Grenzenloses Internet: ROG entsperrt zensierte Webseiten

Proteste von Anonymous in Indien gegen ein Gesetz, mit dem die Regierung das Internet kontrolliert Foto: Reuters / Vivek Prakash

Zum Welttag gegen Internetzensur am 12. März hat Reporter ohne Grenzen (ROG) zensierte Webseiten in China, Malaysia, Saudi-Arabien, der Türkei und Vietnam entsperrt. Mit der Aktion „Grenzenloses Internet“ protestiert ROG gegen die weitreichende Internetzensur in vielen Staaten: Durch repressive Gesetze und technische Hürden versuchen sie, ihren Bürgern kritische Nachrichtenmedien und andere unabhängige Informationsquellen vorzuenthalten. Die sechs für die Aktion ausgewählten Webseiten sind wichtige Nachrichten- oder Menschenrechtsportale, deren Informationen oft im Widerspruch zu den offiziellen Verlautbarungen der jeweiligen Regierungen stehen.

„Wer Nachrichtenquellen zensiert, will kontrollieren, was Menschen wissen und welche politischen Meinungen sie sich bilden“, sagte ROG-Vorstandsmitglied Matthias Spielkamp. „Mit dieser Aktion demonstrieren wir, dass Internetzensur überwindbar ist. Keine Regierung darf nach Belieben entscheiden können, aus welchen Informationsquellen ihre Bürger schöpfen.“
Um die zensierten Seiten zugänglich zu machen, hat ROG die Webseiten „gespiegelt“ (dupliziert) und auf den Cloud-Servern wichtiger Anbieter wie Amazon, Fastly, Google oder Microsoft abgelegt. Deshalb könnte eine Regierung die gespiegelten Webseiten praktisch nur noch zensieren, indem sie den gesamten jeweiligen Cloud-Server blockiert. Damit träfe sie aber zugleich Tausende Unternehmen, die auf Dienste derselben Anbieter angewiesen sind. Einen so großen wirtschaftlichen und politischen „Kollateralschaden“ ihrer Internetzensur dürften Regierungen in der Regel scheuen.

Zusätzlich stellt ROG in diesem Jahr eine App zur Aktion „Grenzenloses Internet“ zur Verfügung. Der „RSF Censorship Detector“ fungiert als Erweiterung des Internetbrowsers Google Chrome und bietet automatisch eine Umleitung zur jeweiligen Spiegelseite an, wenn ein Nutzer eine der gesperrten Webseiten aufzurufen versucht.

Den Sprachlosen in der Türkei eine Stimme geben

Zu den entsperrten Webseiten gehört das alternative türkische Nachrichtenportal Sendika.org. Seit 14 Jahren versucht es, den Sprachlosen in der Türkei eine Stimme zu geben und über Themen zu berichten, die von den großen Medien ignoriert werden, darunter soziale Themen, die Kurdenfrage sowie die Frauenrechts- und die LGBT-Bewegung. 2013 gehörte Sendika.org zu den führenden Nachrichtenquellen über die Niederschlagung der Gezi-Proteste. Seit dem Wiederaufflammen des bewaffneten Konflikts zwischen Regierung und der kurdischen PKK im vergangenen Juli ist das Portal eine von Dutzenden Nachrichtenwebseiten, die von den Behörden blockiert wurden.
Ein weiteres Beispiel ist die chinesische Nachrichtenwebseite Boxun. Mithilfe eines Netzwerks von Bürgerjournalisten berichtet sie oft sehr schnell über heikle Nachrichten. Jeder, der in China Informationen an Boxun schickt oder für das Portal schreibt, geht ein großes Risiko ein. Mehrere Boxun-Mitarbeiter sind verhaftet, misshandelt oder zu öffentlichen „Geständnissen“ gezwungen worden. Ebenfalls entsperrt hat ROG das englischsprachige, auf Malaysia spezialisierte Nachrichtenportal Sarawak Report, ein Schwestermedium des mehrfach ausgezeichneten Exil-Rundfunksenders Radio Free Sarawak. Mit Berichten über illegale Abholzungen und Korruption verschaffte sich die Webseite mit Sitz in London nach ihrer Gründung 2010 schnell internationale Aufmerksamkeit. Seitdem hat sie ihre Berichterstattung auf andere politische Themen ausgeweitet, darunter Enthüllungen über Regierungskorruption.
Im vergangenen Jahr hatte ROG schon einmal elf Nachrichtenwebseiten entsperrt, die in zusammen elf Ländern zensiert werden. Die dafür bereitgestellten Server haben seitdem 64 Millionen Zugriffe registriert und mehr als 587 Gigabyte an Daten übermittelt. ROG hat zwischenzeitlich weitere Spiegelseiten eingerichtet und zusätzliche Cloud-Anbieter in die Aktion eingebunden.

Mehr Informationen unter: www.reporter-ohne-grenzen.de/feinde_internet/2016

nach oben

weiterlesen

Repression und Pressefreiheit in Kuba

Bei den anhaltenden Protesten in Kuba geht die Regierung mit großer Härte gegen Protestierende und Journalist*innen vor. Amnesty International zufolge wurden mindestens 115 Menschen festgenommen, darunter prominente Journalist*innen. Die Regierung versucht zu verhindern, dass Informationen nach außen dringen. Das Internet wurde gesperrt, um vor allem die sozialen Medien lahmzulegen. Denn auf What’s App, Facebook, Instagram und Co. wird berichtet, kommentiert und dokumentiert.
mehr »

Türkischer Journalist in Berlin angegriffen

Der im Exil lebende türkische Journalist Erk Acarer ist am 7. Juli an seinem Wohnort in Berlin-Neukölln von mehreren Männern angegriffen worden. Nach Angaben der Polizei wurde er am Kopf verletzt und musste im Krankenhaus medizinisch versorgt werden. Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di verurteilt den gewalttätigen Angriff auf den Kritiker der türkischen Regierung. Der 48jährige Journalist lebt seit April 2017 in Berlin.
mehr »

Feiger Anschlag auf Journalisten

Auf den bekannten niederländischen Journalisten Peter R. de Vries wurde am Abend des 6. Juli mitten in Amsterdam ein Anschlag verübt. Der Kriminalreporter war Medienberichten zufolge nach dem Verlassen des Studios von RTL Boulevard in den Kopf geschossen und lebensgefährlich verletzt worden. „Wir sind fassungslos und ringen um Worte. Dieser Anschlag hat den unabhängigen Journalismus und die Pressefreiheit bis ins Mark getroffen“, erklärte die Bundesgeschäftsführerin der dju in ver.di, Monique Hofmann.
mehr »

Nicaragua: Störfaktor unabhängige Medien

Nicaraguas autoritär regierendes Präsidentenpaar, Daniel Ortega und Rosario Murillo, ziehen alle Register für ihren Machterhalt. Erst wurden mehrere potenzielle Kandidaten der Opposition für die Präsidentschaftswahlen am 7. November verhaftet, dann bekannte Oppositionelle und nun gehen Polizei und Justiz gegen die letzten unabhängigen Medienvertreter*innen vor. Der bekannte regierungskritische Journalist Carlos Fernando Chamorro konnte in letzter Sekunde das Land verlassen, bevor ein Sondereinsatzkommando am 21. Juni sein Haus in Managua durchsuchte.
mehr »