Das Berlusconi-Syndrom

Albanien auf dem Weg in die Europäische Union

Ende Juni erhielt das Land den lang ersehnten Status eines EU-Beitrittskandidaten. Nun stehen Reformen an, denen sich auch Rundfunk und Presse stellen müssen. Zwar gibt es formal Medienfreiheit in Albanien, doch die Abhängigkeit von Politik und Wirtschaft ist groß.

Dr. Mirela Oktrova: Fernsehdirektorin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk rt.sh Foto: privat
Dr. Mirela Oktrova: Fernsehdirektorin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk rt.sh
Foto: privat

An Medien mangelt es den Albanern nicht. Fünfzig Radiosender, 26 Tageszeitungen und 150 Fernsehsender kann das Balkan-Land vorweisen – bei gerade mal 2,8 Millionen Einwohnern. Dass sich das nicht rechnen kann, liegt auf der Hand. Alle Zeitungen kämpfen mit roten Zahlen. Auch die privaten Fernsehkanäle arbeiten nicht rentabel. Aufs Programm wirkt sich das sehr negativ aus, wie jeder in der Branche offen zugibt. Zum Beispiel Lufti Dervishi, der als Nachrichtendirektor beim Privatsender Vision+ arbeitet. „Wenn es zu viele Fernsehstationen gibt, bedeutet das, dass die meisten unterbesetzt sind und die Zeit, die für echten Journalismus aufgewendet wird, sehr gering ist”, erklärt der 47jährige. „Sehr präsent sind auch Selbstzensur und eine Haltung des „easy going”, also dass Journalisten nicht genug Distanz zu Politikern haben. Die Themen werden meist von PR-Agenturen, Spin Doktoren oder Offiziellen der Regierung und der Parteien bestimmt. Es ist nicht so, dass die Medien ihre eigene Agenda hätten.”

Akzeptanz für Medienmanipulierung

Unabhängigen oder gar investigativen Journalismus sucht man denn auch in Albanien vergeblich. Grund dafür ist jedoch nicht nur die prekäre wirtschaftliche Situation der Medien, sondern auch eine besondere Mentalität. „Berlusconi-Syndrom” ist der Begriff, der dafür kursiert. Das heißt, bei den Privatsendern orientiert man sich inhaltlich am italienischen Krawallfernsehen. Aber auch bei der Unternehmensphilosophie hat man bei Berlusconi abgeschaut, kritisiert Mirela Oktrova, Fernsehdirektorin im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. „Es gibt hier die Tendenz jedes Unternehmers, eine Fernsehstation zu gründen, um einen medialen Schutzschild zu haben, der dann für die eigenen Interessen benutzt werden kann”, so Oktrova. „Und es gibt eine breite Akzeptanz in der albanischen Bevölkerung für das Modell der Medienmanipulierung. Wir sehen teilweise die Medien nicht als vierte Macht, sondern als unsere Macht.”
Auch der gebührenfinanzierte Rundfunk macht hierbei keine Ausnahme. Die Nachrichten im öffentlich-rechtlichen „rt.sh” unterliegen direkter politischer Einflussnahme – wie bei seinem Vorgänger, dem Staatsfernsehen der Enver-Hoxha-Diktatur. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist für die albanische Öffentlichkeit kaum ein Thema, konstatiert Mirela Oktrova. „Einer der Schäden, den wir immer noch zu tragen haben aus der kommunistischen Zeit, ist die gesellschaftliche Mentalität, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als ein Mittel zum Zweck ansieht oder ihn gar ignoriert. Deswegen stellt sich die Frage: Ist die albanische Gesellschaft interessiert, ein starkes öffentlich-rechtliches Medium zu haben oder nicht? Bis jetzt war die Antwort: nein.”

Neue Modelle gesucht

Stattdessen puzzeln sich die Albaner lieber die Wahrheit aus den pluralen Medienverlautbarungen selbst zusammen. „Um eine Geschichte verstehen zu können, muss man drei verschiedene Sender sehen, drei verschiedene Zeitungen lesen und ins Café gehen und hören, was die Leute darüber denken” sagt Nachrichtenmann Lufti Dervishi und ergänzt: „Das ist eine Metapher um zu erklären, wie die Wahrheit ans Tageslicht kommt oder wie die Öffentlichkeit sie identifizieren kann.” Aus Sicht von Astrit Ibro, der als Hörfunkjournalist auch für die ARD arbeitet, kann das mit Blick auf einen EU-Beitritt so nicht bleiben. „Wir müssen Modelle suchen, deutsche Modelle oder englische Modelle, wo man viel recherchiert und verantwortungsvoll schreibt und berichtet.”
Wie so eine Reform der Medienlandschaft vonstatten gehen kann, ist nur schwer vorstellbar. Der Markt ist unreguliert, die zuständige „Autorität der audiovisuellen Medien” etwa tut sich schwer mit Eingriffen. Auch Journalistenorganisationen haben wenig Einfluss. Gledis Gjipali von der NGO „European Movement Albania” setzt auf Druck aus dem Internet. „In den letzten drei bis vier Jahren haben wir gesehen, dass einige Onlinemedien – wie zum Beispiel gazetatema.net – mit kritischen und konstruktiven Berichten über die Regierung viele Leser gewonnen haben. Das setzt die traditionellen Medien unter Druck.
Mirela Oktrova von „rt.sh” hofft hingegen, dass die EU die traditionellen Medien zwingt, sich zu reformieren. Dass Albanien nun Beitrittskandidat geworden ist, wirke sehr motivierend, weil das eine Perspektive schaffe. „Der Albaner an sich ist ein Südländer, der motiviert bleiben muss, um Ergebnisse zu erzielen”, sagt Oktrova. „Er ist kein Deutscher, der nach Grundregeln spielt. Grundregeln sind für den Albaner schwierig. Aber wenn man motiviert ist, kann man alles erreichen.”

 

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