Irakischer Journalist ein Jahr in Sicherheit

Der Journalist Kamal Chomani wurde im Irak bedroht. Er lebt jetzt für ein Jahr in Hamburg.
Foto: Knut Henkel

Journalisten und Medien sind im Irak systematischer Gewalt ausgesetzt. Das ist in der im Nordirak liegenden autonomen Region Kurdistan nicht anders. Politiker aller Couleur behindern durch Schikanen und Gerichtsverfahren die Arbeit kritischer Berichterstatter_innen. Einer von ihnen heißt Kamal Chomani. Der 32-jährige Kurde wurde wegen seiner Kritik am Unabhängigkeitsreferendum mit dem Tod bedroht. Er kam Mitte April auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte in die Hansestadt.

Das Laptop steht aufgeklappt auf dem Couchtisch in dem kleinen Apartment am Rande des Hamburger Schanzenviertels. Ausdrucke der ersten beiden Beiträge, die Kamal Chomani seit seiner Ankunft in der Hansestadt geschrieben hat, liegen daneben und ein dritter Text ist in Arbeit. „Ich nutze meine Zeit, um auch von hier auf die Situation im kurdischen Teil des Irak aufmerksam zu machen“, erklärt der mittelgroße, schlanke Mann mit dem vollen zur Seite gekämmten schwarzen Haarschopf.

Chomani schreibt, analysiert und kommentiert. Seit mehr als zwölf Jahren beschäftigt er sich mit der politischen Situation in der autonomen Region Kurdistan im Irak. Alles hat angefangen mit der Wiedereröffnung der Universitäten 2004 und Chomani gehörte zu den ersten, die sich einschrieben –  für englische Literatur. An der Universität Salahaddin in Erbil traf er junge Studenten aus der gesamten Region. „Wir diskutierten viel, fragten, was wir machen können und daraus entstand 2006 unsere eigene Zeitung „Halgord“, erinnert sich Chomani.

Seit knapp vier Wochen ist er nun auf Einladung der „Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte“ in der Hansestad und hat sich schon ganz gut zurechtgefunden. Er weiß, wie der öffentliche Nahverkehr funktioniert, beginnt demnächst mit seinem Deutschkurs und hat alte Kontakte reaktiviert. „Ich war 2016 schon einmal in Deutschland auf einem Medienforum der deutschen Welle Hamburg und habe ein paar Freunde“, erklärt er mit einem zurückhaltenden Lächeln.

Sein Kontakt zu Journalisten, Wissenschaftlern und Menschenrechtsorganisationen will er in Hamburg ausbauen, aber auch informieren. Er hofft auf Einladungen zu Diskussionsveranstaltungen über die Situation der Kurden im Irak, Syrien, dem Iran und der Türkei. Das ist das Thema mit dem sich Kamal Chomani seit 2003 beschäftigt. Erst als Student, dann als Redakteur von „Halgord“ und später als freier Journalist und Blogger. Auch als Korrespondent für Reporter ohne Grenzen für den nördlichen Irak hat er gearbeitet. Mittlerweile schreibt er als Analyst für das US-amerikanische Tahrir Institut for Middle East Policy mit Sitz in Washington. Es analysiert und unterstützt die Demokratiebewegung im Mittleren Osten. Das passt ideal zum journalistischen Ansatz von Kamal Chomani: „Ich bin ein Lobbyist für eine wirkliche Demokratie und die Implementierung der Menschenrechte.“  Der ist bei den Eliten in der autonomen Region Kurdistan alles andere als gern gesehen. Dort ist die Parteienlandschaft lange von zwei Parteien dominiert worden: der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) und der Patriotischen Union Kurdistans (PUK). Die haben quasi das Machtmonopol in der autonomen Region inne, werden aber, so Chomani, von zwei Clans dirigiert, die sich bekämpfen und von Erbil (DPK) beziehungsweise Sulaimaniyya (PUK) aus agieren.

„Korruption ist weit verbreitet. Die Parteien arbeiten nicht im Interesse der Bevölkerung, sondern in dem der jeweiligen Clans“, kritisiert Chomani und reibt vielsagend Daumen und Zeigefinger aneinander. Die Region hat aufgrund der Beteiligung an den Erdöleinnahmen aus der Förderregion von Kirkut und des touristischen Potentials positive ökonomische Perspektiven. Daher ziehen sich internationale Geber mehr und mehr zurück.

Medien in der Hand der Parteien

Das hat Folgen für den alternativen Mediensektor. Der erlebte nach dem Sturz des Saddam-Hussein-Regimes 2003 einen Aufschwung, was auch den Studenten und neu entstehenden Medien wie „Halgord“ geschuldet war. Die berichteten über Missmanagement, Klientelismus und Korruption, sorgten für Druck, hatten jedoch kaum Ressourcen zur Verfügung. So musste „Halgord“ nach einem Jahr sein Erscheinen einstellen. Redaktionsleiter Chomani blieb seinen Prinzipien jedoch treu und wechselte nicht zu den Parteimedien, die sowohl PUK als auch DPK als Reaktion auf die alternativen, unabhängigen Medien ausbauten. „Heute gibt es nur noch die sozialen Netzwerke, um kritisch zu berichten“, moniert der Journalist. Er postet regelmäßig und so werden seine Artikel, ob die Kolumne in der „Times of Israel“ oder Analysen für „Foreign Policy“ oder das Tahrir Institute, verbreitet. Seine kritische Haltung gegenüber den mächtigen Clans haben ihm wiederholt Morddrohungen eingebracht. Auch deshalb ging er 2011 nach Indien. „Damals gab es Indizien, dass ich entführt werden sollte und so bin ich zwei Jahre nach Bangalore gezogen, um meinen Master in englischer Literatur zu machen“, erklärt Chomani und deutet auf einen Beitrag aus dieser Zeit, der auf dem Tisch liegt.

Zurück in Choman, seiner Heimatstadt, hat er die Berichterstattung wieder aufgenommen und nebenbei Englisch unterrichtet. Davon und von Übersetzungen lebt er, Geld für Artikel gibt es nur ausnahmsweise.

Als er sich in einem offenen Brief im Sommer 2017 gegen das von Regionalpräsident Masud Barzani (DPK) initiierte Unabhängigkeitsreferendum wandte, nahmen die Anfeindungen gegen ihn erneut überhand. „Ich sah die Volksabstimmung als Versuch die Vorherrschaft über die autonome Region zu übernehmen und habe vor den Folgen gewarnt“. Sowohl international als auch von der Regierung in Bagdad wurde das Referendum kategorisch abgelehnt. Seitdem ist Chomani nicht mehr sicher, öffentlich wurde zur seiner Ermordung aufgerufen, weshalb ihn die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte im Frühjahr einlud. Nun ist er ein Jahr in Sicherheit im Hamburger Schanzenviertel.

 

nach oben

weiterlesen

Wegen Online-Videos aus Wuhan verurteilt

Aktion für Bürgerjournalistin Zhang Zhan in China: Mit ihrer Kamera hat Zhang Zhan seit Februar 2020 über den Ausbruch der Corona-Pandemie in der chinesischen Stadt Wuhan berichtet und so dazu beigetragen, dass die Ausbreitung der Viruserkrankung überhaupt bekannt wurde. Die chinesischen Behörden haben diese Transparenz unterbunden und bestraft. Im Mai 2020 wurde die Journalistin inhaftiert, im Dezember kam es noch schlimmer für sie.
mehr »

Medien in Washington massiv angegriffen

Washington bot in der letzten Nacht ein Bild der Gewalt und des Chaos. Anhänger des abgewählten Präsidenten Trump hatten das Kapitol, Sitz des US-Parlaments, gestürmt. Dort sollten zu diesem Zeitpunkt die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl zertifiziert werden. Die Sitzung wurde abgebrochen. Jüngsten Berichten zufolge gab es vier Tote und mindestens 50 Festnahmen. Medien wurden massiv von radikalen Protestierern attackiert.
mehr »

Briten liefern Assange nicht an die USA aus

Ein Londoner Gericht hat die Auslieferung von Julian Assange an die USA abgelehnt. Das sorgte zunächst bei vielen Journalisten- und Menschenrechtsorganisationen für Erleichterung. „Die Entscheidung für eine Auslieferung wäre einer Bankrotterklärung des Rechtsstaats gleichgekommen und hätte verheerende Folgen nicht nur für Julian Assange, sondern für den Journalismus und die Pressefreiheit weltweit“, erklärte dazu Monique Hofmann, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di.
mehr »

Journalist Can Dündar zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt

Der türkische Journalist Can Dündar ist am 23. Dezember zu einer mehr als 27jährigen Haftstrafe verurteilt worden. Wegen Terrorunterstützung und Spionage, heißt es in dem Urteil der 14. Istanbuler Strafkammer. ver.di zeigte sich „schockiert und fassungslos“ angesichts des Urteils. Es habe „nichts mit Rechtsstaatlichkeit zu tun, sondern ist die politische Entscheidung eines Willkürregimes", sagte Christoph Schmitz, Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes.
mehr »