Keine Ländergrenzen

Debatte über den Wandel der Medien in Europa

Der Umbruch in der europäischen Medienlandschaft ist unübersehbar. Online gibt es weder für Themen noch für Nutzer Ländergrenzen. Deshalb widmeten sich im Vorfeld der Wahlen zum EU-Parlament das Deutsche Pressemuseum im Ullsteinhaus e. V. und EUNIC, der Zusammenschluss europäischer Kulturinstitute in Berlin, in einer Podiumsdiskussion dem Wandel der Presse in Europa. Die Teilnehmer der Debatte sahen darin eher eine Chance und Bereicherung denn eine Bedrohung ihrer Arbeit.


Die ukrainische TV-Journalistin Nataliia Fiebrig etwa kann sich die große Resonanz der Maidan-Bewegung in der weltweiten Öffentlichkeit auch dadurch erklären, dass die Menschen auf Grund der neuen Quantität der Bildberichterstattung permanent daran teilhaben konnten. „Viele Journalisten haben sich zu einer Art Partisanen-Journalisten gewandelt. Sie haben praktisch 24 Stunden live mit IPad, Klein- und Helmkameras berichtet, auf dem Maidan, den Straßen oder im Krankenhaus. Sie haben mit Leuten gesprochen und das ohne Kommentar direkt ins Internet versendet“, erinnert sich Fiebrig, die als Deutschlandkorrespondentin für ihren Heimatsender 1Plus1 arbeitet.
Diese Streams seien als Informationsquelle wesentlich wichtiger und authentischer gewesen als die klassischen Nachrichten. Die meisten Ukrainer seien noch nie in Europa gewesen und hätten sich immer als am Rand stehend empfunden. Plötzlich hätten sie via Facebook, Twitter und Youtube im Zentrum nicht nur der europäischen Aufmerksamkeit gestanden. Es gebe somit mittlerweile eine völlig neue Qualität internationaler Relevanz für Leser, Hörer und Zuschauer und daher auch die Notwendigkeit neuer Medienvernetzungen.
Der britische Guardian etwa arbeitet jetzt schon mit anderen europäischen Zeitungen wie der Süddeutschen Zeitung, Le Monde und La Repubblica bei der Recherche zusammen. Philip Oltermann, derzeit Berlin-Korrespondent des Guardian, erinnert sich noch an den Druck im Newsroom durch die vorher so nicht gekannte internationale Leserschaft. Da meldeten sich etwa spanischen Studenten oder türkische Demonstranten, die nachfragten, wieso gerade heute nicht von den aktuellen Protesten in ihrem Land berichtet werde. Anders als zu Leserbriefzeiten müsse man sich heute als Journalist wesentlich mehr gegenüber Rezipienten und Kunden rechtfertigen. Auch komme es darauf an, die eigenen Kollegen für manche ausländischen Themen zu gewinnen.
„Es war wirklich schwer, den Redaktionsleiter zu überzeugen, jetzt einen Schwerpunkt-Bericht zum Beispiel über Wahlen in Finnland zu bringen. Aber immerhin online durfte ich dann einen großen Artikel platzieren. Und am nächsten Tag konnte ich auf die hohen Zugriffszahlen von 20.000 facebook-shares in Finnland verweisen“. Die online-Ausgabe des Guardian wird längst nicht nur für eine rein britische Leserschaft produziert. Die Redaktion muss auf das Informations-Bedürfnis international Rücksicht nehmen. „Wir als Journalisten arbeiten heute eben auch europäischer. Früher konnte man in einer britischen Zeitung viel weglassen und so tun, als habe sich Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert. Das geht heute nicht mehr. Da gibt es mittlerweile genug deutsch-britische Leser, die sich empören würden“, sagte Oltermann.
Vor allem im Online-Journalismus ist der englischsprachige Markt auf Grund seiner wesentlich größeren Leserschaft lukrativer als der relativ beschränkte deutschsprachige Raum. Wohl auch deshalb wechselte Wolfgang Blau vor einem Jahr von Zeit-Online zum Guardian, wo er heute die Digitalstrategie der Zeitung verantwortet. Er glaubt, dass erfolgreiche und innovative Medien heute nur noch solche sein können, die international auch wahrgenommen werden. „Ich war gerade erst zwei Monate beim Guardian, als wir das Interview mit Edward Snowden veröffentlicht haben. Das waren Monate, wo der Druck der britischen Regierung auf uns noch viel höher war als heute. Es gab viele Abende, an denen wir kurzfristig entschieden hatten, jetzt die nächste NSA-Geschichte zu veröffentlichen. Und man sah dann, wie der Nachrichtenredakteur den publish-button drückte und wie das innerhalb weniger Minuten in Deutschland die Nr.1-Geschichte wurde. Und in Großbritannien blieb es einfach dunkel“, erinnert sich Blau.
Selbst bei der BBC wagte zunächst niemand, den Abhörskandal zu publizieren. Für den Guardian sei es gerade damals wichtig gewesen, dass La Repubblica, Süddeutsche Zeitung, Zeit-Online oder Spiegel das Thema unmittelbar aufgriffen. Erst danach mussten auch die anderen britischen Medien reagieren. Und auch der Angriff Victor Orbans auf die ungarische Pressefreiheit wurde erst durch die Veröffentlichungen in deutschen, französischen oder niederländischen Medien zu einem gesamteuropäischen Thema.

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