Keine Berichte am Tag des Putsches

Die venezolanischen Medien haben an Glaubwürdigkeit verloren

Parteilichkeit wirft Präsident Hugo Chávez dem venezolanischen Mediensystem vor. Die Berichterstattung rund um den 11. April, dem Tag des Putsches gegen die Regierung, lässt kaum eine andere Deutung zu. Zumindest ein Teil der Medien ist seiner Informationspflicht nicht nachgekommen und zum politischen Akteur mutiert.

Die Einschusslöcher sind notdürftig zugespachtelt. Redakteure, Fotografen und Boten kommen und gehen. Nur die Kontrollen am Empfang sind schärfer als früher. Im Verlagsgebäude der renommierten Tageszeitung „El Nacional“ ist wieder der Alltag eingekehrt. Doch auch das Flaggschiff der venezolanischen Tagespresse hat viel Kredit verspielt, weil sie wie viele andere am 14. April, nicht erschien.

Nur Mickey-Mouse-Bilder

So erfuhren die Leser nicht, dass in den Strassen der venezolanischen Hauptstadt Zehntausende gegen die Putschregierung von Pedro Carmona protestierten und dass der Präsidentenpalast von Abertausenden Chávez-Anhängern quasi belagert wurde. Auch im Fernsehen war von den Protesten und Demonstrationen nichts zu sehen, erinnert sich Carmen Beatriz Fernández. „Das venezolanische Fernsehen präsentierte Mickey Mouse, während in den Straßen der Hauptstadt öffentliche Gebäude besetzt wurden, geschossen und auch geplündert wurde“, so die ehemalige Direktorin des Politikforschungsinstituts Justicia y Democracia. Nur die wenigen Besitzer eines Kabelanschlusses konnten sich bei CNN oder dem kolumbianischen Sender Caracol informieren, was sich in den Straßen von Caracas zutrug.

Mit dem 13. und 14. April hat die venezolanische Demokratie eine ihrer zentralen Säulen verloren – die Medien. „Die sind zum politischen Akteur mutiert und haben damit ihre Glaubwürdigkeit verloren“, analysiert Fernández kopfschüttelnd. Dieser Einschätzung will auch Miguel Henrique Otero, Chefredakteur von „El Nacional“ nicht widersprechen. „Das Gros der Medien hat sich zu Protagonisten gewandelt, ähnlich wie die Gewerkschaften, die Arbeitgeber, die Militärs oder auch die Kirche“. Und auch „El Nacional“ sieht er in dessen Glaubwürdigkeit beschädigt, obgleich sich die Redaktion nichts vorzuwerfen habe. „Auf unser Verlagsgebäude wurde am 13. April geschossen. Viele unserer Angestellten, unter ihnen die Drucker, verließen das Gebäude, so dass wir nicht mehr in der Lage waren, die Rotationspresse anzuwerfen“, schildert er die Ereignisse. Immerhin arbeitete die Internetredaktion, die allerdings auf die Informationen von CNN zurückgreifen musste. Von den eigenen Reportern der Tageszeitung waren nur wenige im Einsatz. So wurden drei Reporter von „El Nacional“ vor dem Präsidentenpalast festgenommen. „Nicht weil sie Journalisten waren, sondern einfach, weil sie dort waren, als der Palast von den Putschisten übernommen wurde“, erklärt Otero, der sich vom Chávez-Sympathisanten zu einem seiner schärfsten Kritiker gemausert hat.

Die unübersichtliche Situation auf den Straßen und das Risiko für die Journalisten haben viele Redaktionen als Grund angeführt, weshalb ihnen eine Berichterstattung unmöglich war. Doch weshalb die ausländischen Kollegen arbeiteten, publizierten und sendeten, können sie nicht erklären. Alberto Federico Ravell, Nachrichtendirektor von Globovision, einem Privatsender, hat sich immerhin öffentlich bei den Zuschauern für die Fehler seines Senders entschuldigt. Andere wie Gustavo Cisneros, Besitzer von Venevision TV, hielten das nicht für nötig. Der 58-Jährige gilt den Chávez-Getreuen ohnehin als Drahtzieher hinter den Kulissen. In seinem Sender trafen sich am Vorabend des Putsches zahlreiche der später direkt Beteiligten. Unter ihnen auch Pedro Carmona, der sich rund zwölf Stunden später zum neuen Präsidenten proklamieren ließ.

Verbreitete Selbstzensur

Beweise für einen Komplott mit direkter Beteiligung von Medienunternehmen gibt es nicht. Auffällig ist jedoch die weit verbreitete Selbstzensur von audiovisuellen wie Printmedien. „Ohne die Hilfe der Medien, vor allem des Fernsehens, wäre der Staatsstreich nicht möglich gewesen“, urteilte denn auch Hugo Chávez in einer seiner ersten Reden nach der Rückkehr in den Präsidentenpalast Miraflores. Der für seine Attacken gegen kritische Journalisten bekannte Chávez gab sich versöhnlich. Persönliche Fehler wolle er korrigieren und ein runder Tisch solle die Unstimmigkeiten zwischen Regierung und Medien ausräumen, so Chávez.

Doch das Verhältnis zwischen Medien und Regierung ist weiterhin angespannt. Der runde Tisch hat keine konkreten Ergebnisse gebracht. Längst haben die Medienvertreter den Dialog aufgekündigt. Neue verbale Angriffe bis zu Morddrohungen gegen Journalisten sind die Ursache. Auf Kritik an seiner Regierungspolitik hat Präsident Chávez von Beginn an sehr empfindlich reagiert. Mit dem Finger hat Chávez wiederholt auf Redakteure gezeigt, die dadurch in den Fokus seiner teilweise militanten Anhänger gerieten. Und auch zu Demonstrationen gegen die Medien hat der Präsident höchstpersönlich aufgerufen. „Die Demonstranten wurden in Bussen der städtischen Verwaltung zu unserem Stammsitz gekarrt“, kritisiert Otero. Für die Reporter der Tageszeitung ist es ausgesprochen schwierig, Interviews und Informationen mit Vertretern der Regierung zu bekommen.

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Ohne Anklage in polnischer Haft

Kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde der Reporter Pablo González in Polen inhaftiert. Die polnische Justiz beschuldigt ihn seither, für den russischen Geheimdienst spioniert zu haben. Bis heute befindet er sich in Isolationshaft, ohne dass Anklage erhoben oder Beweise vorgelegt wurden. Mit dem Regierungswechsel in Polen kam zunächst Hoffnung für den Journalisten auf. Doch nun wurde seine U-Haft erneut verlängert.
mehr »

Hollywood bleibt Männerdomäne

Für 2023 steht wieder einmal fest: in Hollywood wird vor allem in männerdominierte Filme investiert. Das hat die USC Annenberg Inclusion Initiative in ihrem Jahresbericht festgestellt. Und das vergangene Jahr sei demnach sogar ein „historischer Tiefpunkt weibliche Haupt- und Co-Hauptdarsteller in Top-Filmen" gewesen - trotz des Erfolgs von „Barbie“. Seit 2007 wird an der Universität von Südkalifornien die Ungleichheit in populären Filmen untersucht.
mehr »

Präzedenzfall für die Pressefreiheit

Der britische High Court wird diese Woche über den letztmöglichen Berufungsantrag des WikiLeaks-Gründers gegen seine Auslieferung an die USA entscheiden. Reporter ohne Grenzen (RSF) wird die Anhörung vor Ort im Gericht beobachten und wiederholt den dringenden Appell an die US-Regierung, das Verfahren gegen Assange einzustellen, damit er umgehend freikommt. Wir sprachen mit Ilja Braun von RSF über die Hintergründe des Verfahrens und die Chancen für eine Berufung.
mehr »

Kritik am Digitale-Dienste-Gesetz

Sie erhalten digital eine Morddrohung, ihr Facebook-Post wurde gelöscht oder sie haben plötzlich keinen Zugang mehr zum Account: Für viele regimekritische Exil-Journalist*innen auch in Deutschland gehört das zum Arbeitsalltag. Ein geplantes Gesetz soll ihnen nun helfen, sich effektiver dagegen zu wehren. Reporter ohne Grenzen (RSF)  macht in einer  Stellungnahme deutlich, wo die Rechte von Medienschaffenden noch gestärkt werden müssen. So fordert die Organisation etwa, die Datenweitergabe von Plattformen an das Bundeskriminalamt einzuschränken.
mehr »