin pocht anders als viele andere Medien auf seine Unabhängigkeit von den oft großzügig verteilten Annoncen der Zentral- und Regionalregierungen. Ohne die schafft es so manches Medium nicht. Proceso lebt hingegen von den Lesern, so Corro. Die garantieren das Überleben des 1976 gegründeten Magazins. Dessen Reporter decken immer wieder Skandale auf, werden aber auch immer wieder angefeindet.
So musste Alejandro Guitíerrez wegen Morddrohungen 2007 nach Spanien gehen, Regina Martínez wurde im April 2012 in Jalapa im Bundesstaat Veracruz brutal ermordet. Auch Jorge Carrasco, Proceso-Reporter, der die Hintergründe des Mordes an seiner Kollegin Martínez aufdecken wollte, erhielt Morddrohungen und musste fliehen. Die Liste ist lang und auch der in Oaxaca lebende Proceso-Korrespondent Pedro Matías steht drauf. Der floh 2009 nach Deutschland, nachdem er bedroht, entführt und gefoltert wurde. „Wir können unsere Reporter nicht umfassend schützen, aber wir verpflichten sie, unauffällig zu agieren, vorsichtig mit ihren Quellen umzugehen und haben ein paar Vorgaben zur Kommunikation entwickelt. Das hilft, aber wer sich entschieden hat, uns zu schaden, den können wir kaum aufhalten”, erklärt Salvador Corro und nimmt die Druckfahnen der neuen Ausgabe entgegen.

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