Gewalt in Bangkok

Selbsternannte Demokratiekämpfer unterdrücken Pressefreiheit

Seit Monaten erschüttern politische Unruhen Bangkok. Die dritte Januarwoche, der Beginn der „Belagerung Bangkoks“ durch die Anhänger des regierungsfeindlichen „People’s Democratic Reform Committee“ (PDRC), war geprägt von zunehmender Gewalt. Kompromissloses Ziel von PDRC-Chef Suthep Thaugsuban ist der Sturz der gewählten Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra, die Einführung einer „totalen Demokratie“ mit einer ernannten „Volksregierung“ an der Spitze. Nach Schüssen, Granatangriffen, Toten und Verletzten ist es unmöglich, Prognosen über die weitere Entwicklung zu wagen. Beschleunigt sich die Spirale der Gewalt? Greift das Militär ein? Nur eines scheint sicher: die Arbeit der Journalisten wird immer schwieriger.

Bei der Explosion einer Granate auf einer Protestveranstaltung am Victory Monument am 19. Januar war unter den 28 Verletzten auch ein thailändischer Journalist. Der Kollege war zur falschen Zeit am falschen Ort. Seit Monaten gibt es systematische Einschüchterungen, Bedrohungen und die Gewalt gegen Journalisten durch die PDRC. Prominentestes Opfer ist der deutsche Fotoreporter Nick Nostitz. „Es gibt für mich nur noch drei sichere Orte: mein Haus, Demonstrationen der Regierungsunterstützer und der Klub der Auslandskorrespondenten. Ich bin faktisch arbeitslos. Seit dem 25. November kann ich keine Aufträge mehr annehmen“, schildert Nostitz seine Lage seit dem Anschlag regierungsfeindlicher Demonstranten auf ihn.
Nostitz begleitet die politischen Unruhen in Thailand seit dem Militärputsch gegen Premierminister Thaksin Shinawatra vor über sieben Jahren. Er dokumentierte in zwei Büchern die Auseinandersetzung der beiden verfeindeten politischen Lager – die feudalistische Elite und Mittelklasse Bangkoks auf der einen sowie die Thaksin-Anhänger auf der anderen Seite. Auch bei den aktuellen Protesten war der 45-jährige von Anfang an dabei. Bis eben zu jenem 25. November 2013. An diesem Tag verunglimpfte Chumpol Junsai, einer der PDRC-Anführer, vor Tausenden – meist bezahlten – Demonstranten Nostitz als Anhänger der Regierung und rief dazu auf, den Reporter „zu verjagen“. Im Nu schlugen Demonstranten auf ihn ein. „Gott sei Dank bin ich nicht zu Boden gegangen. Sie hätten mich zusammengetreten“, sagt Nostitz.
Live zu sehen war der Angriff im dem der Protestbewegung nahestehenden Blue Sky Channel. „Die konnten wohl nicht schnell genug das Signal kappen“, meint Nostitz. So habe die PDRC den Angriff nicht leugnen oder als infame Regierungspropaganda denunzieren können. Die Hasskampagne gegen Nostitz wird jedoch im Internet fortgesetzt. „Das wirft die Frage nach seiner Sicherheit auf“, sagt Sunai Phasuk, Vertreter der internationalen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in Bangkok.
Die Einschüchterung und Bedrohung von Journalisten gehört zur Strategie der PDRC, die maßgeblich von der Demokratischen Partei unterstützt wird, die seit 1991 keine Wahl mehr gewinnen konnte und die Parlamentswahl am 2. Februar boykottiert. Im November führten Politiker der Demokraten Protestmärsche zu vorgeblich regierungstreuen Fernsehsendern an, um sie zur Einstellung ihrer „einseitigen Berichterstattung“ zu zwingen. Vor dem populären Sender Channel 3 wurde der Nachrichtensprecher Sorayuth Suttassanachinda vor laufender Kamera genötigt, auf einer Trillerpfeife – dem Symbol der Protestbewegung – zu blasen. Bei Livereportagen aus den Protestcamps verfolgen PRDC-Leute mit grimmigen Gesichtern jedes Wort thailändischer Reporter. „Viele Journalisten haben inzwischen Angst“, weiß Phasuk.

Aus Furcht keine Anzeige.

Jüngster dokumentierter Vorfall sind die körperlichen Angriffe auf zwei Journalistinnen sowie einen Reporter der thailändischen Sender Channel 9 und Channel 3 am 22. Dezember. Gayathry Venkiteswaran, Direktorin der Journalistenvereinigung Southeast Asian Press Alliance, mahnt: „Kritik an Medien darf niemals gewaltsame Formen annehmen.“ Seitdem hat es weitere Übergriffe gegen Journalisten gegeben, von denen jedoch viele aus Furcht vor Verfolgung durch PDRC-Anhänger weder bei der Polizei angezeigt noch den Journalistenverbänden berichtet werden. Im Visier der PRDC stehen zunehmend auch ausländische Journalisten wie Reporter der New York Times, von CNN und BBC. „Wer nicht zu hundert Prozent der Narrative der Protestbewegung folgt, wird als Feind gesehen“, weiß Anasuya Sanyal, Präsidentin des Foreign Correspondents’ Club Thailand (FCCT).
Thailändische Journalistenverbände fordern die Führer der Protestbewegung auf, die „Einschüchterungstaktik zu beenden“ und die Pressefreiheit zu garantieren. Der FCCT verlangt eine „eindeutige und öffentliche Erklärung, dass die Rechte der Journalisten, egal ob Ausländer oder Thai, respektiert werden“. Was die PRDC von solchen Forderungen hält, hat sie schon in der Entschuldigung gegenüber Nostitz offenbart, die sich mehr als Rechtfertigung liest: „Trotz der Tatsache, dass die Demonstranten Herrn Nostitz als bekannten Unterstützer der Regierung erkannt hatten, der seit langem das von Journalisten erwartete Prinzip der Objektivität verlassen hat, rechtfertigt das nicht den Gebrauch einer wie auch immer gearteten Gewalt und wir entschuldigen uns ohne Vorbehalte bei Herrn Nostitz.“ Respekt vor der Pressefreiheit sieht anders aus.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

DW: Mehr Protest gegen Kürzungen

Nun hat auch der Fachbeirat der Deutsche Welle Educational Programs (DW Deutsch lernen) laut dwdl.de in einer Stellungnahme die geplanten Kürzungen im Deutsch-Angebot des Auslandssenders kritisiert und vor massiven Schäden für den Sender gewarnt. Die DW hatte angekündigt, das Budget halbieren zu wollen, was zu großen Protesten geführt hatte.
mehr »

Medien-Appell: „Lasst uns nach Gaza“

In einem offenen Brief an die israelischen Behörden, unterschrieben von etwa 30 Medienvertreter*innen, darunter von „Le Monde“, fordert die International Press Association erneut den Zugang von Journalist*innen zur palästinensischen Enklave, die seit dem 7. Oktober 2023 geschlossen ist, sowie deren Schutz im Gazastreifen.
mehr »

Was bringt der Pressekodex?

Eine Anwältin wird in einer Boulevardzeitung identifizierend an den Pranger gestellt – obwohl sie nichts Unrechtes getan hat. Die Folge: Bedrohungen, eine rechtsextreme Kundgebung vor ihrer Kanzlei, Polizeischutz. Der Deutsche Presserat spricht Monate später eine Rüge aus. Der Schaden ist aber angerichtet.
mehr »

dju kritisiert Verfahrenseinstellung

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di kritisiert die Verfahrenseinstellung durch die Staatsanwaltschaft Halle im Zusammenhang mit Angriffen auf Journalist*innen und Begleitschützer. Der Vorfall ereignete sich am Rande der sogenannten Winterakademie des Rechtsextremisten Götz Kubitschek in Schnellroda (Sachsen-Anhalt).
mehr »