Bittere Pillen für die BBC

BBC Broadcasting House in London Foto: shutterstock/Claudio Divizia

Dauerdiskussion über britische Rundfunkgebühren neu entfacht

Vor 100 Jahren ging die britische BBC erstmals auf Sendung. Seitdem etablierte sie sich als das Vorbild für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten weltweit. Doch ausgerechnet im Mutterland des öffentlich-rechtlichen Rundfunks steht dessen Zukunft immer wieder – und in den vergangenen Jahren zunehmend – zur Diskussion. Mitte Januar wurden die Eckpunkte des bis 2027 gültigen Lizenzabkommens zwischen BBC und Regierung verkündet. Der BBC werden hier bittere Pillen zum Schlucken verabreicht.

Die britischen Rundfunkgebühren, die als „TV-Lizenzen“ bezeichnet werden, muss jeder Haushalt mit einem funktionsfähigen Empfangsgerät bezahlen. Ihre Laufzeit beträgt derzeit ein Jahr. Sie kostet pro Haushalt 159 Pfund jährlich. Genau um diesen Betrag wurde in den vergangenen Monaten heftig gerungen. Denn alle fünf Jahre wird die Höhe der Rundfunkgebühren zwischen Regierung und BBC neu ausgemacht, als Teil der Verhandlungen rund um die in diesem Zeitraum regelmäßig fällige Erneuerung der Sendelizenz für die BBC.

Enttäuschender Deal

Nach der aktuellen Vorlage für die Zeit bis 2027 sollen die Rundfunkgebühren in den kommenden zwei Jahren nicht angehoben werden. Erst danach sollen sie in Höhe der Inflation steigen. Bei der BBC ist damit keiner zufrieden. So sagte BBC-Generaldirektor Tim Davie in einer von der „Financial Times“ am 17. Januar zitierten Erklärung, der neue Deal sei sowohl für die Gebührenzahler*innen als auch die britische Kulturindustrie eine Enttäuschung. Schon jetzt habe die BBC ein um 30-Prozent niedrigeres Einkommen als noch vor zehn Jahren. Durch das neue Lizenzabkommen könnte der BBC ein zusätzliches Finanzloch von 870 Millionen Pfund entstehen, rechnet die „Financial Times“ im selben Artikel vor. Die Zukunft ganzer Sendeformate, darunter der Informations- und Kultursender BBC 4, sei damit in Frage gestellt.

Ähnlich argumentiert die Journalist*innengewerkschaft NUJ. In deren Augen ist die BBC ein „wirtschaftliches Kraftwerk für die Kreativbranche in Großbritannien“, so die Gewerkschaft in einer Mitteilung vom 17. Januar. Außerdem werde durch die Einsparungen die Umsetzung des öffentlichen Auftrages gefährdet. So habe die BBC während der Pandemie ein umfassendes Schulfernsehen für Kinder im Home-Schooling bereitgestellt. Solchen Formaten werde durch das Einfrieren der Rundfunkgebühren „kollektiver Schaden“ zugefügt. So sieht es auch Patrick Barwise. Der emeritierte Professor für Management und Marketing an der London Business School hat gemeinsam mit Peter York ein Buch über den „Krieg gegen die BBC“ geschrieben. „Das neue Lizenzabkommen ist auch deshalb problematisch, weil die Produktionskosten schneller steigen als die Inflation“, sagt Barise im Interview mit M. „Die Kosten sind auch deshalb so hoch, weil Großbritannien der zweitwichtigste englischsprachige Markt weltweit ist. Sendeformate wie Serien, Dokumentarfilme oder Unterhaltungsshows brauchen ein entsprechend hohes Produktionsniveau. Sonst können sie die Menschen nicht überzeugen.“

Zusätzlich beschreibt Barwise eine weitere Dimension, die mit der britischen Regierungskrise der vergangenen Monate zusammenhänge, als Premierminister Boris Johnson mehrfacher Verstöße gegen Covid-Lockdown Bestimmungen beschuldigt wurde. „Kulturministerin Nadine Dorries ist eine enge Verbündete Johnsons“, so Barwise. „Hinzu kommt, dass sie immer sehr stark ihre nordenglische Arbeiterherkunft herausstreicht. Ihr Wahlkreis liegt im sogenannten „Roten Wall“, wo die regierenden Tories bei den Wahlen 2019 große Zugewinne hatten.“ Politiker*innen wie Dorries seien überzeugt davon, dass es gerade unter den Menschen im Einzugsgebiet des „roten Walls“ eine tiefe Skepsis der BBC gegenüber gebe. Für Dorries wahrscheinlich der Anlass, am 16. Januar die komplette Abschaffung der Rundfunkgebühren für die Zeit nach 2027 zu verkünden. „Das war wohl Teil der Operation „Rotes Fleisch“, mit welcher Premierminister Johnson Unterstützung aus der Bevölkerung zurückgewinnen wollte“, so Barwise. „Allerdings hat sie das mit ihren Kabinettskolleg*innen nicht abgesprochen. Insbesondere Finanzminister Rishi Sunak ist gegen die Abschaffung der Rundfunkgebühren. Also musste Dorries später im Parlament zurückrudern und sagen, sie wolle nur eine Debatte über das Thema anregen.“

Interessant ist an der Initiative Dorries jedoch, dass sie kein isolierter Vorfall ist. So existiert seit 2020 die Kampagne „Defund the BBC“, die eine „Entkriminalisierung der Rundfunkgebühren“ fordert und zu deren Boykott aufruft. „Diese Kampagne trägt alle Merkmale einer künstlich erzeugten, angeblichen Graswurzelkampagne in sich, die im englischen als „Astroturfing“ bezeichnet wird“, erklärt Barwise. Gegründet wurde die Kampagne von einem prominenten Aktivisten der Konservativen Partei. Über sie wurde in konservativen Boulevardblättern wie dem „Express“ oder „The Sun“ berichtet. Völlig unklar sei derzeit, wer die Kampagne finanziert. „Ich gehe aber davon aus, dass es sich um ähnliche Kreise handelt wie jene, die auch die große Kampagne für den Brexit finanziert haben.“

Es ist vielleicht nicht überraschend, dass ausgerechnet „The Sun“ eine Kampagne gegen die BBC publizistisch befeuert, befindet sich das Blatt doch im Alleinbesitz des Medienmoguls Rupert Murdoch. Murdoch und dessen Verwandtschaft führen bereits seit Jahrzehnten eine Kampagne gegen die BBC. „Im Mai 2015 gab es insgesamt sechs kurzfristig aufeinanderfolgende Geheimtreffen zwischen dem damaligen konservativen Finanzminister George Osborne und sechs Murdoch Executives, zwei davon mit Rupert Murdoch persönlich. Danach veranlasste Osborne das tiefgreifendste jemals durchgeführte Sparprogramm gegen die BBC, zusätzlich zu den Kürzungen, die es bereits im Jahr 2010 gegeben hatte“, sagt Barwise.

Wenig Vertrauen zu Murdochs „The Sun“

Nicht ganz ohne Ironie ist in diesem Zusammenhang, dass laut dem „Digital News Report“ des „Reuters Institute for the Study of Journalism“ aus dem Jahr 2021 „The Sun“ in einer repräsentativen Umfrage den 14. und somit letzten Platz einnimmt. In der Umfrage ging es darum zu ergründen, wie viel Vertrauen den großen britischen Medienunternehmen entgegengebracht wird. Nur 13 Prozent der Befragten vertrauen hier Murdochs Zeitung „The Sun“. Demgegenüber sprechen 62 Prozent der BBC ihr Vertrauen aus, die in dieser Umfrage den ersten Platz belegt. Diese und ähnliche Umfragen führt Barwise als Beleg dafür an, dass die Versuche, der BBC in der Vertrauensfrage unter der Bevölkerung Großbritanniens das Wasser abzugraben, bislang gescheitert seien.

Gegenspieler zur BBC in Planung

Dennoch arbeitet Murdoch weiter an seiner Expansion in Großbritannien. Barwise zufolge will er „einen eigenen Nachrichtensender aufbauen, es ist aber unklar, wann er genau startet“. Ein Grund für diese Zögerlichkeit könnte das bisherige Scheitern des neuen Fernsehsenders GB News sein. Dieser im vergangenen Jahr gegründete Fernsehsender wollte eine rechte Parallelwelt zur BBC schaffen, verlor aber aufgrund technischer Probleme schnell Boden am Markt. „Murdoch hat daraus gelernt. Er lässt sich Zeit, um es richtig zu machen. Das könnte ein viel ernsthafterer Gegenspieler zur BBC sein, als GB News dies war“, ist Barwise überzeugt.

 

 

 

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