Haus des Kinos aufgelöst

Iranische Filmemacher protestieren gegen Zerschlagung ihres Berufsverbandes

Iranische Filmschaffende sind international erfolgreich. Zuletzt gingen der Oscar und der Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film an die iranische Produktion „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Asghar Farhadi. Das ist für das herrschende System der islamischen Republik Iran kein Grund zu Freude, im Gegenteil, es wird alles getan, um die Arbeit der Regisseure und Schauspieler einzuschränken.

Im Januar wurde das „Khaneh Cinema“ (Haus des Kinos) durch das „Ershad-Ministerium“(Iranisches Ministerium für Kultur und islamische Führung) aufgelöst. Das „Haus des Kinos“ wirkt als Berufsverband und hat gegenwärtig 5.000 Mitglieder. Unter seinem Dach sind eine Reihe von Verbänden und Organisationen der Filmebranche des Iran (Produzenten und Regisseure, Drehbuchautoren und Cutter, Kinobetreiber und Verleiher) gemeinsam aktiv. Hier gibt es Hilfe und Unterstützung für Filmemacher in Rechtsfragen und bei der Weiterbildung. Seit der Gründung 1986 erhielt die Einrichtung per Beschluss des iranischen Parlaments 3 Prozent der nationalen Filmeinnahmen, um so „das Wohlergehen und die professionellen Bedingungen der Filmgemeinschaft zu verbessern“. Das gilt jetzt offenbar nicht mehr.
Zu den Widersachern gegen den Berufsverband gehört Behrouz Jafari, Parlamentsabgeordneter und Mitglied des parlamentarischen Kulturausschusses. Er hatte gegenüber der Nachrichtenagentur Fars News erklärt: „Das Haus des Kinos ist ein Berufsverband, der sich in letzter Zeit mehr mit politischen Dingen beschäftigt hat als mit beruflichen Fragen. Daher sollten die Aufsichtsbehörden erwägen, der Organisation die Lizenz zu entziehen.“ Sie habe sich „schon immer in die Politik eingemischt, indem es regimefeindliche Filme geehrt und Filmemacher unterstützt hat, die gegen das Regime agierten oder Verbrechen gegen die Sicherheit begingen“. So ließ das Verbot nicht lange auf sich warten.
Beispielhaft dagegen die solidarische Haltung der Filmschaffenden untereinander. Zu nennen sind die Parteinahme und die Proteste gegen die Verhaftung und die Ausreiseverbote vieler iranischer Regisseure in den vergangen drei Jahren, wie im Fall der zwei renommierten Regisseure Jafar Panahi oder Bahman Farmanara. Es kam dabei zu scharfen Kontroversen zwischen dem „Haus des Kinos“ und dem Kulturministerium. Mitte September letzten Jahres waren sechs unabhängige Dokumentarfilmer unter dem Vorwurf festgenommen worden, für den persischsprachigen Dienst der BBC gearbeitet und Filme mit dem Ziel produziert zu haben, „dem Ruf des Irans zu schaden“. Das „Haus des Kinos“ hat sich für ihre Freilassung eingesetzt. Die BBC hatte nach der Festnahme der Filmemacher erklärt, dass die Dokfilmer nicht in ihrem Auftrag unterwegs waren. Die Rechte an ihren Filmen hat die BBC anschließend gekauft.
Zahlreiche Regisseure und Schauspieler haben als Protest gegen die Schließung ihres Hauses die Internationalen Fadschr Filmfestspiele (Dschaschn-Vareh-yeFadschr) im Februar boykottiert. Das Festival wurde 1982 am Jahrestag der islamischen Revolution in Teheran unter Aufsicht des Kulturministeriums ins Leben gerufen. Der international mehrfach ausgezeichnete Regie-Veteran Bahman Farmanara gab in einer Aktion während der Filmfestspiele drei wichtige iranische Preistrophäen zurück.

Shirin Badri, Friedensnobelpreisträgerin, Iran Foto: dpa/Scanpix Norway /Erlend Aas

Shirin Badri, Friedensnobelpreisträgerin, Iran
Foto: dpa/Scanpix Norway
/Erlend Aas

Offener Brief an UN

In einem offenen Brief an den UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte im Iran verurteilt die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi die Auflösung des Berufsverbandes iranischer Filmschaffender. Berufliche und bürgerliche Institutionen gehörten zu den wichtigen Instrumentarien einer Demokratie, so Ebadi. Shirin Ebadi hat an die Vereinten Nationen appelliert, die erfolgte Schließung des iranischen „Hauses des Kinos“ in ihre Bewertung der Menschenrechtssituation in Iran einfließen zu lassen.

nach oben

weiterlesen

Filmtipp: „Die letzten Reporter“

Der Dokumentarfilm „Die letzten Reporter“ beobachtet drei unterschiedliche Zeitungsjournalist*innen bei ihrer Arbeit. Bei der Schweriner Volkszeitung, der Landeszeitung Lüneburg und den Osnabrücker Nachrichten gestattet er einen Blick in die Lokalredaktionen. Der 95-minütige Film von Regiseeur Jean Boué Film wirkt dabei wie eine Natur-Dokumentation, die die letzten bedrohten Exemplare einer aussterbenden Art vor der Kamera zeigt: die Lokalreporter*innen.
mehr »

Auch intern unbequem

„Panorama“ ist nicht das erste, aber das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen. Und es hatte eine schwere Geburt. Was da am 4. Juni 1961 auf dem Bildschirm in Schwarz-Weiß Premiere feierte, war ein ziemlich unverdaulicher Kessel Buntes aus aktueller Politik, Auslandsreportage und Unterhaltung. Doch schon bald hatte „Panorama“ seine erste Sternstunde.
mehr »

Zwischen Utopie und Realität

Vor 75 Jahren, am 17. Mai 1946, schickte der Münchner Kabarettist Werner Finck ein launiges Telegramm nach Babelsberg: „Ein ferner Wink von Werner Finck, damit das Ding Euch wohl geling.“ Gemeint war die Deutsche Film-A.G., kurz DEFA genannt, die erste deutsche Filmfirma nach dem Zweiten Weltkrieg, die an jenem Tag eine Lizenz zur „Herstellung von Filmen aller Art“ erhielt. Neben deutschen, darunter auch einigen aus dem Exil zurückgekehrten Filmschaffenden waren Kulturoffiziere der Sowjetischen Besatzungszone maßgeblich an der Gründung beteiligt. Und doch verstand sich die DEFA zunächst als gesamtdeutsches Unternehmen. Viele der frühen, hochfliegenden Träume endeten…
mehr »

Polizeigewalt in Kolumbien

Kolumbiens Polizeieinheiten zur Aufstandsbekämpfung (ESMAD) werden für Dutzende von Toten und Schwerverletzten seit dem Beginn der sozialen Proteste im Frühjahr verantwortlich gemacht. Dabei wurden auch Journalisten gezielt bei ihrer Arbeit angegriffen, kritisiert die Stiftung für Pressefreiheit (FLIP). Videos, Fotos und Zeugenaussagen aus Städten wie Sibaté, Cali und Popayán belegen das. Doch die Regierung in Bogotá geht auch verbal gegen kritische Berichte vor allem in den sozialen Medien vor: von Cyber-Terrorismus ist die Rede. Für Jonathan Bock, FLIP-Direktor, ein Angriff auf die freie Meinungsäußerung.
mehr »