BBC im Streik

Beschäftigte gegen Rentenkürzungen und weitere Sparmaßnahmen

Nachdem am 5. und 6. Oktober beinahe bei der BBC (British Broadcasting Corporation) gegen geplante Verschlechterungen der Rentenregelungen gestreikt worden wäre (M berichtete), war es am 5. und 6. November dann wirklich soweit. Ab 0 Uhr nachts streikten die 4000 BBC-Journalisten, der World Service eingeschlossen.

Es gab kein BBC-Studio, vor dem nicht eine Gruppe von Mitgliedern der britischen Journalistengewerkschaft NUJ Streikposten gestanden hätte. Sogar aus Kabul in Afghanistan kam die Botschaft über Streikposten.

Die Oktober-Streiks waren kurzfristig abgesagt worden, weil das BBC-Management Zugeständnisse machen wollte. Diese sehen jedoch weiterhin eine erhebliche Verschlechterung der bisherigen Regelung vor. Kürzungen bei den Renten seien unbedingt notwendig, so die Arbeitgeber, weil es bei der BBC ein 1.5 Milliarden Pfund tiefes Finanzloch bei der Rentenfinanzierung gebe.
Die NUJ zieht diese Angaben in Zweifel, auch weil es von Seiten der Arbeitgeber widersprüchliche Aussagen gibt. Mal ist von zwei Milliarden die Rede, dann von unter einer Milliarde. Momentan wird immer von 1.5 Milliarden Pfund Defizit gesprochen. „Damit ist die Glaubwürdigkeit der Manager total ruiniert. Die Arbeitgeber sollen die Bücher öffnen und endlich ehrliche Verhandlungen ohne Vorbedingungen führen“, reagierte NUJ Generalsekretär Jeremy Dear auf das Chaos.
Etwas anders sah dies die Gewerkschaft für die technischen Angestellten BECTU. Sie akzeptierte den Vorschlag der BBC und beteiligte sich somit nicht am November-Streik. Dies steht allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Angaben über das Defizit auch der Wahrheit entsprechen. Ist die Summe niedriger, wird BECTU wieder eine Urabstimmung für Streiks durchführen. Dennoch verhielt sich die Gewerkschaft während der November-Streiks ihren Kollegen gegenüber solidarisch. Viele BECTU-Mitglieder beschlossen, sich an dem Streik zu beteiligen und nahmen dafür Lohneinbußen in Kauf. BECTU wird Mitglieder, die deshalb mit dem Arbeitgeber Probleme bekommen, unterstützen.
Die NUJ-Mitglieder lehnten das Angebot der Arbeitgeber mehrheitlich ab. Dies sah weiterhin die Auszahlung niedrigerer Renten als bisher, bei steigender finanzieller Belastung der Beschäftigten vor. Auch mit der verbesserten Regelung sollen BBC-Mitarbeiter ein Drittel weniger Rente bekommen.
Die NUJ muss ohnehin fürchten, dass der Rentenkampf nur die Spitze des Eisbergs ist. Im Oktober stellte die britische Koalitionsregierung unter David Cameron und Nick Clegg ihr „comprehensive spending review“ vor. Dies ist ein noch nie da gewesenes Sparprogramm für den öffentlichen Sektor, zu dem auch die BBC gehört. 82 Milliarden Pfund sollen bis 2015 eingespart werden. Für den öffentlichen Dienst bedeutet das über eine Million Stellenverluste.
Die Folgen für die BBC: Die Rundfunkgebühren müssen für die nächsten sechs Jahre eingefroren werden. Das ist ein Einschnitt von 16%. Gleichzeitig soll die BBC Ausgaben schultern, die bislang andere staatliche Stellen getragen haben, etwa die Modernisierung von Internetverbindungen im ländlichen Raum. Das sind insgesamt Mehrausgaben von 175 Millionen Pfund.
Die Konservative Partei hat einen ideologisch motivierten Hass auf jegliche Form öffentlichen Eigentums. So möchte die Regierung im Laufe der kommenden fünf Jahre das Gesundheitssystem komplett privatisieren und zerschlagen. Der BBC kann ein ähnliches Schicksal drohen. Im Hintergrund steht schon lange das Medienimperium Rupert Murdochs bereit, sich die besten Teile eines privatisierten Rundfunksystems in Großbritannien unter den Nagel zu reißen.
Derzeit sitzen die Gewerkschaften und die Arbeitgeber wieder am Verhandlungstisch. Der Konflikt ist jedoch noch lange nicht ausgestanden. Im Gegenteil, es können noch weitere Elemente hinzukommen, wie zum Beispiel ein Kampf gegen Stellenabbau.
Die NUJ hat einen Streik-Solifond eingerichtet. Auf diesen kann über PayPal eingezahlt werden: http://www.nuj.org.uk/ innerPagenuj.html?docid=1802

 

nach oben

weiterlesen

Honduras: Neustart für Pressefreiheit?

Honduras ist mit fast hundert Morden in den letzten 20 Jahren ein extrem gefährliches Land für Berichterstatter*innen. 43 Prozent der Journalistenmorde ereigneten sich, so eine Analyse, in der Amtszeit von Juan Orlando Hernández von 2013 bis 2021. Das soll sich unter seiner Nachfolgerin Xiomara Castro ändern. Sie wird heute ihr Amt antreten. Vieles wird davon abhängen, ob Castro ein Schutzprogramm für Journalist*innen zum Laufen bekommt und ob die Justiz endlich ermittelt.
mehr »

Urteil: Türkei muss Yücel Schmerzensgeld zahlen

Die Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel in der Türkei wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ war nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) menschenrechtswidrig. Yücel sei vor allem wegen seiner kritischen Berichterstattung ein Jahr lang in Untersuchungshaft genommen und damit in seinem Recht auf freie Meinungsäußerung und seinem Freiheitsrecht verletzt worden, entschied der Gerichtshof am Dienstag in Straßburg. Die Türkei müsse dem Journalisten eine Entschädigung von 13.300 Euro zahlen (AZ: 27684/17). Politiker und Organisationen begrüßten das Urteil.
mehr »

El Salvador: Medien mit Pegasus ausgespäht

Eine Untersuchung der Organisationen Access Now und Citizen Lab hat den massiven Einsatz der Spionagesoftware Pegasus gegen Journalisten*innen und Mitglieder zivilgesellschaftlicher Organisationen in El Salvador festgestellt. Technische Expert*innen des Sicherheitslabors von Amnesty International haben den Bericht einem Peer Review-Verfahren unterzogen und unabhängig forensische Beweise für den Missbrauch von Pegasus verifiziert.
mehr »

Istanbul: Meşale Tolu endlich freigesprochen

Freispruch für Meşale Tolu: Nach vier Jahren und mehr als acht Monaten endet damit ein mehr als zweifelhaftes, politisch motiviertes Verfahren der türkischen Justiz gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin. Tolu hatte in Istanbul unter anderen für die linksgerichtete Nachrichtenagentur Etha gearbeitet hatte, war im April 2017 inhaftiert und später wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation sowie Terrorpropaganda angeklagt worden.
mehr »