Big Brother auf lettisch

Die Show als Spiegel für die Tendenzen in der Gesellschaft

In Lettland kennt Bella mittlerweile fast jeder. Die schlanke dunkelhaarige Frau Anfang 30 ist eine der Mitspielerinnen in der „Fabrika“, Lettlands bekanntester Reality-TV-Show. „Ich wollte einfach einmal sehen, ob ich so etwas überhaupt aushalte. Naja, und vielleicht bekomme ich hinterher ja auch ein paar Angebote“, sagt sie.

Wenn aus der Fabrik gerade mal nicht live übertragen wird, führt Bella Besucher fast schon routiniert durch die Räumlichkeiten im fünften Stock des Gebäudes von LNT, des größten privaten TV-Senders in Riga. Das Schlafzimmer mit einem Dutzend zerwühlter Betten, ein riesiger Aufenthaltsraum mit mehreren Sitzecken, eine Einbauküche, die vom Rest des Raums durch eine Bar samt mehrerer Hocker getrennt ist. Auch ein sogenanntes Gefängnis gibt es, eine Art Bambuskäfig, darin eine Pritsche- wohl für diejenigen, denen mal die Nerven durchgehen. Daneben ein Badezimmer, eine Sauna und eine Toilette, die alle jeweils mit einer Kamera ausgestattet sind.

„Am Anfang hatte ich da schon ein komisches Gefühl“, sagt Bella, die im normalen Leben Verkäuferin ist. Doch was ist schon normal. Für Bella und die anderen ist es Normalität, sich seit einigen Wochen auch noch bei bestimmten Verrichtungen von einer Kamera in normalerweise versteckte Körperöffnungen gucken zu lassen. Doch schließlich obsiegten Neugierde, die Hoffnung auf einen Neubeginn sowie der Traum vom großen Geld über die Scham.

Seit Monaten schon ist die Fabrik, die lettische Variante von Big Brother, der große Renner. Der Privat-TV-Sender TV5, der Riga nebst Umgebung abdeckt und derzeit täglich neun Stunden seines Programms mit Übertragungen aus der Fabrik bestreitet, erreicht abends rund eine halbe Million Zuschauer, somit knapp ein Fünftel der lettischen Bevölkerung.

Die Regeln sind einfach: 12 Kandidaten, meistens aus einer Altersgruppe, werden jeweils für drei Monate in der Fabrik eingesperrt und aufeinander losgelassen. Jede Woche muss sich einer von ihnen verabschieden. Wer als letzter übrigbleibt, bekommt 9000 Euro – für lettische Verhältnisse ein kleines Vermögen.

Doch so ganz wollen die Macher der „Fabrika“ die Ereignisse nicht sich selbst und dem voyeuristischen Auge des Zuschauers überlassen. „Wir steuern das Ganze ein bisschen“, sagt Baiba Ripa, eine der Produzentinnen der Show, die von einem Nebenraum der Fabrik aus das dortige Geschehen täglich mehrere Stunden auf dem Bildschirm mit verfolgt. So mischt sich mindestens einmal am Tag ein unsichtbarer Moderator ein – mit harmlosen Fragen, aber auch dem Versuch, die Teilnehmer in eine Diskussion hineinzuziehen.

Probleme werden sichtbar

Was der Moderator nicht schafft, wird anders bewerkstelligt. Die Teilnehmer bekommen sogenanntes Fabrikgeld, das sie, je nach eigenem Ermessen, für verschiedene Waren in der Fabrik ausgeben können. „Einmal wollten wir das Thema Alkoholismus problematisieren, sagt Baiba Ripa. Das Ziel wurde erreicht. Zwei der Teilnehmer investierten ihr Spielgeld so reichlich in das Angebot, dass sie schon am Nachmittag nur noch komatös in die Kamera lallten. Am selben Abend wurde der Rausch in der Fabrik gleich noch Diskussionsthema einer Expertenrunde, die je nach Gemengelage, einmal pro Tag einen Vorfall in der Fabrik für die Zuschauer wissenschaftlich auf- und nachbereitet. Die goutieren das Spektakel, anders als einige der Diskutanten. Denn, ausgelöst durch die Fabrik, musste mittlerweile schon so mancher Minister oder andere verantwortliche Politiker zu Fragen Stellung nehmen, die er wohl lieber unter dem Deckel gehalten und nicht öffentlich ausgebreitet hätte. „Der Gedanke dabei ist natürlich, bestimmte Situationen zu provozieren, damit die Sache etwas lebendiger wird“, sagt Baiba Ripa und macht damit klar, dass die Show auch durchaus eine erzieherische Funktion hat. „Doch das Ganze ist ja nichts Ausgedachtes, es werden nur Probleme sichtbar, die jeder kennt und viele von uns sogar selbst haben. Lettland ist ein kleines Land. Ein Dorf sitzt drinnen und das andere eben draussen und sieht zu.“

Doch manchmal ist die Eigendynamik in der Fabrik stärker, als die Intervention von aussen. So verliebten sich in einer von Bellas Vorgängercrews zwei Mitspieler ineinander. Die spontane Liaison bescherte den Zuschauern nicht nur ein kaserniertes Liebesdrama in mehreren Akten, das durch den vorzeitigen unfreiwilligen Abgang des Romeo zum Leidwesen vieler abrupt beendet wurde. Auch kam das Thema Sex in allen Einzelheiten, und diesmal nicht in eine Spielfilmhandlung eingebettet, im Fernsehen zur Sprache – eine Kost, die vor allem für ältere, sozialistisch sozialisierte, Letten nicht leicht zu verdauen ist.

„Klar polarisiert diese Show, aber das soll sie ja auch“, sagt die Programmdirektorin von TV5, Gunta Lidaka. „Wir sind doch nur der Spiegel für die Tendenzen, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Und vielleicht kann das auch ein Weg sein, um bestimmte Mißstände abzuschaffen.“ Gunta Lidaka will ihr Publikum solange weiter mit Episoden aus der Fabrik füttern, wie die Einschaltquoten stimmen. „Doch wir sind flexibel“, sagt sie. „Wenn’s nicht mehr läuft, suchen wir uns etwas anderes.“

Fremdes Leben wird verkauft

Der Direktor des Privat-TV-Senders LTV, Andrejs Ekis, der die Fabrik, wenn auch etwas abgespeckt, ebenfalls im Programm hat, ergeht sich gar nicht mehr lange in Erklärungsversuchen. „Ich handle eigentlich mit Drogen und mache die Leute abhängig. Die Sache ist eigentlich ganz einfach: Du verkaufst dem Zuschauer ein fremdes Leben, er guckt sich das an und kann darüber seine eigenen Sorgen vergessen.“

In Ekis Büro läuft ein Fernseher. Gleich kommt sie, die Live-Schaltung in die Fabrik. Dort herrscht Nervosität, denn heute ist Freitag, der Tag in der Woche, an dem die Zuschauer mit ihrem Votum ei- nen der Teilnehmer nach Hause schicken werden. Jeder überbrückt die verbleibende Zeit bis zum Verdikt auf seine Weise. Eine Frau umwickelt Würstchen mit Blätterteig, ein Mann malt mit Tusche große Kreise auf ein Stück Papier, zwei andere Kandidaten lehnen etwas gelangweilt an der Bar. Nur duschen oder saunen möchte im Moment keiner.

Auch Bella ist unruhig. Sie hat heute Geburtstag, Verwandte haben Blumen für sie abgegeben, und da in der Fabrik eine kleine Feier stattfand, sind auch die Zuschauer über das Ereignis im Bilde. Sollte Bella trotzdem heute aussteigen müssen, wird sie ab der kommenden Woche wieder hinter ihrem Verkaufstresen stehen, wenn auch nicht um Geld oder Ruhm, aber um einige Erfahrungen reicher. Und sie wird wieder unbeobachtet auf die Toilette gehen können.

 

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