Journalist mit Leibwächter

Kolumbien: Wegen kritischer Berichte im Visier der Paramilitärs

Obwohl in Kolumbien der Bürgerkrieg beendet ist, ist das Land vom Frieden noch weit entfernt. Die rechtsgerichteten paramilitärischen Kräfte verfügen über starken politischen und wirtschaftlichen Einfluss und sind verantwortlich für Auftragsmorde – etwa im Norden Kolumbiens an der Karibikküste, von wo auch der Rechtsanwalt und Journalist Alejandro Arias stammt. Der 2013 mit dem höchsten nationalen Journalismuspreis Premio de Bolivar ausgezeichnete Arias (45) wird wegen seiner schonungslosen Aufdeckung von Korruption und Umweltvergehen in seinem Blog vom Paramilitär mit dem Tode bedroht. Arias lebt streng bewacht in seiner Heimatstadt Santa Marta.

Der kolumbianische Journalist und Rechtsanwalt Alejandro Arias Foto: Oliver Ristau

Alejandro, gehst du noch zum Bäcker oder in eine Bar ein Bier trinken?

Alejandro Arias | Nein, ich gehe schon lange nicht mehr auf die Straße, nicht ins Kino, nicht ins Restaurant. Das soziale Leben ist schwierig geworden. Ich lebe in einem Hochhaus mit meiner Familie im 21. Stockwerk. Draußen sind immer Sicherheitskräfte postiert. Manchmal besuche ich meine Mutter. Doch es kommt oft vor, dass die Sicherheitskräfte nervös werden, wenn merkwürdige Personen auf Motorrädern bei ihr vorbei fahren. Ich muss dann schnell aufbrechen und lass meine Mutter mit dem Essen alleine.

Seit wann wirst du wegen deiner Veröffentlichungen bedroht?

Es begann 2009, als ich über Unkorrektheiten im Zusammenhang mit den Plänen zum Bau eines Luxus-Hotels in Nationalpark Tayrona (einem Naturschutzgebiet an der Karibikküste und Territorium indigener Völker, Anm. d. Autors) berichtete, in die Großgrundbesitzer und Regionalpolitiker verstrickt waren. Hässlich und ernst wurde es aber 2011, als ich ein Interview mit einem früheren Chef der Autodefensas (die Vereinigung der paramilitärischen Gruppen, Anm. d. Autors) führte. Er gab offen und detailliert über die Beziehungen zwischen Regionalpolitikern und dem Paramilitär Auskunft. Zwei Tage nach der Veröffentlichung des Interviews erschien eine Todesliste der Paramilitärs mit den Namen von zehn Journalisten. Ich stand ganz oben auf der Liste.
Als ich dann 2012 anfing, über den Kohleproduzenten Drummond wegen seiner Umweltvergehen bei der Verladung von Kohle auf Schiffe zu berichten und Fotobeweise über das Versenken der Kohle im Meer veröffentlichte, nahmen die Drohungen weiter zu. Seit dieser Zeit werde ich von zwei Leibwächtern der Sicherheitskräfte der Regierung rund um die Uhr bewacht und trage außerhalb des Hauses eine kugelsichere Weste.

Wie passt das zusammen? Große internationale Kohlekonzerne und Todesdrohungen gegen Journalisten?

Das ist eine wirklich schwerwiegende Geschichte. Ich weiß nicht, ob sie alle internationalen Kohleunternehmen betrifft, die in Kolumbien tätig sind. Ich habe nur Dokumente über die US-Firma Drummond. Es gibt zum Beispiel Interviews anderer Journalisten mit Verantwortlichen der Paramilitärs, die aussagen, Geld von Drummond zu erhalten. Ein Regionalbürgermeister sagte aus, dass bei Entführungen unliebsamer Personen durch die Paramilitärs auch Fahrzeuge von Drummond benutzt worden seien. Bei einem Interview, das ich mit einem einsitzenden ehemals hochrangigen Paramilitär geführt habe, wurde mir das ebenfalls bestätigt.

Die Regierung schützt dich gegen diese Kräfte?

Uneingeschränkt, auch wenn ich sie in meiner Berichterstattung nicht schone und sie mehrere Vorhaben und Genehmigungen etwa zur Verladung von Kohle wegen der veröffentlichten Dokumente rückgängig machen mussten.

Wie laufen die Einschüchterungen ab?

Über Telefon. Die Anrufer reden lange und stoßen üble Drohungen und Beleidigungen aus. Zwar lassen sich die Anrufe zurückverfolgen, doch oftmals wurden sie aus Gefängnissen abgesetzt, wo kriminelle Organisationen das Sagen haben.

Wie arbeitest du unter diesen Bedingungen?

Über die Wege, die ich nutze, um zu Terminen zu fahren, wird kurzfristig entschieden, nie über Telefon berichtet und die Routen werden teilweise kurzfristig geändert. Wir sind mit einem gepanzerten Bus unterwegs und erhalten zudem Begleitschutz der Polizei.

Wie belastet dich persönlich die Situation?

Mir bereitet es große Zufriedenheit, mit meiner Arbeit Dinge in Kolumbiens Gesellschaft zu verändern. Ich habe mich bewusst für den investigativen Journalismus entschieden. Mir war von Beginn an klar, dass in einem Land wie Kolumbien, wo die Sicherheitslage prekär ist, wo Menschen für kleine Beträge töten, ich mich einem großen Risiko aussetzte. Anfangs habe ich es jedes Mal bereut, wenn ich neue Missstände enthüllt habe. Ich dachte: Damit werden sie dich töten. Doch irgendwann wird jeder von Gott abberufen. Ich bin religiös. Der Glaube gibt mir Kraft. Die einzige Angst, die ich habe, ist irgendjemanden mit meinen Veröffentlichungen unrecht zu tun. Deshalb lese ich alle Dokumente und Quellen mehrfach und sorgfältig und gebe sie Vertrauten vorher zum Studium. Das hat dazu geführt, dass ich trotz mehrerer hundert veröffentlichter investigativer Berichte noch nie etwas richtig stellen musste.

Das Gespräch führte Oliver Ristau 

Blog

Alejandro Arias veröffentlicht Recherchen und Dokumente exklusiv in seinem Blog und lädt jeden ein, diesen auch ohne Nennung seines Namens zu nutzen: http://alejandroaria2.blogspot.com/

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