Fasziniert und angewidert

Donald Trump in New York Foto: picture alliance / AP Images / Richard Drews

Trump und die Medien – ein symbiotisches, aber kein gleichberechtigtes Verhältnis

Journalisten sind scheußlich!”, ruft der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald J. Trump und zeigt mit dem Zeigfinger auf die Medien. „Ich würde sagen, 75 Prozent der Journalisten sind nicht ehrlich. Mindestens! Es gibt auch ein paar nette, o.k. Aber die meisten sind es nicht!” Die Trump-Anhänger klatschen und schauen grimmig zur „press pen” rüber – was auf Deutsch übersetzt so viel wie „Medien-Gehege” heisst. Eine passende Bezeichnung für die Gitterumzäunung im hinteren Drittel des vollgepackten Saales. Darin eingepfercht sind die Journalisten, die gekommen sind, um über eine weitere Wahlkampfrede des republikanischen Anwärters fürs Weiße Haus zu berichten.

Alles andere als ideale Arbeitsbedingungen. Die meisten Medienvertreter_innen machen jedoch mit. Sie haben keine andere Wahl, wenn sie bei einer Trump-Veranstaltung dabei sein wollen. Und das wollen sie alle. Sie nehmen auch in Kauf, dass sie vor dem Medieneingang stundenlang anstehen müssen – so etwa in Iowa bei eiskaltem Wind und Minustemperaturen. Sie akzeptieren, dass sie von Trump-Anhängern beschimpft werden. Die Kolleginnen und Kollegen vom National Public Radio (NPR) wurden in einen Kurs geschickt, um zu lernen, wie man sich in einem aggressiven Umfeld professionell verhält – etwas, was sonst nur bei Kriegsreportern getan wird, wie die Washington Post in einem Artikel betonte. Zu Beginn des Wahlkampfs war’s noch etwas einfacher. Oder normaler. Als Journalist_in hatte man die Möglichkeit, sich zuerst kurz etwas unter die Trump-Fans zu mischen und mit ihnen zu reden, dann erst ab in die „press pen”. Wenn man die Zeit etwas vergaß und die Interviews etwas länger dauerten, dann war das auch kein Problem. Inzwischen wird jedoch genau kontrolliert, dass die Journalisten ohne Umwege ins „Gehege” gehen. Printjournalisten können sich als reguläre Besucher tarnen, der Radio-Korrespondent hat da mit seinem Mikrofon mehr Mühe.

Natürlich kann man Trump-Fans auch außerhalb von Wahlkampfanlässen anhauen und interviewen. Ablehnung und Skepsis verfliegen in der Regel, wenn man erklärt, man komme aus der Schweiz und sei neutral, gehöre also nicht zu den verhassten „Main-Stream Media” (jene, die in den Augen vieler Trump-Fans links stehen und mit dem GOP-Establishment unter einer Decke stecken). In der Regel wird dann gelobt, dass in der Schweiz jeder eine Waffe zuhause habe – für den Reporter ist das der Moment, bei dem er das Mikrofon einschaltet und Fragen stellt – und keine Diskussion über die Schweizer Waffengesetzgebung anzettelt.

Pöbeleien gern aufgegriffen

Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Trump-Kampagne will sehr wohl, dass über sie berichtet wird. Aber sie will auch steuern, wie und worüber die Journalist_innen berichten. Und dass ist ihr bis jetzt recht gut gelungen. Die Medien in den USA und auf der ganzen Welt scheinen Donald Trump verfallen zu sein – seitenlang schreiben sie über ihn, stundenlang reden sie über ihn. Nicht erst seit letztem Sommer, aber besonders oft, seit klar ist, dass der Mann mit der rotblonden Helmfrisur ins Weiße Haus will. Sie sind fasziniert und angewidert, verstört und erstaunt.

„Trump hat eine spezielle Gabe, auf Twitter und anderen Social-Media-Kanälen politisch unkorrekte Aussagen oder Pöbeleien zu verbreiten, die von den Medien aufgegriffen werden”, erklärt Professor David Karpf von der George-Washington-Universität das Phänomen. „Anders als reguläre Politiker kennt Trump kein Schamgefühl.” Das sorge für Wirbel und der wiederum für Schlagzeilen. Eine Feedback-Schleife, die dreht und dreht. „Trump sagt jeden Tag so viele haarsträubende Dinge. Die Journalisten können gar nicht allen nachgehen. Und wenn sie mal einer Sache auf den Grund gehen wollen, werden sie durch die nächste Provokation abgelenkt”, fügt der Medienprofessor an.

Dazu komme, dass man in den Redaktionen dank Einschaltquoten und Click-Zahlen genau sehe, wie populär Artikel und Beiträge über Donald Trump seien, sagt Karpf. Mit anderen Worten: Trump schockiert und skandalisiert – und darüber zu berichten ist für die Medien gut fürs Geschäft. TV-Debatten mit Trump sind Gassenhauer der Moderne und bescheren den TV-Sendern fette Einnahmen. Und im Internet ist die Trump-Show sowieso allgegenwärtig.

Der Reality-Star gibt den Takt an

Nicht nur die Medien, auch Trump profitiert. Die Firma Mediaquant hat berechnet, dass die bisherige Medienberichterstattung über den Geschäftsmann mehr als zwei Milliarden Dollar wert ist. Alle anderen Kandidat_innen sind weit abgeschlagen. Kein Wunder, so musste Trump bis jetzt fast keine Werbespots schalten. Ein symbiotisches Verhältnis zwischen Trump und den Medien also. Aber kein gleichberechtigtes. Der Reality-TV-Star gibt in dieser Zweierkiste klar den Takt vor. Für ihn sind die Medien ein PR-Arm. Wer ihn nicht lobt oder gar kritisiert, bekommt seinen Zorn zu spüren. Oft via Twitter, ungefiltert und meistens unter der Gürtellinie.

Es bleibt nicht nur beim verbalen Austeilen. Trumps Wahlkampfleiter Corey Lewandowski wurde in Florida angeklagt, weil er die Journalistin Michelle Fields der konservativen Internetplattform Breitbart News attackiert haben soll. Der Staatsanwalt hat das Verfahren kürzlich eingestellt. Ausländische Journalist_innen berichten, dass sie erstaunlich oft keine Akkreditierung erhalten für Anlässe mit Donald Trump – ihre Berichterstattung bringt keine zusätzlichen Wählerstimmen. Beweisen lässt sich das freilich nicht. Nur selten erhält man mit der Absage die ehrliche Erklärung mitgeliefert, man gebe den nationalen und lokalen Medien den Vorrang.

Aber auch amerikanische Berufskolleginnen und -kollegen landen schnell mal auf dem Trump’schen Index, wenn sie dem Präsidentschaftskandidaten zu kritisch sind oder er mit deren Arbeit unzufrieden ist. Die politisch links stehende Zeitschrift Mother Jones hat kürzlich über eine Reihe von Beispielen berichtet, bei denen Journalist_innen von Huffington Post, Univision, Politico oder National Review wenigstens vorüber­gehend keine Akkreditierungen mehr erhalten haben.

Was fair ist, definiert Trump

Gut im Austeilen, schlecht im Einstecken? Er sei nicht dünnhäutig, wehrte sich Trump in einem Interview mit der CBS-Fernsehsendung „60 Minutes”: „Ich hab nichts gegen einen kritischen Artikel über mich, solange er fair ist.” Was fair ist, entscheidet freilich
Donald Trump persönlich. Und für ihn ist kritisch oft wahnsinnig unfair. Und er vergisst nie. Noch heute erwähnt er öffentlich Situationen, über die Journalisten nicht positiv genug berichtet hätten.

„Die US-Medien brauchen eine gut funktionierende Demokratie. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir eine solche haben würden unter einem Präsidenten Trump”, sagt David Karpf. „Er hat bereits angekündigt, dass er Klagen gegen Journalisten einfacher möglich machen wolle. Trump ist die Medienfreiheit egal.“ Die Medien müssten realisieren, dass ihre Freiheit unter einem Präsidenten Trump gefährdet sei, sagt der Professor. Umso erstaunlicher, dass die Medien nur an die nächste knackige Schlagzeile denken. Erst in jüngster Zeit wird vermehrt kritischer über Trump berichtet. Über Widersprüche. Über seine Anfeindungen. Über seine politischen Ansichten, die sich in einem 24-Stunden-Newszyklus mehr als einmal ändern können. Die Website Politico dokumentierte neulich, dass Trump in einer einzigen Woche mindestens 60 falsche und fehlerhafte Aussagen gemacht hat. Auch Blätter wie die New York Times beginnen, die Vergangenheit Trumps auszuleuchten und seine politischen Aussagen stärker zu hinterfragen. Etwas, was schon viel früher hätte geschehen sollen – so wie bei jedem anderen Kandidaten und jeder anderen Kandidatin.

Trump auf twitter&Co.

> What a waste of time being interviewed by @andersoncooper when he puts on really stupid talking heads like Tim O’Brien-dumb guy with no clue!

> @politico covers me more inaccurately than any other media source, and that is saying something. They go out of their way to distort truth!

> So the highly overrated anchor, @megynkelly, is allowed to constantly say bad things about me on her show, but
I can’t fight back? Wrong!

> Sleep eyes @ChuckTodd is killing Meet The Press. Isn’t he pathetic? Love watching him fail!

 

Beat Soltermann Foto: privat
Beat Soltermann
Foto: privat

Der Autor Beat Soltermann ist USA-Korrespondent von Radio SRF in Washington. Sein Artikel ist im Schweizer Medienmagazin „Edito” erschienen.
Herausgeber: Die Schweizer Journalisten, Schwei­zer Syndikat Medienschaffender SSM und syndicom – Gewerkschaft Medien und Kommunikation.

 

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