Joakim Medin in der Türkei verurteilt

Immer wieder fordern Organisationen die Freilassung von inhaftierten Journalist*innen in der Türkei. Bild: Christian von Polentz

Am Nachmittag des 30. April 2025 wurde im türkischen Ankara der Prozess gegen Joakim Medin eröffnet. Medin erhielt elf Monate und 20 Tage auf Bewährung. Der schwedische Journalist, Sonderkorrespondent des schwedischen Mediums Dagens ETC war, im Zuge seiner Berichterstattung über die Inhaftierung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, am 27. März direkt nach seiner Ankunft in Istanbul festgenommen und drei Tage später in das Hochsicherheitsgefängnis Marmara in Silivri verlegt worden.

Die Vorwürfe gegen Medin lauten „Präsidentenbeleidigung“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“.

Erstere wurde Medin unter anderem im Zusammenhang mit einer Demonstration 2023 in Stockholm vorgeworfen. Medin sagte laut MLSA aus, nie an dem damaligen Protest teilgenommen zu haben und stattdessen im Ausland gewesen zu sein. Fotos, mit denen einige seiner journalistischen Texte bebildert worden waren und die ihm in dem Verfahren zur Last gelegt wurden, habe er nicht selbst ausgewählt, so Medin. „Meine Absicht war nie, Präsident Erdoğan zu beleidigen“, zitierte ihn MLSA.

Da die Strafe weniger als zwei Jahre beträgt, wird sie zur Bewährung ausgesetzt. Das bedeutet, dass die Anklage wieder erhoben werden kann, wenn Medin in Zukunft einer neuen Straftat verdächtigt wird.

Medin steht zudem weiterhin unter dem Verdacht der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung und der Verbreitung terroristischer Propaganda. Diese Anklagepunkte werden zu einem späteren Zeitpunkt behandelt, und er wird bis zur nächsten Anklageerhebung im Gefängnis bleiben,  teilte die Anwaltsvereinigung MLSA mit.

Während seiner Befragung Ende März, die ohne Rechtsbeistand oder Dolmetscher stattfand, wurde Medin unter anderem zu seinen journalistischen Recherchen in Syrien verhört. „Journalismus ist kein Verbrechen in irgendeinem Land“, ließ Medin in einer handschriftlichen Nachricht aus dem Gefängnis durch seinen Anwalt übermitteln.

Bündnis sammelt Spenden

Unter diesem Motto hat vor wenigen Tagen ein durch Deniz Yücel und den PEN Berlin initiiertes Bündnis einen Spendenaufruf zugunsten freier türkischer Medien veröffentlicht. Deniz Yücel war selbst vom 27. Februar 2017 bis zum 16. Februar 2018 als Türkei-Korrespondent der Welt wegen angeblicher „Terrorpropaganda“ in türkischer Untersuchungshaft.

Am Bündnis beteiligt ist auch die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). „Ziel des Spendenaufrufs ist, möglichst vielen freien türkischen Medien eine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen, um unabhängige Berichterstattung zu ermöglichen“, erklärte dazu Christoph Schmitz-Dethlefsen als für Medien zuständiges Mitglied des ver.di-Bundesvorstandes. Man zeige sich somit „solidarisch mit der von hunderttausenden mutigen Demonstrierenden getragenen Demokratiebewegung in der Türkei, die für freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit sowie für Meinungs- und Pressefreiheit eintritt“.

PEN-Kampagne

Zahlreiche deutsche Zeitungen und Magazine unterstützen die Kampagne mit Werbeanzeigen. Mehr Informationen über das Bündnis hinter dem Spendenaufruf finden sich auf https://penberlin.de/tuerkei

Im Zuge der Protestbewegung nach der Inhaftierung des ehemaligen Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu stehen viele unabhängige Medien in der Türkei unter politischem Druck, werden mit Strafen oder Anklagen bedroht oder ihnen wird die Finanzierungsgrundlage entzogen, nachdem sich die Vermarktungsbedingungen massiv verschlechtert haben. So hat auf mutmaßlich politischen Druck der Konzern Alphabet seine Algorithmen für den Dienst Google derart geändert, dass Onlinewerbung der betroffenen Medien weniger Reichweite und damit Einnahmen generiert. Außerdem sind Stornierungen und ein massiver Rückgang von Werbeeinnahmen zu verzeichnen.

Journalismus muss arbeitsfähig bleiben

„Unsere türkischen Kolleginnen und Kollegen sollen für ihre Arbeit nicht mit drakonischen Strafandrohungen überzogen und an ihrer Arbeit gehindert werden“, betonte auch Lars Hansen, Co-Vorsitzender der Deutschen Journalistinnen und Journalisten-Union (dju) in ver.di. „Ihre Medien, Zeitungen, Onlinemedien und Rundfunksender sollen durch unseren Spendenaufruf wenigstens ansatzweise wieder arbeitsfähig werden, denn Journalismus ist nicht umsonst zu haben und ist vor den Protesten auch durch Werbung hinreichend finanzierbar gewesen. Deshalb brauchen unabhängige türkische Medien nun unsere finanzielle Unterstützung.“

 

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ver.di übt Kritik an ZDF-Intendant

Der Vorgang der Ausladung der Musiker Igor Levit und Danger Dan aus der 100. Ausgabe des Satire-Magazins „Die Anstalt“ (Sendetermin am 21. Juli 2026) wirft große Wellen. Der Auftritt wurde durch eine kurzfristige Entscheidung des ZDF-Intendanten Norbert Himmler verhindert. Daran übt auch der ver.di-Bundesvorstand starke Kritik.
mehr »

Politische Ausladung: ZDF sagt Auftritt ab

Ein neues Lied von Igor Levit und Danger Dan heißt "Keine Angst" und erscheint zum 17. Juli 2026. Es handelt vom möglichen Widerstand gegen eine zunehmende politische und gesellschaftliche Faschisisierung, wie sie weltweit und auch in Deutschland zu beobachten ist. Ein Auftritt der Künstler mit dem Song sollte ebenfalls für die 100. Sendung von "Die Anstalt" aufgezeichnet werden, die am 21. Juli 2026 erscheint. Dann lud das ZDF Danger Dan und Igor Levit kurzfristig aus.
mehr »

RSF: Kritik an Reform der Nachrichtendienste

Die Bundesregierung möchte dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) deutlich mehr Befugnisse einräumen, das hat sie am 14. Juli 2026 in einer 700-seitigen Stellungnahme dargelegt. Der Schutz von Journalist*innen und ihren Quellen wird darin systematisch abgebaut, kritisiert Reporter ohne Grenzen (RSF). Und das ist nur ein Kritikpunkt an der Reform, die an anderer Stelle als "unanständig" kritisiert wurde.
mehr »

Österreichs „Standard“ in Deutschland

Kann eine österreichische Tageszeitung im zehnmal größeren deutschen Markt bestehen? Während viele Medienhäuser bei Expansionsversuchen viel Geld investierten und scheiterten, verfolgt der Wiener „Standard“ seit Jahren einen anderen Weg. Die deutsche Website derstandard.de ist weniger Angriff auf etablierte Anbieter als vielmehr ein strategisches Versuchslabor. Dort testet der Verlag Technologien, Geschäftsmodelle und digitale Strategien – mit erstaunlichen Erkenntnissen.
mehr »