Korruptionsenthüllungen

Katalonien: Kleine Gratiszeitung wird durch mutige Recherche bekannt

Die Gratiszeitung Café amb llet aus dem Speckgürtel Barcelonas erreichte durch beharrliches monatelanges Nachfragen letztendlich, was die meisten Presseprofis nie interessiert hatte: Die Aufdeckung der strukturellen Korruption im öffentlich finanzierten, aber privat verwalteten katalanischen Gesundheitssektor.

Albano Fachin und Marta Sibina von Café amb llet auf einer Protestaktion vor dem Gericht in Barcelona, das sie zu einer Geldstrafe verurteilt hatte. Foto: Ramon Serra / Fotomovimiento

Wegen ihrer kritischen Artikel und damit wegen vermeintlicher Rufschädigung wurde Café amb llet (Kaffee mit Milch) im Herbst 2012 zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt. Die Zeitung kämpft nun um ihr Recht auf Meinungsfreiheit in der nächsthöheren Instanz. Die Entscheidung über die Berufung war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt.
„Die Geschichte von Café amb llet ist seltsam und sehr interessant“, sagt Oriol Güell, Redaktionsleiter von Spaniens größter Tageszeitung El País in Barcelona. „Café amb llet war eine lokale Zeitung, die über das informierte, was in den Dörfern ihrer Gegend passierte. Sie hatte dabei keinerlei Spezialthema. Dann aber begannen die Redakteure, Angelegenheiten der Krankenhäuser der Gegend zu untersuchen, in Blanes und Calella. Sie bemerkten die Intransparenz in diesen öffentlichen Krankenhäusern und Unstimmigkeiten bei bestimmten Haushaltsposten. Sie forschten weiter nach und veröffentlichten die Ergebnisse. Das geschah in einem sensiblen Moment für das katalanische Gesundheitssystem, und für das spanische.“ Güell meint hier die Privatisierungen und Einsparungen, die seit 2010 landesweit zu Kämpfen im öffentlichen Gesundheitssystem führen. Café amb llet hat mit ihren Berichten für viel Aufsehen gesorgt.
Geführt wird die Gratiszeitung von einem Paar ohne journalistische Ausbildung. Albano Fachin, Englischstudent, und Marta Sibina, Krankenschwester, gründeten Café amb llet 2005. Ab 2011 fragten sie bei ihren beiden lokalen Krankenhäusern beharrlich nach, welche Kürzungen es vor Ort gibt und wer dafür verantwortlich ist. Sie brachten im Laufe der Zeit ans Licht, dass es eine prinzipielle Intransparenz im katalanischen Gesundheitssektor gibt. Nicht einmal das Regionalparlament ist befugt, alle Vorgänge einzusehen.
„Die Regionalregierung verwaltet nicht direkt die Krankenhäuser, sondern finanziert sie nur, während öffentlich-private Einrichtungen die Verwaltung besorgen“, erklärt Oriol Güell. „Das hat in den letzten Jahren zu deutlichen Unregelmäßigkeiten geführt: Vertragsvergaben ohne Ausschreibung; Ausschreibungen, die nicht den Normen entsprachen; Zahlungen an Verwalter, die viel höher waren als öffentlich bekannt; Geld, das in Investitionsgeschäften verloren wurde, von denen die Öffentlichkeit nichts wusste und anderes mehr. Albano und Marta fanden einige dieser Verträge und berichteten darüber. Das war der Beginn eines Wandels in der öffentlichen Meinung, denn diese Themen hatten vorher nicht viel Aufmerksamkeit erhalten.“
Nach Güells Darstellung arbeitete seine Zeitung parallel an solchen Themen. Deshalb kontaktierte er Café amb llet, um sich zusammenzutun. Zuvor war die Zeitung mit ihren Rechercheergebnissen durch ein Video auf Youtube bekannt geworden. Nachdem Fachin und Sabina viel Freizeit für die Untersuchungen geopfert und die systematische Dimension des Problems im Gesundheitswesen festgestellt hatten, gleichzeitig jedoch nur noch gegen Wände liefen, fassten sie den Beschluss, ihr Wissen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Im März 2012 las Marta Sibina einen Bericht in die Kamera ihres Computers und lud das knapp 20-minütige Video auf YouTube hoch. Titel: „Der größte Raub in der Geschichte Kataloniens“. Vom ersten Tag an stiegen die Zugriffszahlen rasant.
Es war eine in diesem Video erwähnte Nebenfigur, der Fachin und Sibina bis dahin keine Beachtung geschenkt hatten, die Café amb llet wegen Rufschädigung verklagte. Überraschend für viele Fachleute und kritisiert von „Reporter ohne Grenzen“ erwirkte sie vor Gericht die erwähnte Geldstrafe. Doch der Kläger lenkte so nicht nur den Recherchefokus auf sich, die Verurteilung selbst führte zum nächsten Coup von Café amb llet. Das kämpferische Redakteurs-Paar entschied sich nämlich für eine ungewöhnliche Spendenkampagne, wie Albano Fachin berichtet: „Anstatt die 10.000 Euro zu sammeln, um die Strafe zu bezahlen, sammelten wir, um ein Buch zu produzieren. Und jeder, der fünfzehn Euro gibt, kriegt ein Buch. Alles, was wir in dem Video nicht erklären konnten, werden wir in dem Buch erklären.“ Die Einnahmen aus dem weiteren Verkauf des Buches sollten dann für die Geldstrafe reichen. Das Geld wurde über eine der üblichen Online-Plattformen für Crowdfunding eingesammelt. „In zwölf Stunden hatten wir die 10.000 Euro“, berichtet Fachin.
Was in diesem 350-seitigen Buch ausgebreitet wird, gereicht den meisten großen Medien zur Schande. „Es ist sehr traurig, dass die Hauptquelle für all diese Dinge, die im Gesundheitssektor passieren, eine Dorfzeitschrift ist“, klagt Fachin. Journalist Güell muss ihm beipflichten: „Ich teile die Kritik, dass es in den vergangenen 20 Jahren ein gewisses mediales Schweigen über all diese Sachen gab.“ Leider werde das Thema weiterhin kaum von den Medien aufgenommen, „viel weniger als es sein müsste.“

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